Atmosphäre aus dem Baukasten

Ein stilsicher komponiertes Durcheinander, als säße man in Italien: Das Kleine Kameel am Hofgraben überzeugt mit elegant zusammengewürfelter Einrichtung und gut gelaunten Kellnern. Bleibt nur die Sache mit Eros Ramazzotti.

Wie schaffen die das immer wieder? Es reicht der Besuch einer beliebigen Eckbar einer beliebigen italienischen Stadt, um das Phänomen zu sehen: Fast immer wirkt die Bar, als wäre sie aus nicht zusammenpassenden Komponenten zu einem Lokal gestückelt, und trotzdem umfängt einen fast immer eine angenehm heimelige Atmosphäre inmitten dieser Lokal-Baukästen. Das ist am Hofgraben 3, hinter der Alten Post, im Kleinen Kameel nicht anders.

Da gibt es die Glaswand, durch die Passagen-Passanten hineinsehen können und auf cremefarbene Ledergarnituren schauen, oder die von innen und außen vollverspiegelte Toiletten-Ecke. So weit, so elegant, stünde nicht am Eck zur Theke ein beleuchteter Glaskühlschrank, in dem Champagner- neben Plastikwasserflaschen liegen, davor sind in Plastik verpackte Tramezzini ausgelegt. Ein Blumenstrauß und im Sieb gestapelte Orangen, dazu Kakteen auf den Tischen, neben den Tageszeitungen hängt eine Ukulele am Fenster, das Besteck wiederum ist mit feinen Kamel-Umrissen verziert – ein stilsicher komponiertes Durcheinander, ein misto, und mittendrin zwei stets gut gelaunte Kellner (Wie schaffen die auch das immer?), die jedem Mann ein “Ciao bellissimo!” zurufen.

Schmachtender Eros

Zwei “Bellissime!” hocken beim abendlichen Lästerratsch in fein säuselndem Münchnerisch, je einen Pastateller und einen Hugo (6,50 Euro) vor sich. Eine Frau studiert ihren Aktenordner beim caffé , ein ergrauter Herr ordert Saft, ehe er sich eine Lesebrille aufsetzt und die Zeitung aufschlägt. Und im Schaufenster zum Hofgraben lässt sich ein rosa krawattierter Geschäftsmann von einer blonden Dame im fast durchsichtigen weißen Oberteil bewundern, wie er die Pfeffermühle bedient.

Die Kühlvitrinen beleuchten den Raum, und Eros Ramazzotti singt. Auch das ist ja einmalig: Warum glauben offenbar fast alle italienischen Gastronomen, in Deutschland Ramazzotti auflegen zu müssen? Dessen Ruf ist doch hier genauso zweifelhaft weichspülig wie in seiner Heimat, wo ein schmachtender Eros höchstens aus Versehen zu hören ist. Auch könnte man beim Negroni (9,50 Euro) den allzu langen Strohhalm weglassen, aber das sind eher wirklich pingelige Einwände, kein Ramazzotti kann die luftig lebensfröhliche Atmosphäre zerstören.

“Oggi è una bella giornata” steht auf einer Tafel, heute ist ein schöner Tag. Wenn man durch die Fenster des Kameels schaut, auf jeden Fall.



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