Das Wohnzimmer der Fischerfamilie

Im “Kramerfeicht” in Berg am Starnberger See fühlt sich der Gast nicht wie ein Gast, eher wie ein Freund oder ein Verwandter.

Ein funktionierendes Handynetz gibt es in diesem Hause nicht, dafür aber vermutlich jede Menge Fischernetze. Auch wenn man sie nicht sieht. Denn der “Kramerfeicht” in Berg gehört zwar einer Fischerfamilie, hat aber auf wohltuende Weise auf jegliche Anspielung darauf in seinem Interieur verzichtet.

Dieses Lokal ist kein normales Restaurant. Es ist etwas Besonderes. Ein Ort, an dem man den Alltagsstress beiseite schiebt und sich ganz dem Genuss widmet – auch wenn die Sache mit dem schlecht funktionierenden Mobilfunknetz wohl kaum zum Konzept gehört. Vielmehr ist diese Tatsache wohl eher dem 1796 erbauten Bauernhof und seinen dicken Wänden geschuldet.

Das ist schon mal wunderbar. Hier sitzen keine Gäste, die wild auf ihren Smartphones herumtippen statt sich miteinander zu unterhalten. Sondern Menschen, die das kulinarische Können von den Betreibern, Steffi und Manuel Liebtrau, zu schätzen wissen – und vielleicht auch die Tatsache, dass deren Kunst nicht jederzeit verfügbar ist. Denn das “Kramerfeicht” wird meist für Veranstaltungen genutzt, als Restaurant gibt es das Ganze nur zweimal im Monat. Deshalb sollte man unbedingt drei Wochen vorher reservieren. Vermutlich wird bei dieser Gelegenheit Steffi Liebtrau am Telefon sein, die das Gespräch auf einer Bank vor dem Haus entgegennimmt. Dort ist der Empfang besser.

“Kramerfeicht” – das ist der Hausname des Bauernhofes, der der Familie Andrä gehört. Steffi Liebtrau ist eine geborene Andrä, ihr Bruder Peter betreibt die Fischerei. Eine spezielle Zunft, denn das Fischrecht ist nicht käuflich. Es ist ans Haus gebunden, in diesem Fall an die Grafstraße 6, und wird von Generation zu Generation weitervererbt, früher sogar nur vom Vater an den Sohn, wie von Steffi Liebtrau zu erfahren ist. Gibt es diesen Nachfolger nicht, muss sich die Familie etwas einfallen lassen, will sie das Recht nicht verlieren.

Der kinderlose Onkel von Steffi und Peter Andrä adoptierte daher deren Vater Siegfried. Er war es, der den Hof in den Achtzigern zum ersten Mal umbaute, damit unter anderem auch ein Fischgeschäft Platz finden konnte. Noch heute steht er selbst in diesem Laden und unterstützt seinen Sohn beim Fischen, der den Betrieb vor acht Jahren übernommen hat. Tochter Steffis Lebensweg führte zunächst in eine andere Richtung: Sie studierte Wirtschaftsgeografie in München, lernte dann ihren Mann Manuel kennen, einen Koch, der sein Handwerk im Gasthof Limm in Münsing gelernt hatte.

Gemeinsam beschlossen sie vor 15 Jahren, einen Partyservice zu eröffnen. Die Idee sei entstanden, weil ihr Bruder noch zusätzlich in einer Werft arbeitete, die oft als Kulisse für Hochzeiten diente, erzählt Steffi Liebtrau: “Da dachten wir, dass wir ja das Catering übernehmen könnten.” Daraus entstand nur ein Jahr später, 2002, die Idee mit dem besonderen Restaurant. Als zweites Standbein quasi.

Das Anwesen an der Grafstraße 6 gestalten sie dafür um: In die “gute Stube” wird ein neuer Boden verlegt, Tische und Stühle zusammengetragen, antike Lüster erstanden. Echte Hinkucker sind die kleinen Holzschränkchen, die ins Mauerwerk eingelassen sind, und aus denen Steffi Liebtrau Schnapsgläser zieht, wenn einem Gast nach einem Digestif zumute ist.

Die heute 48-Jährige weiß genau, was sie als solchen empfiehlt: 2002 ließ sie sich an der Weinakdemie UIW München zur Sommelière ausbilden. Und so kommt der Gast in den Genuss, zum Essen stets die optimale Weinempfehlung zu erhalten. Auf der Karte stehen durchwegs qualitativ gute Tropfen ausgesuchter Winzer aus Deutschland, Italien oder sogar Mallorca, was für Liebhaber autochthoner Rebsorten etwas recht Besonderes sein dürfte.

Hochprofessionell und charmant

Genau genommen jedoch gibt es ihn gar nicht, den Gast. Zumindest wird er sich hier kaum als solcher fühlen. Denn das gemütliche Ambiente unter den niedrigen Decken vermittelt eher den Eindruck, sich im Wohnzimmer der Verwandtschaft niedergelassen zu haben, einer recht lieben Verwandtschaft sogar. Denn Steffi Liebtrau umsorgt ihre Gäste zwar einerseits hochprofessionell, andererseits aber auch so charmant, dass es einem selbst schwerfällt zu glauben, sie vorher noch nicht gekannt zu haben.

Irgendwie erweckt das Ganze die Assoziation, in einem privaten Feinschmeckerclub gelandet zu sein. Viele der Gäste kommen tatsächlich immer wieder, vielleicht nicht jedes Mal, wenn die Liebtraus aufsperren. “Aber alle zwei bis drei Monate”, erzählt zumindest so manch einer an diesem Abend.

Der Grund für diese Treue liegt an den Kochkünsten von Manuel Liebtrau, 44. Was er zaubert, ist schlichtweg vortrefflich und an der jeweiligen Jahreszeit orientiert. Es stehen immer nur eine Suppe, zwei Vorspeisen, zwei Hauptgänge und eine Nachspeise auf der Karte, die einzeln oder, in etwas kleineren Portionen, als Menü verzehrt werden können. Apropos Portionen: Wer nur eine Vorspeise und einen Hauptgang verzehrt, wird kaum mehr ein Dessert schaffen, außer er hat den ganzen Tag über nichts gegessen.

Eine Strategie, die sich empfehlen würde, denn es lohnt sich, alles zu probieren. In diesem August kredenzte Liebtrau Soupe de Poisson, gestürzte Tomaten mit Wildkräutersalat und Käsesoufflé oder verschieden gebratene Sardinen, Pulpo und Garnelen mit Bohnenmus. Als Hauptgänge standen Barbarie-Entenbrust mit Cassis-Sauce und sowie auf zwei Arten zubereitetes Renkenfilet mit Pfifferlingen zur Wahl. Hervorzuheben sind die Beilagen – ob Polenta oder Risotto, beides überzeugte selbst den kohlenhydratfeindlichsten Esser.

Beim Nachtisch sang Liebtrau ein Lobeslied auf die Aprikose: Er verwandelte das Steinobst in ein Gelee, dem er eine Krone aus Holunder-Sabayon aufsetzte und dem Ganzen ein Holundereis nebst karamellisierten Aprikosen gesellte. Die Qualität der verwendeten Aprikosen war derart hoch, dass sie noch eine Stunde später am Gaumen ein Wohlgefühl erzeugte. Am Ende bleibt nur eines: Der Wunsch, sich bald wieder im handyfreien Wohnzimmer der Fischer niederzulassen.