“Das sind keine Mitleidsprodukte”

Die Kaffeerösterei Moccasola stellt hochwertige Erzeugnisse her – mit Angestellten, die woanders kaum eine Chance hätten.

Kaffee mag sie eigentlich gar nicht so gerne. “Lieber Kaba”, sagt Döndü Kurt. Dabei hat sie jeden Tag mit Bohnen, Kaffeeverpackungen und Milchschaum zu tun – denn sie arbeitet in der Kaffeerösterei “Moccasola” in Putzbrunn. Gerade ist es kurz vor 16 Uhr, ihr Arbeitstag ist bald zu Ende und Kurt putzt mit einer kleinen Bürste eine silberne Siebträgerkaffeemaschine. Sie ist 38 Jahre alt, trägt eine Brille und über ihren schwarzen Haaren eine rote Mütze. Langsam werde sie müde, sagt sie. All ihre Gelenke seien schon einmal operiert worden. Außerdem hat Kurt – so wie ihre acht Kollegen – eine geistige Behinderung.

Die Kaffeerösterei Moccasola gehört zur Behindertenwerkstatt Lebenshilfe. Im gleichen Gebäude am Waldrand in Putzbrunn, einem Vorort südlich von München, bauen Menschen Teile für die Automobilbranche zusammen, sortieren Schrauben und waschen Kleidung für Altenheime und Hospize. In einem Raum hinter einer Glaswand eröffnete vor einem Jahr die Rösterei. An einem Tisch sitzen zwei Frauen mit Mundschutz, Haarnetz und blauen Gummihandschuhen. Sie durchsuchen die Bohnen nach Steinen, bevor sie geröstet werden – sonst könnte die Maschine kaputt gehen. Ein anderer wiegt, Döndü verschweißt die Verpackungen.

“Wir bieten gute Qualität und ein schönes Produkt, auf das alle stolz sind”, sagt Stefan Mancassola, der Leiter der Rösterei, ein stämmiger Typ, der wie seine Mitarbeiter eine schwarze Weste trägt. Sein Team verkauft Kaffee an den Bayerischen Landtag und an ein Café der Pfennigparade. Auch einen Online-Shop gibt es (www.moccasola.de). “Das sind keine Mitleidsprodukte. Für uns gelten zum Beispiel bei der Hygiene die gleichen Auflagen wie für alle anderen.”

Früher verpackten Döndü und ihre Kollegen Ersatzteile für einen Fahrzeugbau-Konzern. Doch der Auftrag brach weg und die Lebenshilfe Werkstatt musste sich etwas Neues überlegen. Stefan Mancassola leitete schon damals die Gruppe und als gelernter Koch traute er sich auch das Kaffeerösten zu. Er kreiert die Mischungen – dafür machte er eine Ausbildung zum Barista und Hospitanzen bei verschiedenen Röstereien. In einem Nebenraum stehen 14 weiße Tonnen mit Bohnen aus Guatemala, Kolumbien, Äthiopien, Tansania, Kongo und Uganda. Neben einer Waage hängt eine Kladde mit den Rezepten. Donat Röhder, 33 Jahre alt, ist einer der wenigen Mitarbeiter, der es schafft, die Bohnen abzuwiegen. “500 Gramm ist einfach”, sagt er. “250 Gramm schwer.”

Natürlich sei das höchste Ziel, dass die Beschäftigten einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden, sagt Stefan Mancassola, der Gruppenleiter. “Doch die Realität ist eine andere. Oft ist der Druck in einer Firma zu hoch. Viele haben in der freien Wirtschaft einfach keine Chance.” Er habe das Gefühl, dass seine Mitarbeiter heute in der Kaffeerösterei zufriedener sind als früher beim Verpacken. Auch Döndü Kurt, die seit 20 Jahren in der Werkstatt arbeitet, sagt, ihr mache die Arbeit mehr Spaß. Zum Beispiel gefalle ihnen, dass die Rösterei – anders als viele andere Werkstätten – kein abgeschlossener Bereich sei, erzählt der Leiter. So würden sie manchmal mit den Kunden ins Gespräch kommen. “Früher beim Verpacken hat nie jemand gesehen, was wir leisten.”