Auf Wunsch gibt es auch Besteck, aber eigentlich ersetzt Fladenbrot Messer und Gabel, es ist zugleich Beilage und Verzehrinstrument. (Foto: Stephan Rumpf)

Abessinische Verlockungen

Der Blaue Nil in Schwabing ist die Antithese jenes Vorurteils, Afrika sei ein irgendwie konturen- und küchenloser Kontinent. Die Köstlichkeiten kommen auf einer großen Platte, von der gemeinsam getafelt wird.

Was wäre die Kostprobe ohne Mitesser. Nein, die dermatologischen Begleiterscheinungen hartnäckiger Fehlernährung sind nicht gemeint. Vielmehr die Geister, die den Essensschreibern Geschmacksassistenz, Zeugenschaft und manchmal Anteilnahme und Trost gewähren. Die SZ-Mitarbeiterin Ludmilla Hackl ist so eine gewesen, die sich ihres unbestechlichen Geschmacks, ihrer Neugier auf Unbekanntes und ihrer phänomenalen Kochkünste wegen um diese Kolumne verdient gemacht hat. Vor Kurzem ist sie zu früh gestorben und hat eine uneingelöste Verabredung hinterlassen: Blue Nile, den Blauen Nil mit seiner äthiopischen Küche. Wir sind ihrer letzten Empfehlung gefolgt.

Der Blaue Nil in Schwabing ist die Antithese jenes Vorurteils, Afrika sei ein irgendwie konturen- und küchenloser Kontinent. Im Blue Nile wurde schnell klar, was außer ihrer Schönheit an der Königin von Saba so anziehend gewesen sein muss: die Verlockung der Düfte und Gewürze ihres abessinischen Reiches.

Beginnen wir mit Kintche (4,50 Euro), einem Nationalgericht aus Gerste – früher nannte man das hierzulande Graupen -, einem schmeichelnden Appetitanreger, einmal mollig süßsauer, einmal mit markanter Würze. Der Frischkäse von überraschender Körnigkeit mit Grünkohl (4,50) würde auch distanzierte Seelen von diesem Gemüse überzeugen, das in der Küche Nordäthiopiens, das hoch liegt und Kälte kennt, zum Alltag gehört. Grünkohl, mit mancherlei Gewürz angenehm in seinen Eigenheiten gezähmt und zugleich betont, lässt sich hier als Beilage fast mit allem kombinieren. Die knusprig zarten Teigtaschen – eine universelle Küchenvorliebe – gefüllt mit Linsen, Frühlingszwiebeln und Kräutern (5) entlockten uns einiges Entzücken.

Die geschmorten geschälten braunen Linsen in pikanter Sauce mit Frischkäse tauchten auch als vegetarisches Hauptgericht auf (10), das Ergötzen weiter verlängernd. Das Talent, Hülsenfrüchte sehr markant ihren Geschmack entfalten zu lassen, erprobten wir noch mit den Kichererbsen (10) in Curcumasauce mit Grünkohl sowie den gemahlenen Erbsen in Gewürzsauce (11). Letztere gab es auch mit Rindfleisch (12). Wie in Afrika ganz allgemein haben hier vegetarische Gerichte ein Hauptgewicht ohne große Ökopose.

Uns behagte beim Fleisch am meisten das Lamm, in Würfeln pikant geschmort (12,80). Oder in Streifen mit Tomaten, Zwiebeln und Peperoni, milde oder scharf (14,50). Im Blauen Nil schwimmt nichts Übertriebenes: Schärfe war stets gebändigt, Milde wurde nie fad. Und das Fladenbrot, das allem als Beilage und zugleich Verzehrinstrument dient, da man aufgefordert ist, mit den Fingern zu essen, was eine Kunst für sich ist, das Fladenbrot also begleitet alles reichlich in einer weißen Knuspervariante und einer Sorte aus dunklem Sauerteig, auf dem alle Speise ruht. Natürlich gibt es auf Wunsch Besteck.

Die Gerichte kommen samt und sonders auf großer Platte unter einem dekorativ geflochtenen Strohdach, die Tafelrunde isst, wie es auch sonst der Brauch ist auf diesem Kontinent, gleichsam aus einem Topf. Empfehlenswert für Unkundige die diversen Kombinationsgerichte, wobei man etwa fast alles vom Lamm probieren kann (13,50) oder vom Huhn (13). Die solistische Hähnchenbrust in Curcuma und Kräutern milde geschmort gab's für 13,50 Euro. Die Kombinationsgerichte und ein ganz fabelhaftes, reichhaltiges Menü für 22,50 Euro pro Person brauchen mindestens zwei Esser. Schwein wird nicht serviert.

Wohl wissend, dass Tomaten im ganzen Südsaharagürtel vom Senegal im Westen bis zum Äthiopien vorgelagerten Horn von Afrika frisch und getrocknet eine höchst willkommene Zuspeise sind – die nahezu geschmacklosen Wintertomaten europäischer Provenienz schienen uns das einzig wirklich zu bekrittelnde, entbehrliche Ingredienz unserer Mahlzeiten.

Zum Ende wieder Hirse, süß mit Mangocreme (4), und, ganz vorzüglich, knusprig ummantelt die gebackene Mango (4,50). Zum Mahle empfahl sich stets leicht honigsüßer Tee oder äthiopischer Kaffee. Dabei weist das Haus einigen respektablen Wein unter anderem aus Südafrika aus. Der äthiopische Honigwein, der beim Menü als Aperitif gereicht wird – manchem Stammgast ist er lieb gewordenes Begleitgetränk -, ist für Liebhaber trockenen Geschmacks naturgemäß Gewöhnungssache.

Äußerst angenehm die Portionierung: Keine Mast des Gastes mit Übermaß, nichts zu schmal für starke Esser, eine seltene Tugend, die sich mit der auffällig guten Laune des Publikums paart. Große Familien mit Kindern, die nie quengeln, erwartungsfrohe kleine Festgesellschaften, Stammpublikum, das nicht mehr in die Karte schaut – man möchte meinen, Leute, die einander nicht grün sind, gehen nicht in ein Lokal, in dem es gilt, gleichsam von einem Teller zu essen. Über allem ein Schirm von freundlicher Umsorgung und auffälliger Friedfertigkeit, der unserer Ratgeberin Ludmilla wohl besonders gefallen hat. Ach, ein guter Ort, der Blaue Nil.

Adresse: Viktor-Scheffel-Straße 22, 80803 München, Telefon: 089/33039987, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 18 bis 1 Uhr