Stephan Rumpf

Bayerische Klassiker, neu interpretiert

Das Restaurant “Kini’s Kitchen” am Leonrodplatz kocht mit Anspruch, aber nicht immer mit Erfolg: Beim Umgang mit den Traditionsgerichten zeigt sich, was ein Neo-Bayer wirklich kann.

Mit den Neo-Bayern ist das immer so eine Sache. Traditionsgerichte neu interpretieren – das ist eine Standardaufgabe der gehobenen Küche. Alfons Schuhbeck machte sich einst damit einen Namen, indem er zum Beispiel in die Schweinebratensoße noch eine Ingwerwurzn tauchte. Oftmals genügt ein behutsamer Eingriff, um einem Gericht so den letzten Schliff zu geben.

Im Kini’s Kitchen am Leonrodplatz gibt man sich mit behutsamen Eingriffen allerdings nicht zufrieden. Kini’s Kitchen – der Name sagt’s schon: Man kocht hier bayerisch mit Anspruch und zugleich ein bisschen abgedreht. “Kuli-narrisch” steht draußen auf dem Wirtshausschild, und das ist nur eine von vielen Anspielungen auf König Ludwig II., den “narrischen Kini”.

Vier Münchner haben sich zusammengetan und das frühere, schon recht abgewohnte Leon’s Wirtshaus aufgemöbelt. Die dunkle Holzvertäfelung bekam einen türkisen Anstrich, auch die Stühle, die einen Hauch von Bundeswehrkantine ausstrahlen, wurden bunt. Die Terrasse vor dem Haus wurde zur Lounge mit Biergarten umgestaltet, und so ist das ganze Wirtshaus ähnlich abwechslungsreich und vielfältig wie der ganze Leonrodplatz, der ja auch sämtliche Funktionen zwischen Einkaufszentrum, Recyclinginsel, Taxistandplatz und Radlverleihstation erfüllt.

Derlei Multifunktionalität will wohl auch die Küche bieten. Vom Frühstückscafé bis zum Kneipensnack ist alles im Programm. Der ganze Stolz des Hauses ist freilich die Karte mit Vor-, Haupt- und Nachspeisen, denen man jeweils zwei Adjektive verpasst hat. “Sweet & Tussi” ist zum Beispiel eine Vorspeise mit zweierlei Ziegenkäse, einmal cremig und einmal karamellisiert, zusammen mit Blaubeercreme und eingelegten Datteln (9,50 Euro). “Zärtlich & versaut” nennt sich, natürlich, der Schweinebraten 13,50).

An ihm, dem unverrückbaren Prüfstein eines jeden bayerischen Wirtshauses, lassen sich die Absichten, aber auch das Dilemma der Kini-Köche recht gut beschreiben. Die Ausgangslage war durchaus viel versprechend. Bei unseren Besuchen stammte das Fleisch entweder vom Iberico- oder vom Landuro-Schwein und wurde, laut Karte, zwölf Stunden im Ofen gegart. Das Fleisch war dann auch in der Tat schön zart, versaut hat es der Koch aber durch seine übrigen Einfälle. Die Bratensoße erinnerte auffällig an die Industrieware multinationaler Lebensmittelkonzerne. Dafür hatte das dazu gereichte Chilli-Rahmkraut so viel Chilli abbekommen, dass es ärgerlich dominant den Geschmack des ganzen Gerichts prägte. Das Wunderlichste aber waren die beiden golfballgroßen Kartoffelknödel, die obendrein noch in einer Panade herausgebacken wurden. Sie erinnerten frappant an die sogenannten Superbälle oder Flummis aus den Spielwarenabteilungen – jene Vollgummikugeln, die man an die Wand wirft und die dann etwa 15 Mal quer durchs ganze Zimmer sausen. Die Versuchung war groß, das mit dem Kartoffelknödel auch im Lokal zu versuchen, aber die Rücksicht auf die anderen Gäste siegte. Von der Konsistenz her waren die Knödel übrigens nicht so hart wie Flummis.

Zäher Rinderbraten, trockenes Schnitzel, aber köstliches Rumpsteak

Eher hart statt zart war an einem Abend auch der angeblich 48 Stunden lang geschmorte Rinderbraten (18,50), eine Art Böfflamott also. Gleich beim ersten Stück biss Marcelinus auf eine nahezu unzerstörbare Sehne, der Rest des Bratenstücks war leider ziemlich zäh. Vielleicht nur ein Ausreißer, das falsche Stück vom Rind? Die Bedienung meinte, sie werde das sofort der Küche melden. Damit war der Fall offenbar erledigt, denn von dort war nichts zu hören. Die Servicekräfte des Kini sind übrigens sehr nett und freundlich, meist jedoch Aushilfskräfte und oft ein wenig überfordert.

Das panierte Schnitzel vom Kalb (19,50), ein anderer Klassiker, war zwar richtig schön dünn, dafür aber doch arg trocken. Warum die Panade mit Kürbiskernen aufgemotzt wurde, war nicht ersichtlich, sie war dann doch recht fade. Wofür man zum Kartoffelsalat Röstkartoffeln verwandte und Meerrettich druntermischte? Das bleibt ein Rätsel. Schlüssig ist das alles nicht, es liegt wohl am Willen zur Originalität.

Da geht dem Küchenteam jedenfalls manchmal der Gaul durch, muss man leider sagen. Die Melonenwürfel zum klassischen Rindercarpaccio Cipriani (12,50) etwa steuern eine unpassende Süße bei. Dafür gelingen andere Kombinationen wieder sehr gut. Das Ceviche vom Lachs mit Gurkenschaum und Wasabicreme (13,00) war köstlich, und besonders bei den Salaten und der vegetarischen Abteilung kann das Kini’s Kitchen punkten. Und einmal fand Marcelinus auf der Tageskarte gar ein Bayerisches Rumpsteak (22,50), das zwar nur ein ziemlich schmales Stück von vielleicht 70 Gramm umfasste, dafür aber schön umspielt wurde mit angebratenem Spargel, diversen Kräutern sowie Schäumchen und Cremetupfern von, beispielsweise, Wasabi und Kren, die auch dem Teller eines Sternelokals durchaus Ehre gemacht hätten.

Sie können also schon was im Küchentrakt vom Schloss Leonrod, übertreiben es aber – fast wie der Märchenkönig – bisweilen ohne Maß und Ziel. Besonders bei den Klassikern misslingt das leicht, handelt es sich doch hier um Gerichte, die sich über Jahrhunderte hinweg zu einer gewissen Perfektion entwickelt haben und bei denen allzu grobe Veränderungen dann sauer aufstoßen (Während der Fußball-WM gibt es im Kini’s Kitchen nur eine stark eingeschränkte Speisekarte).