Alles aus einem Garten

Holger Stromberg bekochte die Nationalelf auf dem Weg zum WM-Titel. Nun hat er mit seinem Geschäftspartner wieder Aufsehen erregendes vor: Ackerbau und Fischzucht im großen Stil – und das in Stadtnähe.

Was er jetzt für die deutsche Fußballnationalmannschaft kochen würde, um sie wieder auf Trab zu bringen, kann Holger Stromberg leider auch nicht so genau sagen. Dabei war er zehn Jahre lang Mannschaftskoch der DFB-Elf gewesen, auch in Brasilien, als das deutsche Team Weltmeister wurde. Sein letztes Buch trug den Titel "Essen ändert alles", und mit Krisen und Problemen kennt sich Stromberg inzwischen auch ganz gut aus.

Allergien haben ihm schon zu schaffen gemacht, er weiß also, was die richtige Ernährung bewirkt. "Aber was die jetzige Situation bei der Mannschaft angeht", sagt er, "bin ich momentan eigentlich ganz froh, dass ich da nicht mehr involviert bin."

Dafür ist er ganz woanders involviert, als Koch und als Unternehmer nämlich. Stromberg wird jetzt gewissermaßen Biobauer, aber das im großen Stil. Der ehemalige Sternekoch, vor Kurzem 49 Jahre alt geworden, hatte sich bereits vor knapp 20 Jahren selbständig gemacht als Caterer, Berater und Eventkoch.

Bei einer seiner Events lernte er dann Martin Seitle kennen, einen Ingolstädter mit großen Visionen: Er hatte gerade das Start-up Organic Garden, zu Deutsch: Bio-Garten, gegründet, ein Unternehmen, das ökologisch erzeugte Lebensmittel mit allen Schikanen produzieren und vermarkten will. Man kam ins Gespräch, und seit Ende 2020 ist Strombergs Firma nun ein wesentlicher Bestandteil von Organic Garden. Eine Fusion, von der beide Seiten etwas haben.

Die Idee ist nicht neu, im Gegenteil

Denn Strombergs Kerngeschäft hat unter der Pandemie wie alle anderen gastronomischen Betriebe stark gelitten. Hinzu kommt seine Kompetenz als Ernährungsberater – der Koch hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum leidenschaftlichen Verfechter nachhaltiger Lebensmittelproduktion und gesunder Ernährung entwickelt. Und mit seiner Vorgeschichte ist er für ein junges Unternehmen, das Großes vorhat, das beste Aushängeschild.

Eigentlich ist die Idee hinter Organic Garden so neu ja nun gar nicht. Denn es handelt sich vom Grundsatz her auch nur um Ackerbau und Viehzucht, wie es sie in Tausenden Jahren schon gegeben hat: Alles, was angebaut und aufgezogen wird, soll in erster Linie der Nahversorgung dienen, es soll nichts davon im Abfall landen und jeder soll wissen können, wo das herkommt, was da auf dem Teller landet.

Warum das trotzdem so revolutionär klingt, das liegt an der immer noch fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft, an Megaställen und Monokulturen. Kurz, an einer Produktionsweise, die nichts hält von einer nachhaltigen Entwicklung, sondern auf den schnellen Euro fixiert ist. Im Ergebnis führt das beispielsweise in München zu einer Versorgungslage, die stark abhängig ist von internationalen Lieferketten. Würden die zusammenbrechen, etwa infolge einer Pandemie, wäre die Stadt nur noch zwei bis drei Tage mit Lebensmitteln versorgt, so hat der Münchner Ernährungsrat einmal festgestellt. Denn die regionale Versorgung lässt in vielen Bereichen und bei vielen Lebensmitteln eben sehr zu wünschen übrig und ist oft an sehr kurze Fristen gebunden.

Das Konzept steht, fehlt nur der Grund

Das Geschäftsprinzip von Organic Garden setzt hier an: Regionale Erzeugung von hochwertigen Lebensmitteln im großen Maßstab ist das Ziel des Unternehmens. Dafür hat Gründer Seitle bei Investoren schon viel Geld eingesammelt, Organic Garden ist nicht ohne Grund als Aktiengesellschaft konzipiert. Derzeit ist man in der Metropolregion München, die von Südbayern bis nach Ingolstadt reicht, unterwegs auf der Suche nach genügend Grund, wo der erste Bio-Park von Organic Garden entstehen. "Wir haben vier passende Flächen in Aussicht", sagt Geschäftsführer Martin Wild, "wir brauchen 25 bis 30 Hektar. Die sind nicht so einfach zu finden." Bis zum Sommer aber will man mit den Grundstücksbesitzern handelseinig werden.

Gemüse- und Fruchtanbau soll hier ebenso möglich sein wie Fisch- und Algenzucht sowie Weiterverarbeitung. Eine Markthalle soll anderen Produzenten aus der Umgebung die Möglichkeit geben, ihre Erzeugnisse auszubreiten, es wird Eventflächen geben und ein Besucherzentrum. "Die Menschen sollen sehen können, wie ihr Essen entsteht", sagt Holger Stromberg, "der Weg vom Feld auf den Teller muss so kurz wie möglich sein."

Damit das alles funktioniert, kommt modernste Technik zum Einsatz, Digitalisierung und "Smart Farming" lauten hier die Stichworte. Und weil von der Aussaat bis zum Endverbraucher immer nur Organic Garden zum Einsatz kommt, sagen Stromberg und Wild, lassen sich auch die Preise im Rahmen halten. "Normalerweise sind an der Wertschöpfungskette mehrere verschiedene Partner beteiligt", so Wild, "wir machen praktisch alles alleine." Das ist sehr wörtlich zu nehmen, denn sogar aus den Ernterückständen wird wieder Kompost und Aufzuchterde gewonnen, aus Biomasse und Holzhackschnitzel Energie erzeugt und so weiter. Ein vollständiger biologischer Kreislauf ist das Ziel des Ganzen.

Nicht umerziehen, sondern "umbegeistern"

Was hinten rauskommt, ist äußerst vielfältig nutzbar. Stromberg sagt, er denke an Catering für Schulen, Kindergärten, Kantinen und Veranstaltungen aller Art, dazu natürlich Produkte für den Einzel- und Großhandel unter dem Markennamen Organic Garden. Die Sache ist ausbaufähig, auch wenn man sich erst einmal auf rund 20 Produkte beschränken will. Und dann will Stromberg auch eine Reihe von eigenen Gerichten entwickeln, die seine Vorstellung von nachhaltiger Ernährung, "die auch den Planeten schont", entspricht.

Stromberg lässt da gerne den Begriff "umbegeistern" fallen, er will die Menschen ja nicht erziehen, sondern für eine andere Lebensweise begeistern. Was man sich darunter vorzustellen hat, kann man Ende nächster, Anfang übernächster Woche auf dem Viktualienmarkt in der Heiliggeiststraße 1 erkunden. Dann eröffnet dort der erste "Organic Garden Store", der den extra von Stromberg kreierten "Green Hot Dog" auf pflanzlicher Basis verkauft, und kurz danach geht auch der Onlineshop unter www.organicgarden.dean den Start.

Da schließt sich ein Kreis, denn 2009 erlangte Stromberg eine gewisse Berühmtheit, weil er in Berg am Laim eine Gourmet-Currywurstbude namens "Curry 73" eröffnete. Fünf Jahre später wurde Deutschland bekanntlich Fußballweltmeister. Wie das 2026, fünf Jahre nach dem "Green Hot Dog" aussieht, auch eine sehr stadiontaugliche Mahlzeit, ist noch nicht raus. Auf Deutschland zu wetten ist aber riskant.