Der Himmel der Metaller

Das Tor zur Hölle oder ein gemütliches Nest? Die Heavy-Metal-Bar “Abseits” wirkt nur auf den ersten Blick furchteinflößend.

“Killing in the name of!” – Diese nicht gerade pazifistischen Worte der Band “Rage against the machine” werden uns wie mit einer eisernen Faust in die Ohrmuschel gehämmert, als wir die Tür zum Abseits öffnen.

Ist das etwa das Tor zur Hölle? Drinnen lauern allerhand finstere, langhaarige Gestalten – Metal-Fans, die uns Normalos vielleicht an die Gurgel wollen. Wir nehmen unseren Mut zusammen, treten an die große Bar in der Mitte des Lokals und bestellen: “Ein Helles bitte.” Der Barmann schaut verständnislos. “EIN Helles BITTE!!!!!!!”, brüllen wir gegen die ohrenbetäubende Musik an.

Schwupp steht es da, ein Löwenbräu, dazu bekommen wir seltsamerweise noch einen Würfelbecher unter die Nase gehalten. “GERADE ODER UNGERADE?”, schreit der Barmann uns entgegen. Was soll das den nun? Müssen wir jetzt auch noch um unser Leben würfeln? Wir tippen auf gerade, würfeln ungerade, bleiben aber erfreulicherweise am Leben.

Ein Schuft, der Böses dabei denkt. Denn nun erfahren wir von dem netten Barmann Balbir Singh, der auch Besitzer des Abseits ist: Hätten wir richtig getippt, hätte uns das Bier nur die Hälfte gekostet! Ok, das hat den Ehrgeiz in uns geweckt. Wir werden diesen Laden nicht eher verlassen, bis wir wenigstens einmal gewonnen haben.

Langsam entspannen wir uns, schauen uns die Leute etwas genauer an, die sich mit uns in dem dunkelrot bemalten, brechend vollen Lokal mit Metallica -Fahne an der Wand befinden.

Es gibt ein paar unter ihnen, die dem Klischee eines Metal-Fans entsprechen: lange Haare, lederne Hose und Jeans-Kutte mit Bandlogos. Relativ viele aber zeigen ihre Hörgewohnheiten auch nur durch schwarze Bandshirts.

Patina und Understatement

Aus den Lautsprechern dröhnt ein Classic-Metal-Song nach dem anderen von Bands wie Black Sabbath, Slayer, Iron Maiden oder Metallica – Bands, deren Ursprünge im Hard Rock und der Punkmusik der Siebziger liegen. Damals entwickelte sich auch die Metal-Jugendsubkultur. Wenn Metaller, wie wir dachten, ihrer Musik immer treu bleiben, müssten sich hier ja nur Leute in den Vierzigern und Fünfzigern befinden. Doch hier sieht man Gäste aus praktisch allen Altersbereichen – und auch viele Jung-Metaller.

“Die wollen immer das Gleiche hören, auch der Metal-Nachwuchs”, erklärt uns Betreiber Balbir Singh in einer etwas ruhigeren Ecke hinter der Bar und schüttelt dabei verständnislos den Kopf. Wer jetzt glaubt, der Besitzer eines Metal-Lokals sei selbst der größte Metaller und versuche, neue Metal-Musik zu etablieren, der täuscht gewaltig.

“Vor bald 14 Jahren bin ich aus meinem Heimatland Indien nach München gekommen und hab das “Abseits” übernommen. Damals hätte ich es hier lieber ein bisschen ruhiger gehabt und wollte andere Musik spielen, weil ich Metal gar nicht mochte”, gibt der 46-Jährige zu. “Aber keine Chance. Mittlerweile mag ich die Musik sogar irgendwie. Man gewöhnt sich an alles”, sagt Singh achselzuckend. Überhaupt habe er hier nicht viel verändert oder besser gesagt: verändern dürfen.

Patina und Understatement “Nur die Klos sind viel sauberer als vor deiner Zeit”, meldet sich Andreas Hackl, Stammgast und langjähriger Freund von Balbir Singh zu Wort. Auch Hackl ist ziemlich weit von einem Metaller entfernt, hört am liebsten Jazz. Und warum trifft man ihn dann bitte hier? “Wir sind hier schon immer hingegangen. Ich hab in der Nachbarschaft gewohnt und da war das halt das nächste Lokal. Früher waren wir 20 Leute, die sich hier regelmäßig getroffen haben. Da hast du dich nicht verabreden müssen, da war immer einer da”, erzählt der 42-Jährige.

Sicher komme er nicht mehr so oft wie früher ins Abseits. Doch ab und an schaut er noch mal vorbei und trifft hier am “Stammtisch” hinter der Theke neben den Tournierdartscheiben immer ein paar alte Bekannte – so wie heute zum WM-Fußballschauen. Seine Bekannten haben sich was zum Essen mitgebracht. Sicher dürfen die das nur, weil sie Stammgäste sind, oder? “Nein, mitgebrachte Speisen dürfen hier verzehrt werden”, erklärt Hackl.

“Die wollen nur spielen”

Das ist ja wie im Biergarten – und wie im Biergarten fühlen sich hier anscheinend auch Menschen von unterschiedlichstem Schlag und Alter wohl. Apropos Schlag: Wir hatten ja eigentlich mit Handgreiflichkeiten gerechnet. “Schlägereien gibt’s hier fast nie. Und wenn, dann geht sofort einer der Stammgäste dazwischen. Die wollen doch nur spielen”, erklärt Hackl schmunzelnd – spielen und ihre alte Mucke hören.

Sei es ihnen gegönnt, denn Metaller haben es in den letzten Jahren nicht gerade leicht. Sogar bei der Musik-Sendung Zündfunk des Senders Bayern 2 , bei der es bekanntermaßen für jede erdenkliche Musikrichtung einen Experten gibt, kümmert sich niemand um den Bereich “Heavy Metal”. Schön also, dass die Münchner Metaller hier ein Nest gefunden haben, in dem sie “in Ruhe” und mit dem alt bewährten “Futter” ihren Nachwuchs aufziehen können.

Und die anderen, die Nicht-Metaller? Die ertragen die Musik weiterhin mit stoischer Ruhe, trinken ihr Bier und denken sich wahrscheinlich: Warum was ändern? Es war doch immer schon so. Und so soll es auch bleiben.

Abseits, Marktstraße 3, 80802 München, Telefon 089/341482

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 1 Uhr Freitag und Samstag: 18 bis 3.30 Uhr. An Bundesligasamstagen ab 15 Uhr und an Bundesligasonntagen ab 16.50 Uhr geöffnet. Weiter Infos unter www.abseits-rockbar.de