Alessandra Schellnegger / Alessandra Schellnegger

Auf ein Bier mit den Nachbarn

Der Giesinger Garten lockt mit einem schönen Ambiente. Nur das Essen ist alles andere als aufregend.

Fast jeder hat so ein Lokal, das er einigermaßen regelmäßig aufsucht. Nicht, weil es da etwas ganz Besonderes gäbe. Sondern weil es nahe liegt, am Eck, in der Nachbarschaft. Dorthin geht man, wenn man gerade Hunger hat. Oder Lust auf ein Bier. Weil man gerade zu faul zum Kochen ist. Weil die eigenen vier Wände einem zu eng werden. Weil man sich mit Freunden trifft. Weil man an einem schönen Sommermorgen draußen frühstücken möchte. Oder, dito, an einem lauen Sommerabend draußen speisen, wenn’s dann doch regnet, gern auch drinnen. Die Nachbarschafts-Wirtschaft ist ein oft unterschätzter, aber wichtiger Teil der Nachbarschaft.

Untergiesing ist noch so eine Nachbarschaft, ein Teil Münchens, der noch nicht nobles Quartier, immer noch schlicht Viertel ist, allem Gentrifizierungsdruck zum Trotz, dem isar- und innenstadtnahe Gegenden in dieser teuren Stadt ausgesetzt sind. Auch den Hans-Mielich-Platz hinter dem Bahndamm hat man ja ziemlich gründlich saniert, und die Wirtschaft in der fernen Ecke des Platzes, in der lange ein Italiener der einfachen Pizza- und Pasta-Bolo-Klasse aushielt, wurde ebenfalls von Grund auf renoviert.

Doch keine Angst: Der Giesinger Garten sieht nun so aus, wie so eine Nachbarschafts-Wirtschaft auszusehen hat. Parkettboden, Wände, Tische, Stühle, alles in Holz, an der Decke Stuck, schön altmodische Leuchten, Wandhaken für die Garderobe und die Zeitungen des Tages, Blumen an den Fensterbänken, ein Hinterzimmer im gleichen Stil. Alles wirkt, als wäre es aus den alten Zeiten gerettet worden, als der Bauverein Giesing hier seinen mächtigen Genossenschaftswohnblock hinstellte. Der Fernseher, auf dem die Spiele der lokalen Giesinger Fußballvereine, der Blauen wie der Roten, übertragen werden, versteckt sich in einem hölzernen Kasten.

Dazu passt der namensgebende Wirtsgarten. Groß und grün ist er, die Tische verteilen sich auf Kies in einer Ecke des Platzes, der die Sanierung angenehm unaufgeräumt überstanden hat. Da stehen noch, pflanzenumrankt, ein Trafohäuschen und ein paar Relaiskästen herum, eine Litfaßsäule, Hecken und Mäuerchen und vor allem prächtige alte Kastanien, die Schatten spenden. Vom Bahndamm, der diesem Teil Untergiesings lange seinen unüberhörbar kreischenden Sound gab, ist das Knattern der Züge dank des Lärmschutzzauns nur gedämpft zu hören.

Das ist ein schöner Ort zum Frühstücken. Es gibt eine eigene Frühstückskarte, allzu groß ist die Auswahl allerdings nicht: “Kleines Giesing” für einen knappen Fünfer mit Ei, Marmelade und Honig, “Großes Giesing” für vier Euro mehr, Käse- und Wurstscheiben und ein Prosecco. Dazu gibt es Rühreier, Spiegeleier, Weiß- und andere Würstel – und auf den Frühstückstellern leider reichlich Verpackungsmüll: Butterpapierpackerl, Honigplastikpackerl, Nutellaplastikpackerl. Anders als in Hipster-Gegenden findet sich das Wort “vegan” nicht auf der Karte. Müsli und anderer Körnerkram? Fehlanzeige. Das einzige Zugeständnis an frühstückende Vegetarier ist, dass es den Strammen Max auch als Stramme Lotte ohne Schinken gibt, aber ja, natürlich mit Käse und Ei.

Wird es später am Tag, bietet die Karte ein bisschen was für jeden an: Salatteller, Ofenkartoffeln, Flammkuchen, Nudeln, Heimisches. Das muss für eine Wirtschaft, die alle in der Nachbarschaft ansprechen will, nichts Falsches sein. Allerdings, um es vorweg zu sagen, trägt die Küche bestimmt nicht zur Gentrifizierung bei.

Dabei kommen die Suppen, wie es derzeit allüberall unerlässlich zu sein scheint, nicht in so etwas Banalem wie einem gewöhnlichen Suppenteller auf den Tisch, sondern in einem Einweckglas. Über dessen Inhalt ließ sich weder groß klagen noch in überschwänglichen Lobpreis ausbrechen: Die Tomatensuppe hatte vielleicht einen Hauch essigsauren Beigeschmacks, bei der Karotten-Ingwer-Suppe lag die Betonung ganz eindeutig auf Ingwer.

Ordentlich war auch der Schweinsbraten, angenehm saftig das Fleisch, knusprig, allerdings nur beigelegt, die Schwarte. Die Kartoffelknödel lagen zwar nicht mustergültig, aber locker genug daneben, auch sie auf der Qualitätsstufe: durchaus ganz ordentlich. Von den Bratkartoffeln (auf der Karte “Röstkartoffeln” genannt) ließ sich das allerdings leider nicht sagen: Sie häuften sich weich, lätschert, würz- und salzlos neben dem Wiener Kalbsschnitzel, das mit knapp 16 Euro das bei Weitem teuerste Gericht auf der ganzen Karte ist.

Das Fleisch im Wirtshausgulasch war ein bisschen zu trocken geraten, die Soße dazu anständig scharf, der Semmelknödel anständig. Für die Bandnudeln allerdings hätte sich Vorgängerwirt Vito wohl fremdgeschämt: Al dente waren sie lange, bevor sie den Topf verließen, auf dem Teller ersoffen sie geradezu in einer Sahnesoße (Karte: “Weißweinsoße”), auf der ein kräftiger, aber etwas allein gelassener Ziegenkäse schwamm. Die Apfelkücherl schließlich bestanden aus deutlich mehr Teig als Apfel.

Fazit: Von weit her muss niemand in den Giesinger Garten reisen. Wer in der Nähe ist, kann hier günstig, nicht immer aufregend, aber in sehr freundlicher Umgebung essen und trinken. Die Augustiner-Halbe kostet 3,50 Euro.