40 000 Kuchen im Jahr – alle wie von Oma

Katharina Mayer hat vor sieben Jahren ein Start-up gegründet, in dem Seniorinnen und Senioren Kuchen backen, so ihre Rente aufbessern und neue Kontakte schließen können. Das funktioniert so gut, dass sie bald in eine größere Backstube ziehen.

Im Rückgebäude der Landsberger Straße 59 riecht es nach Nüssen, die zusammen mit jeder Menge Zucker und Fett in einer Form im Ofen gelandet sind. Die Backstube ist wie jede andere mit Arbeitsflächen, Öfen und Verpackungsstation ausgestattet. Doch unterscheidet sich der Raum von vielen anderen Konditoreien in München.

Bei "Kuchentratsch" stehen Omas und Opas an den Rührschüsseln und Springformen. Katharina Mayer hat das soziale Start-up direkt nach ihrem BWL-Studium gegründet. Das ist inzwischen etwas mehr als sieben Jahre her. Heute beschäftigt Mayer rund 45 Seniorinnen und Senioren, 20 Mitarbeiter sind zusätzlich fest angestellt. All jene musste die 32-Jährige nun durch die Corona-Krise manövrieren.

"Ich wollte etwas machen, das vor meiner eigenen Haustüre einen positiven Einfluss hat", erzählt Mayer von den Anfängen ihres Unternehmens. Die Idee zu "Kuchentratsch" kam ihr noch während des Studiums. Zusammen mit einer Freundin mietete sie einmal pro Woche eine alte Kantine. Aus einer einzigen Bäckerin, Mayers Oma, wurden irgendwann immer mehr Seniorinnen, die gleichzeitig Kuchen backen und neue Freundschaften schließen wollten.

So zog das Unternehmen im März 2015 in das Rückgebäude der Landsberger Straße 59. 40 000 Kuchen produziert das soziale Start-up in etwa pro Jahr, dazu kommt Gebäck in der Weihnachtszeit. Die Auslieferung der Bestellungen erfolgt im Raum München durch die "Liefer-Opas", außerhalb übernimmt dies die Post. Auch einige Münchner Cafés beliefert "Kuchentratsch". Zur Auswahl stehen beispielsweise Nussecken von Oma Renate, Karottenkuchen von Oma Irmgard oder der Beerenkuchen – als Backmischung – von Oma Brigitte.

"Es ist manchmal sehr viel Arbeit, aber es wird sehr wertgeschätzt", erzählt Lernhard

Brigitte Lernhard, oder eben Oma Brigitte, ist 68 Jahre alt. Nur in ihrem Schrebergarten zu arbeiten, war der Rentnerin zu langweilig. Zu "Kuchentratsch" kam sie vor etwa drei Jahren. In einer Zeitung hatte sie vom Start-up gelesen, nachdem dieses zuvor eine Finanzierung bei der TV-Serie "Die Höhle der Löwen" erhalten hatte. Sie entschied sich spontan, zur Backstube zu radeln und sich das Projekt vor Ort anzusehen. Lernhard blieb. Zur Weihnachtszeit, wenn zusätzlich zu den Kuchen auch Plätzchen und Lebkuchen gefragt sind, werde es dann schon einmal stressig. "Es ist manchmal sehr viel Arbeit, aber es wird sehr wertgeschätzt", erzählt Lernhard.

Während der Corona-Pandemie musste die Backstube ihre Türen schließen. Die Senioren und Seniorinnen zählen zur Hochrisikogruppe. Gebacken werden konnte erst wieder, nachdem alle geimpft waren. Das Team von "Kuchentratsch" organisierte Telefonlisten, damit die Bäckerinnen zumindest miteinander telefonieren konnten. Chefin Mayer musste umdenken. Um die finanziellen Ausfälle einigermaßen zu kompensieren, brachte sie innerhalb weniger Monate Backmischungen auf den Markt, die auch ohne die Dauer-Präsenz der Omas und Opas vertrieben werden konnten.

Die Senioren können bei "Kuchentratsch" nicht nur auf 450-Euro-Basis ihre Rente aufbessern

Seit etwa zwei Monaten wird bei "Kuchentratsch" nun wieder gebacken, verpackt, geliefert – und geratscht. Die Senioren können bei "Kuchentratsch" nicht nur auf 450-Euro-Basis ihre Rente aufbessern, sondern erhalten allem voran eine Anlaufstelle, um neue Bekanntschaften schließen zu können. "Kuchentratsch soll ein Vorbild dafür sein, dass unternehmerisches Handeln mit gesellschaftlicher Wirkung vereinbar ist", sagt Geschäftsführerin Mayer.

Am Ende eines Jahres einen gewissen Beitrag zu spenden und während des Jahres in der Gesellschaft nichts zu bewirken, davon halte sie nichts. Und das beeindruckt auch ihre Mitarbeiter. "Katharina ist eine tolle Frau. Sie hat sehr viel Mut bewiesen", sagt Oma Brigitte, wenn man sie nach ihrer jungen Chefin fragt. Ende des Jahres steht für das soziale Start-up eine große Veränderung bevor.

Raus aus dem Hinterhof an der Landsberger Straße und rein in eine neue Backstube an der Theresienhöhe. Statt 200 Quadratmetern Konditorei werden dort in Zukunft mehr als 600 Quadratmeter zur Verfügung stehen. Es ist eine gläserne Backstube geplant, damit Besucher des Tagescafés, das als Ergänzung zur Konditorei entstehen wird, den Omas und Opas beim Backen zusehen können. Auch eine Eventfläche mit Backkursen ist vorgesehen.

Doch bei allem Ausbau ist Mayer vor allem eines wichtig: Das Wachstum ihres Unternehmens geht immer Hand in Hand mit der Arbeit der Omas und Opas.