Der Fehler liegt im Detail

Mal so, mal so: In der “Post” in Zorneding kommt es auf die Tagesform an. Im aufwendig renovierten Gasthof stimmen ärgerliche Kleinigkeiten nicht.

Der Weg führt durch einen Ort mit dem hübschen Namen Frotzhofen, weiter nach Purfing und via Wolfesing und Pöring schließlich zur alten Zornedinger Kutschenstation. Wer den “Gasthof zur Post” in Zorneding von München aus nicht auf der schnellsten Verbindung ansteuert, sondern über die Dörfer fährt, bekommt einen schönen Eindruck, wie bäuerlich es kurz hinter der Stadtgrenze sein kann. Das Land ist flach und weit, schon von fern erkennt man die nächste Kirchturmspitze, auf den Höfen werden Kartoffel (wohlgemerkt ohne N) verkauft.

Und mit ein wenig Phantasie kann man sich in die Reisenden hineindenken, die hier vor mehr als 200 Jahren im Mehrspänner gen Südosten kutschierten. Fünf Stunden dauerte es vom Marienplatz nach Zorneding, dort unterhielt die Taxis’sche “Reitende und fahrende Post” ihre erste Zwischenstation auf dem Kurs Nummer 5, der Route nach Salzburg. 1711 wurde das Durchgangsquartier eingerichtet, und die Speisekarte des Lokals vermerkt stolz, dass hier schon die Wundergeschwister Nannerl und Wolfgang Mozart nächtigten.

Die “Post” will etwas Besonderes sein

Dass der Gasthof zur Post etwas Besonderes ist und sein will, wird auf den ersten Blick deutlich. Der wuchtige Bau mit der einladenden kleinen Freitreppe dominiert den Platz an der pistaziengrün gestrichenen Barockkirche, viele Details sprechen für eine sorgfältige Renovierung der Wirtschaft in jüngerer Zeit: die schöne Sonnenuhr, der steinerne Brunnen mit dem Wappen, die schmiedeeisernen Geländer rund um den schattigen Garten.

Im Innern präsentiert sich das Haus als Mischung aus englischem Cottage und Voralpen-Chalet. Ohrensessel, Silberleuchter, alte Bauernkeramik und gestärkte Leinenwäsche – das ist um Längen geschmackvoller als der übliche Landhauskitsch. Aber die Gastgeber taten leider das entscheidende Etwas zu viel, die Arrangements wirken in der Summe dann doch austauschbar.

Auch die Küche fand nicht immer zu einer überzeugenden Linie. Ambitioniert im Anspruch und im Ergebnis deutlich über dem Durchschnittsgasthaus, stimmte ärgerlich oft im Detail etwas nicht. Die beachtliche Auswahl auf der Karte umfasste jeweils fünf Suppen und Zwischen- und Fischgerichte, elf Klassiker sowie eine ganze Palette an Nachspeisen – ein erster Eindruck, der uns allein der Fülle wegen einigermaßen überforderte.

Spagat zwischen regionaler und internationaler Küche

Die Bandbreite reichte von deftigen Innereien über Wild mit mediterranem Anklang bis zu saisonal passenden Pilzgerichten. Meeresgetier wie der Seeteufel, der mittlerweile in jeder halbwegs seriösen Kochsendung auftaucht, durfte natürlich auch nicht fehlen. Von allem etwas bieten, regional verwurzelt und international zugleich kochen, dieser Spagat misslingt allzu oft. In der Post verließen wir mal hochzufrieden den Tisch, mal beglichen wir die Rechnung regelrecht verunsichert

Die eiligsten Gäste sind bekanntlich Kinder. Wenn der Hunger rumort, muss etwas auf den Tisch – und zwar sofort. Mit dem Personal der Post war die noch nicht zweijährige Mitesserin sehr einverstanden, es brachte flott und freundlich Spätzle mit Soße (4 Euro) oder Spinat-Käsenocken (6,50) aus der Küche. Dass die stark eingekochte Bratensoße zu den Spätzle salzig geraten war, ignorierte die Testerin. Es war ihr auch egal, dass die Nocken nur aus Käse ohne eine Spur Spinat bestanden.

Die Erwachsenen nahmen es genauer: Schade, dass neben dem wunderbar saftig gebratenen Seeteufel (18) nackte Schwenk- und nicht die angekündigten Rosmarinkartoffeln auf dem Teller lagen. Zum Lammrücken (19,50), ohnehin ein eher kleiner Happen, vermissten wir die versprochenen Artischocken. Bedauerlich schludrig ging die Küche bei den Edelfischstücken (13,50) zu Werke: Punktgenau gegrillt, lagen die schmackhaften Bissen auf schlaffem Blattsalat , der im schweren Balsamicodressing ertrank.

Abhängig von der Tagesform der Köche

Dabei können die Post-Köche anders, wie sich beim durchweg erfreulichen nächsten Besuch zeigte: Schon die Pfannkuchensuppe (4) geriet ordentlich, die Erbsensuppe mit Minze (5) war ein Gedicht, sämig und doch anregend kräuterfrisch. Zum Schweinebratentest war eigens ein Niederbayer gebeten worden, der, und das ist nicht oft der Fall, die üppige Portion Spanferkel am Knochen, die lockeren Kartoffelknödel und die Soße (13,50) uneingeschränkt lobte.

Dasselbe galt für eine überraschend köstliche Kombination: das Blutwurstschnitzel (15,50). Das mit Wurstmasse gefüllte, ausgebackene Stück Fleisch ist nichts für figurbewusste Esser, schmeckte aber ausgezeichnet. Nichts auszusetzen war auch am butterzarten Saiblingsfilet mit Pfifferlingen und Spinat (16,50), an den bissfesten Tagliatelle mit Steinpilzen und gehobeltem schwarzen Trüffel (14,50). Die beachtliche Küchen-Leistung hielt diesmal bis zum Schluss – einem delikaten kleinen Schokoladenkuchen (8,50) mit flüssigem warmem Kern.