Auf einen Drink mit einer surrealistischen Dame

Anzugträger treffen in der Bar, die früher das eher schummerige “Konsulat” war, auf Alternative. Doch statt einer Dame trifft man bei “Frau Bartels” erst mal nur Männer.

Die drei Männer hinterm Tresen tragen Jeans, Fünftagebärte und weit ausgeschnittene T-Shirts. Auf einem Kopf sitzt eine Kappe mit Schirm nach vorn, auf einem eine mit Schirm nach hinten, und auf dem dritten eine Wollmütze. Moment, und wo ist nun Frau Bartels? Sie begrüßt den Gast schon an der Eingangstür: eine surrealistische Zeichnung eines Frauenkopfes, der sich auch auf der Getränkekarte und im Namen des Hausgetränks Bartels Sprizz (Weißwein, Soda, Cassis, Orangina, Limette, 6 Euro) wiederfindet. Wer Frau Bartels aber ist, ob sie real existiert, das bleibt vorerst ein Geheimnis und darf die Fantasie der Gäste anregen.

Genauso wie einige der Einrichtungsgegenstände: eine kleine Boxerskulptur an der Wand, ein an einen Seziertisch erinnerndes improvisiertes Möbelstück zum Dranlehnen und Bierabstellen, ein alter Süßwarenautomat im hinteren Raum, der sich mit einem riesigen Sofa und Pflanzen wohnzimmergemütlich präsentiert. Reduktion und Minimalismus bestimmen die Atmosphäre im Hauptraum, trotzdem kommt er dank der Lichtgestaltung nicht kühl, sondern warm daher.

Mehr Licht reinzubringen in den Laden, der früher das eher schummrige Konsulat gewesen ist, das war Lion Wagner wichtig. Vor einer Woche hat er Frau Bartels zusammen mit Maximilian Thurnhuber und Stefan Köddermann eröffnet. Letzterer betreibt auch die Benko Bar in der Maxvorstadt.

Am ersten Wochenende war bei Frau Bartels schon ab acht Uhr kein Reinkommen mehr. Aber auch an einem Mittwoch ist die Bar gut gefüllt. Die leicht schrammelige Komponente des Erscheinungsbildes, ein Boden aus fleckigem Guss-Estrich, eine unverputzte Wand, ist aufwendig hergestellt. Ein bisschen, wie wenn Männer sich ihre Haare eine halbe Stunde lang so stylen, dass es aussieht, als seien sie gerade erst aufgestanden und ihre Frisur kümmere sie nicht die Bohne.

Die Getränkekarten sind an schweren Messingtafeln befestigt. Das sieht gut aus, aber man lässt sie sich besser nicht auf den Fuß fallen, könnte schmerzhaft werden. Im Innern finden sich nicht 50 Gin-Varianten, sondern eine Reihe zumeist fruchtig-saurer Cocktails (9,50 Euro) sowie eine kleine, feine Auswahl an Weinen (0,2 Liter für 6 Euro). Die bekommt Wagner, der aus einer Regensburger Gastronomenfamilie stammt, von seinem Vater, der sie direkt bei den Winzern in Österreich und Frankreich bezieht. Der Herr Papa, der Kunst sammelt, hat auch die Bilder und Skulpturen an der Wand beigesteuert.

Das Publikum ist irgendwo zwischen studentisch, kreativ und bodenständig-berufstätig anzusiedeln und trinkt gern den hauseigenen, recht süßen Bartels Sprizz (Frauen) oder ein Chiemseer Helles (3 Euro, Männer). Aus den Boxen schallt elektronische Musik, für Afterwork-Gespräche am frühen Abend fast etwas zu laut. Später wird es souliger, mainstreamiger. Wagner, der ein Jahr in Kapstadt gelebt und sich bei der Gestaltung von den dortigen Bars hat inspirieren lassen, wünscht sich einen Ort, an dem Anzugträger mit Alternativen plaudern. Dass sie mit allen kann, darf Frau Bartels jetzt beweisen.