Das große Klotzen

Das “Storia” legt optisch einen fulminanten Auftritt hin. Doch beim Geschmack wäre mehr Sorgfalt gefragt.

Wenn man in München nach einem guten italienischen Lokal gefragt wird, fällt einem immer dasselbe halbe Dutzend ein – was angesichts der Fülle an “Italienern” eigentlich ein Armutszeugnis ist. Aber es ist ja leider so: Wer regelmäßig mit einem guten Restaurant-Führer das Land bereist und die dortige Küche der jeweiligen Region genießt, wird irgendwann mal anspruchsvoller und lässt sich daheim nicht mehr mit Gerichten abspeisen, die man in der eigenen Küche mit ein paar Handgriffen und ein paar guten Zutaten selber besser hinbekommt. Wirklich gute italienische Restaurants punkten meistens mit einer kleinen Speisekarte, regionalen Rezepten, exzellenten Zutaten und einem hervorragenden Service. Nur so hebt man sich von der Masse der langweiligen Pizza-Calzone- und Penne-al-arrabiata-Fraktion ab.

Insofern machte uns die Speisekarte des Storia neugierig: Sie ist angenehm überschaubar und weist auf gehobene Ansprüche hin. Dass die Inhaber aus dem schönen Cilento in Süditalien stammen, verstärkte die Lust auf einen Besuch. Werben sie doch damit, die dortige regionale Küche anzubieten. Dazu steht eine interessante Auswahl an Pizzen auf der Karte, die nach original neapolitanischer Machart hergestellt würden, so die Werbung.

Doch zunächst zum Ambiente: Der moderne Stil mit großer Glasfront, gedämpfter indirekter Beleuchtung und vielen Brauntönen ist urban, wirkt aber ein bisschen wie aus einem Möbelhauskatalog und wegen der eng beieinander stehenden Tische nicht wirklich gemütlich. Aber gut: Man ist ja nicht hier, um die Einrichtung zu essen, sondern wegen der Karte. Und man muss gleich vorweg sagen, dass sie sich beim Anrichten der Speisen viel Mühe geben. Der Antipastiteller “Storia” (12,50 Euro), unter anderem mit Büffelricottina, Tintenfisch-Salat, Kabeljau-Pastetchen und würziger Soppressata-Salami ist ein ansehnlich angerichteter Querschnitt aus Cilento-Spezialitäten. Er bot auch geschmacklich einen gelungenen Einstieg, der Lust auf mehr machte. Schön al dente waren die Spaghetti (8,50) mit einer Soße aus San-Marzano-Tomaten, die man zuletzt so gut nur in Süditalien selbst bekommen hat. Wollte man am “Suprema di Faraona” – Perlhuhn mit getrüffelter Kastanienfüllung, gegrillter Polenta und frisch gehobelten Trüffeln (19,50) – etwas aussetzen, dann vielleicht, dass das Trüffelaroma das gelungen zarte Fleisch zu stark dominierte. Dieser Auftritt nach dem Motto “klotzen, nicht kleckern” mag zum optischen Stil des Lokals passen, aber anstelle einer solchen Manieriertheit hätte man sich bei den Speisen einfach mehr Bescheidenheit, dafür mehr Sorgfalt gewünscht.

So verschwand das Rindercarpaccio (14,50) unter einem Berg aus Rucola und dick gehobeltem Parmesan. Eine üppig eingesetzte süße Balsamicocreme machte dabei die großzügig darübergehobelten Trüffel überflüssig – aber Hauptsache pompös. Die “Triologia (sic!) di Antipasto di Mare” (14,50) mit Oktopuscarpaccio, Lachstartar und Gamberoni in Tempura sah appetitlich aus, war dann aber seltsam geschmacksarm, was leider auch auf die Fischsuppe (15 Euro die kleine Portion) zutraf, in der der Fisch entweder zu hart oder zu trocken war. Viel zu trocken war leider auch der Lachs, der ebenfalls – Stichwort Sorgfalt – viel zu üppig gesalzen war und mit einem Fleckchen kaltem (!) Kartoffelpüree serviert wurde. Was der kalte Baz auf dem Teller sollte? Deko – das gehe nicht anders, so die Kellnerin. Und wenn man schon beim Thema Salz ist: Das hätte der Koch auch bei den Bandnudeln mit Venusmuscheln (13,50) vorsichtiger dosieren können. Und die schwarzen Bandnudeln mit halbem Hummer für stolze 29,80 Euro? Verkocht – das konnte der auf den Punkt gegarte Hummer auch nicht mehr retten. Dann war auch noch die Pizza mit Fior di Latte und Salsiccia (13,50) zwar geschmackvoll belegt, aber nicht durch und viel zu teigig.

Eine eindeutige Fehlbestellung war das flachsige Wasserbüffel-Entrecote (26,90), das wir nur leicht angeknabbert zurückgehen ließen. Alles sehr schade, denn es hätte mit etwas Anstrengung in der Küche ziemlich gut sein können. Hätte! Ob und warum es denn nicht geschmeckt habe, wollte der Service übrigens gar nicht erst wissen.

Eigentlich hätten wir bei beiden Besuchen gerne noch eine Nachspeise probiert, aber wir kamen beide Male nicht zum Bestellen. Hatten wir schon am Anfang ein zu großes Weilchen warten müssen, stießen wir auch im Storia mal wieder auf das unerklärliche Phänomen, dass der Service sich nach der Hauptspeise quasi auflöst und längere Zeit nicht mehr zu sehen ist – und das bei einem nicht einmal halb gefüllten Lokal. Nach 20 Minuten auf sich alleine gestellt, verliert man dann auch die Lust und zahlt eine hohe Rechnung, über die man sich dann ein bisschen ärgert. Denn wenn ein Restaurant schon einen großen Auftritt hinlegen will, dann sollte nicht nur in der Küche, sondern auch beim Service Sorgfalt gelten. Angesichts der Konkurrenz in der Stadt ist das für ein Lokal überlebenswichtig.