Das Substanz feiert 30. Geburtstag

Die Kneipe war von Anfang an ein Treffpunkt der Subkultur, die in München sonst wenig Platz hatte. Heute ist sie lebendiger denn je.

Wenn so eine Szenekneipe 30 Jahre alt wird – ist sie dann noch eine Szenekneipe, oder nicht doch eher schon ein Traditionslokal? Das Fatale ist, dass das Substanz in der Ruppertstraße tatsächlich schon beides ist. Und nahezu jeder Gast, der zum Jubelfest am Mittwochabend erscheint, kann Veteranengeschichten erzählen. Fast so, als ginge es um den Krieg 1870/71 gegen die Preußen. Und dann staunen die Veteranen beispielsweise, dass die Tochter von einem der beiden Kneipengründer doch schon Anfang 30 ist, obwohl man sie auf Anfang 20 schätzte: kann ja wohl noch nicht so lange her sein!

Doch, es ist tatsächlich schon 30 Jahre, also eine ganze Generation her, dass das Substanz aufmachte. Das ging nur, weil damals gerade noch in letzter Minute der Handlauf angebracht worden war, hinunter zum Klo im Keller ("Toilette" wäre ein zu großes Wort für diese beiden Räumlichkeiten gewesen). So nahm die zuständige Gaststättenabteilung der Stadtverwaltung nach mehreren vergeblichen Versuchen den Laden dann doch noch ab. Nicht wissend, welchem Treiben sie damit Vorschub leistete.

Das Substanz war von Anfang an ein Treffpunkt der Subkultur, die in München sonst wenig Platz hatte, und ein Geheimtipp für Musikverrückte, die hier Bands am Beginn ihrer Karriere kennenlernen konnten. Misstrauisch beäugt von den Beamten des Kreisverwaltungsreferats direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite und von den Anwohnern, die es lange Zeit durchsetzen konnten, dass Konzerte schon um 22 Uhr enden mussten. Eigentlich der Tod einer jeden Musikkneipe.

Aber das Substanz ist lebendiger denn je. Eine "Szene-Kneipe" ist es vielleicht nicht mehr, schon weil es dieses Wort eigentlich kaum noch gibt und "die Szene" ja auch eine andere geworden ist. Seinerzeit – auch das ist so ein schönes Damals-Wort, das man kaum noch antrifft – kannte man die Szene schon vom Aussehen her, heute ist das anders. Auch an diesem Geburtstagsabend. Selbst Olli Nauerz vom kostenlosen Punk-Fanzine Gaudiblatt und der Band mit dem schönen Namen Einstürzende Musikantenstadl kennt man kaum wieder, weil er inzwischen seinen Irokesen abgelegt hat. Dafür legt DJ Thomas "Tommasso" Schultze wie gewohnt die etwas härteren Platten auf, und der Sänger Niklas Other und der Gitarrist Sebastian "Zerberstian" Neudecker von Hifi Mama rotzen als Duo unter dem Namen Serbo kantigen Crossover-Bluesrock von der Bühne runter. Das gibt dann wieder das gewohnte Substanz-Feeling.

Richtig gesteckt voll ist es aber dann doch nicht – wohl dem Coronavirus geschuldet. Auch Kneipengründer Frank Bergmeyer, der sich längst als Veranstalter selbständig gemacht hat, schaut ein bisschen unlustig drein. Kein Wunder, wer in diesen Tagen Konzerte verkaufen will, hat es nicht gerade leicht. Substanz-Mitgründer Jürgen Franke, der den Club nach wie vor betreibt, ist hingegen gut gelaunt. Vielleicht freut er sich auch schon auf das Vierzigjährige. Sind ja bloß noch zehn Jahre hin. Und dann ist das Substanz wohl wirklich ein richtiges Traditionslokal im besten Sinne.