A rechter Schmarrn

Getümmel am Viktualienmarkt, Gemütlichkeit gleich nebenan: Wer im Steirer am Markt einkehrt, trifft auf angenehmes Ambiente und guten Service. Nur die Qualität der Hauptspeisen schwankt zuweilen – dafür entschädigt aber der Kaiserschmarrn.

Der Viktualienmarkt ist Münchens buntester Fleck. Markisen leuchten in knalligen Farben, darunter warten Köstlichkeiten vom Apfel bis zur Zwiebel in ebensolchen auf gut betuchte Käufer, denn billig ist hier nix. Das merken auch die Touristen, die einzeln, als Pärchen oder von Schirmen mit Führer darunter geführt, sich durch die Wegerl zwischen den Ständen drängeln und, so aus Fernost angereist, Entgegenkommenden gerne ihre Teleobjektive in den Wanst rammen.

Ja, es ist was los auf dem Markt, und deswegen hat sich auch außenrum ein ebenso bunter Strauß gastronomischer Betriebe etabliert, der nun um eine Blüte reicher geworden ist. Dort, wo bis vor kurzem der Löwe am Markt ein recht boaznhaftes Dasein führte und ein manchmal recht boaznhaftes Publikum anzog, residiert jetzt Hochreiter’s Steirer am Markt (ja ja, der Apostroph ist ein Schmarrn, aber den gibt es drinnen auf Nachfrage manchmal auch, und zwar in kaiserlicher Form und sehr wohlschmeckend).

Der Schriftzug wird dabei nicht nur von dem der Augustinerbrauerei flankiert, über ihm trohnt als Dachzeile das Wort Vinothek. Und dabei wären wir beim ersten Dilemma: Was ist er nun, der Steirer am Markt, ein Weinverköstigungsort, wie man ihn aus den Heurigen der Steiermark kennt, mit all seinem derben, aber wohlschmeckenden Ambiente rund um den dort in großen Krügen servierten Wein? Oder ein Wirtshaus mit Tendenz zur austriakischen Küche? Oder gar die Fortsetzung des Löwen-Wirtshauses mit anderen Mitteln? Irgendwie wohl alles oder nichts davon. Auf alle Fälle kann man sagen: Der Steirer am Markt ist in seinen Ausprägungen genauso bunt und vielfältig wie sein Namenspatron, der Markt.

Nun sind ja die Zwillingsbrüder Werner und Dieter Hochreiter keine heurigen Hasen im Gastrogewerbe. Sie betreiben auf der Wiesn die Haxenbraterei und hier, gleich ums Eck, den Biergarten auf dem Viktualienmarkt, sicher einer der schönsten seiner Art. Kein Wunder, dass beim Eröffnungsfest im Mai die übliche Eröffnungsprominenz eintraf, um den beiden die Aufwartung zu machen. Vielleicht auch mit dem Hintergedanken, dass später, wenn sie als normale Gäste kommen, 3,80 respektive 4,50 Euro für ein Gläschen Veltliner 0,1 Liter dann doch ein bisschen viel sei. Lende ertappte sich, wie er an die wunderbare Folge vom “Monaco Franze” dachte, wo Ernie Singerl auf dem Viktualienmarkt einen Bund Petersilie erwerben will und dessen Preis mit der rhetorischen Frage kommentierte: “Ja, seids es denn narrisch?”

Versöhnung durch den Tafelspitz

Narrisch oder nicht, wenn man nicht ans Geld denkt, kann der Abend bei Steirer recht vergnüglich werden, vor allem, wenn es das Wetter – was heuer selten der Fall war – erlaubt, im mit Gasstrahler beheizten Freien zu sitzen. Sobald der Ober registriert, dass hier nicht ein schnell den Durst löschender Touri sitzt, wird er ausnehmend und sehr österreichisch freundlich, serviert flugs die köstlichen, in der Steiermark aber sehr viel größeren Brote mit Auflage nach Wahl vom Tartar bis zur dort beheimateten Kürbiskerncreme (1,50 bis 2,50 Euro). Die etwas langweilige Frittatensuppe ließ mit 6,90 Euro dann doch wieder an den Geldbeutel denken, was der Tafelspitz sowohl mariniert (10,50) als auch als Hauptspeise (23 Euro) insofern entschuldigte, als er in beiden Variationen wahrhaft köstlich schmeckte, der Apfelkren zu Letzterem: ein Gedicht.

Ordentlich mundeten Lendes Mitesser das Wallerfilet, schmeckte halt ein wenig nach grundelndem Fisch, auch der Zwiebelrostbraten hätte Lob verdient, wäre er mit Zwiebel geschmückt gewesen. Ja, die vergesse der Koch ab und an, erläuterte der Ober. Eher ein schlechter Witz für 15,90 Euro war dagegen der Schweinsbraten, der zwar in mächtigen Stücken auf dem Teller lag, welcher aber derart ausgedörrt und zach war, dass an den vollständigen Verzehr nicht zu denken war. Hat wohl schon den ganzen Tag über seiner Auslieferung geharrt.

Doch wiederum gelang es dem Ober, dieses Desaster vergessen zu lassen. Als Lende auf dem Nachbartisch einen Kaiserschmarrn erspähte, der nicht auf der Karte stand, sagte der Ober fröhlich: “I frog eam nomoi” und kam Minuten später mit einem vollen Teller und mehreren Gabeln zurück. Da Wahnsinn!

Tja, und die Vinothek? Es findet sich vom Sattlerhof bis zum Winkler-Hermaden so gut wie alles, was in Österreichs Winzerei einen Namen hat, die Weißen in allen Variationen überwiegen natürlich, wobei man für einen 2013er Veltliner vom Hirtzberger schon mal 79 Euro zahlt. Der geht im Netz für knapp 20 her. Und bei der Genossenschaftskellerei Kurtatsch kostet der Sauvignon Blanc “Kofl” statt 44 auch nur 10,50 Euro. Ob also das Konzept des Steirer am Markt aufgeht? Um 21 Uhr ist der Viktualienmarkt nicht mehr bunt, sondern tot. Und im Steirer am Markt ist auch nichts mehr los.