Der Mann, den Tina Turner küsste

Gina Lollobrigida, Senta Berger, die Stones – alle waren mal in Kay’s Bistro zu Gast, das 2004 schloss. Nun eröffnet Kay Wörsching, Altmeister des Wohlfühlambiente, ein neues Lokal.

“Den Täter zieht es immer wieder an den Tatort zurück”, sagt der Mann mit der sehr weichen Stimme und dem wallenden altblonden Haar. Der Tatort, das ist Münchens sagenumwobenster Glitzer-Ort der vergangenen Jahrzehnte. Kay’s Bistro, am Viktualienmarkt, die Wände voller Fotos, der Tresen voller Kitsch, Lüster, Figuren, Lichter, Kerzen. Da waren sie alle. Freddie Mercury natürlich, Tina Turner, Leonard Bernstein. Damals, als München zur VIP-City wurde. Als dann vor 15 Jahren das Bistro zumachte, war es, als ob die Stadt einen Stern als Glamourmetropole verloren hätte. Statt ins plüschig puffige Bistro lud der Wirt danach in die Champagneria. Stachus-Zwischengeschoss statt Viktualienmarkt. Stammkunden statt Starkunden. München hatte eine Attraktion verloren aus der höchsten Kategorie, als hätte einfach mal die Oper zugemacht. Jetzt aber, da zieht es den Täter eben wieder zurück an seinen früheren Tatort.

Kay Wörsching ist dieser Täter, der Namensgeber des damaligen Bistro. Er sitzt in der Utzschneiderstraße 8 auf einem Sofa, streicht sich mit dem rechten Zeigefinger die Haare hinter das rechte Ohr und sieht sich in seinem neuen Lokal um, das er an diesem Freitag eröffnet. Ob es dann auch wieder ein Treffpunkt für Prominente wird? Wörsching schüttelt den Kopf, dass die Haare gleich wieder vom Ohr runterrutschen, und sagt: “Prominente. Was für ein fürchterliches Wort.”

Wenn Wörsching über seine früheren Gäste spricht, über den Unterschied zwischen Bekannten und Prominenten und über den Grund, warum sein Bistro so berühmt wurde, dann kommt man dem Phänomen des damaligen Starkults und dem von heute ein wenig näher. Und ganz nebenbei auch auf die großen Unterschiede der beiden Münchner Epochen.

Der Mann, den Tina Turner geküsst hat und bei dem nach eigenen Angaben “alle waren, außer dem Papst”, die sogenannten A-Prominenten also, dem gefällt der Begriff Prominenter nicht? “Prominent kommt von prominere und bedeutet herausragen. Heute kann man doch bei vielen sogenannten Prominenten gar nicht mehr von herausragend sprechen.” Mercury war ein herausragender Sänger, Tina Turner eine herausragende Sängerin, Bernstein ragte als Dirigent heraus. Und heute? Prominent, das ist etwa auch Oliver Pocher, oder Micaela Schäfer. Der eine ist ein Moderator, der durch platte Witze und eine Beziehung zu Sabine Lisicki aufgefallen ist. Lisicki hingegen ist im Wörschingschen Sinne prominent, sie spielt herausragend Tennis. Und Micaela Schäfer wurde bekannt, weil sie sich gerne auszieht. Bekannt. Es sind also Bekannte, keine Prominenten. Und was von beidem ist Kay Wörsching?

“Ich war auch bekannt nach einigen Jahren, wurde zum Filmball und anderen Feiern eingeladen”, sagt der Mann, der auf die Frage nach seinem Alter nur mit dem Kopf schüttelt. Um die 70 müsste er sein, wenn es stimmt, dass er “in den Fünfzigerjahren Gemüse verkauft” hat im Alter von acht Jahren. Vom niederen Gemüse zur gehobenen Gesellschaft. Wörsching sagt, das sei alles Zufall gewesen damals. So klingt die dann folgende Erfolgsgeschichte natürlich auch am besten.

Nachdem Wörsching, Kind zweier Ärzte, im Garten des Elternhauses in der Hackenstraße “gegenüber der Hundskugel” Petersilie angebaut und Hühner gehalten hat, verkaufte er seine Ware auf dem Bauernmarkt, dort, wo heute die Schrannenhalle steht. Später studierte er Theaterwissenschaften, und als ein Freund, der ein Lokal betrieb, für drei Monate wegwollte, sagte Wörsching zu, ihm solange auszuhelfen. Da war keine Zeit mehr für Garten und Tiere. “Neben dem Lokal gab es ein Zoo-Geschäft, in dem ich meine Goldhamster dann verkauft habe, die ich gezüchtet hatte.”

“Lollobrigida kam in einem bodenlangen Nerzmantel rein, mein Freund in einem bodenlangen Affenpelzmantel.”

Wörsching gestikuliert in langsamen Bewegungen, als ob er einen Satz in Largo dirigieren würde, und spricht dazu in weichen Worten. Er sagt “ulkig”, wenn er etwas komisch findet, er sagt “im Nu”, wenn er schnell meint. Er strahlt eine Art gesetzte Altherren-Ruhe aus und schafft damit eine ganz leichte Geborgenheitswolke um sich herum. Kein Wunder, dass die Leute gerne zu ihm ins Lokal kamen.

1974 eröffnete er eine erste eigene Bar, Kay’s Bistro, in der Hessstraße, sein damaliger und heutiger Lebensgefährte Achim Neumann entwarf die Einrichtung, wie er es auch im neuen Laden wieder gemacht hat, “eine verrückte Deko war das”. Viel und durcheinander und schon ansatzweise so plüschig heimelig, wie es dann nach dem Umzug zwei Jahre später an den Viktualienmarkt werden sollte. Die Voraussetzungen für ein In-Lokal waren also im Jahr 1974 geschaffen, durch den angenehmen Wirt, die überraschende Einrichtung und bereits etwas szenige Gäste, denn Wörsching kannte durch sein Studium verschiedene Theatermacher und Schauspieler. Dann zog man um, eröffnete an der Utzschneiderstraße 1, im Jahr 1976, und nach einer Woche kam der entscheidende Abend.

“Ein Freund von mir hatte schon Monate vorher gesagt, dass er die Gina Lollobrigida kennt und sie mitbringt, wenn sie in der Stadt ist”, sagt Wörsching. Zu der Zeit waren Lollobrigidas oder Mercurys ab und an da, schließlich wurden in den Arabella-Studios mit die besten Platten aufgenommen. “Lollobrigida kam in einem bodenlangen Nerzmantel rein, mein Freund in einem bodenlangen Affenpelzmantel, den sie ihm kurz davor besorgt hatte.” Die Tür geht also auf, und in dem Raum, der 160 Gästen Platz bietet, wird es still. “Die Leute haben aufgehört zu essen.” Und zwei Stunden später, “absoluter Zufall”, kam Gilbert Bécaud rein, französischer Chansonnier-Star. Als dann auch noch Schauspieler Eddie Constantine das Bistro betrat, wurden eifrig Fotos gemacht und die tz schrieb am nächsten Tag: “Das neue In-Lokal in München.”

Von diesem Moment an kamen die einen, weil sie sehen wollten, wer gerade da ist, und die anderen, die Stars, weil sie von einem angenehmen Laden gehört hatten. Und Wörsching, der vier Köche und zwei Kellner beschäftigte, musste es schaffen, “mich so zu bewähren, auch an Abenden, an denen keine Lollo da war”. Dafür kamen dann ja auch andere. Musik-Manager Monti Lüftner brachte Whitney Houston mit, Leonard Bernstein war gleich so begeistert, dass er laut Wörsching “dann zwei Mal im Jahr” kam und sogar seinen 65. Geburtstag im Bistro feierte. “Er hat 130 Leute aus Tel Aviv einfliegen lassen, sein ganzes Orchester.” Die märchenhafte Inneneinrichtung wurde im Laufe der Jahre mit immer mehr Fotos an den Wänden ergänzt, von all den Herausragenden, die das Bistro besuchten.

“Mick Jagger wollte nicht fotografiert werden”

Die Stones kamen, Siegfried & Roy, Senta Berger. Warum? Ambiente, Wörsching, Ruf und Geschmack, denn die Küche war gut im Bistro. Pantomime Marcel Marceau, José Carreras, Pianist Ivo Pogorelich, Prinzessin Soraya hinterließ den Satz: “Kay ist so charmant, sein Bistro so originell.” Für Hildegard Knef war es “das schönste Wohnzimmer der Welt” und Rod Stewart sagte: “Ich habe auf meinen Welttourneen noch nie so ein Restaurant gesehen.” Was für eins?

Zum einen war es eben das wohnlich plüschige, hier fühlte man sich wohl, wegen der vielen Kissen, Gardinen, Figuren. Ob Karl Lagerfeld, Franz Josef Strauß, Federico Fellini, Ringo Starr, Gene Hackman, Gianni Versace, Barbra Streisand oder Bayern-Torwart Jean-Marie Pfaff. Aber dann war da eben noch etwas, eine leicht lüstern knisternde Spannung, hier konnte jederzeit der Funke zwischen Gästen überspringen. Ob bei der Teddybären-Party, der “La dolce vita”-Feier, musikalischen Einlagen oder den Auftritten von halbnackten Tänzern – es gab immer einen Grund, sich näherzukommen. Und das noch beinahe unbeobachtet, nur etablierte Gesellschaftsreporter wie Marie Waldburg ( Abendzeitung , später Bunte ) waren zugegen. In Wörschings Fotobuch über die Bistro-Zeit schrieb Waldburg: “Das angenehme an dem Glitzerlokal, in dem sogar der Übellaunigste ,swinging’ wird: Auch privat kommt man gerne. Das liegt an der heiteren Atmosphäre.”

Heute sagt Waldburg: “Man hat sich da immer ,more sexy’ gefühlt, wenn man reinging.” Laute Musik, geschminkte Kellner, “das ganze Jahr Fasching”. Und dann der Gastgeber. “Kay hat einfach so eine Liebe zu den Menschen, der mag seine Gäste wirklich.” Anders als viele Wirte heute. Da ging der leicht geliebte Gast selig heim.

Es war eine Zeit ohne Smartphone, Insta-Stories und Überall-Fotografen, da gingen selbst Menschen wie Whitney Houston einfach noch gerne aus. Aber eben an Orte, an denen sie nicht begafft und bedrängt wurden. Wie in Kay’s Bistro.

Mick Jagger kam einmal mit einem Mädchen. “Der wollte nicht fotografiert werden, denn bei den beiden ging es richtig zur Sache.”

“Man muss spüren, ob einer seine Ruhe will oder High Live und PR”, sagt Wörsching. Mick Jagger sei einmal mit einem Mädchen gekommen, “der wollte nicht fotografiert werden, denn bei den beiden ging es richtig zur Sache”. Rod Stewart hingegen kam mit seinem PR-Tross und wollte im Badezimmer Bilder machen. Und: “Die haben immer alle gezahlt.” Heute ist es ja oft ganz anders. Da zahlt ein Gastgeber viel Geld, um die sogenannten Prominenten zu sich einzuladen, weil er sich von deren selbstverbreiteten Posts Wahrnehmung und Interesse verspricht. “Heute kann ich in einem Katalog die Leute buchen.” Zum Beispiel eben Oliver Pocher, der kostet als Moderator auf der Webseite Eventportal für einen Einsatz 15 000 Euro. Micaela Schäfer gibt es hingegen schon für 3000 Euro, ob an- oder ausgezogen, steht allerdings nicht dabei.

Damals mussten sich die Stars noch nicht fürchten vor der Paparazzi-Bevölkerung, und sie brauchten auch die Öffentlichkeit noch, um bekannter oder was auch immer zu werden. “Heute posten die Leute das ja alles selbst”, sagt Wörsching. Er kann sagen und kritisieren, wie er will, es klingt trotzdem immer so, dass man ihm nicht böse sein kann. Dafür formuliert der Mann einfach zu elegant und zu verbindlich. Schwiegersohnig. “Die Leute schreiben Sachen, die man sich früher nicht einmal erzählt hätte.” Welche Creme man gerade benutzt hat, ob man gerade mit dem Hund draußen war oder nicht, “so etwas”.

Wörsching war 30 Jahre Nachtwirt. 2004 schloss er das Bistro. Warum? “Zum einen haben wir da eine saftige Mieterhöhung bekommen, dann haben wir in der Zeit auch wirklich alles erlebt, die Gäste und Aufmerksamkeit bis zu den amerikanischen Zeitungen.” So langsam hatte sich die Promi-Branche aber auch schon verändert. Nicht zum Guten aus Sicht des Wirts.

Anfang der Neunzigerjahre kam zum Beispiel eine Anfrage vom Management der Backstreet Boys , sagt Wörsching. Man wollte in seinem Bistro die Übergabe einer Diamant-Platte inszenieren. Das dürfe aber nicht an die Presse gelangen, war die Vorgabe. An dem Termin fuhr dann ein schwarzer Van vor, Männer stiegen aus dem Auto und kamen ins Lokal. Die gingen dann aber gleich wieder, weil es nur Statisten waren. Erst als klar war, dass die Presse wirklich nicht informiert war, fuhren die Musiker vor. “Absolut lächerlich”, sagt Wörsching. Immer weniger Vertrauen gab es in der Promi-Welt, dafür aber immer mehr Misstrauen.

Der Star-Kult wurde zudem immer kommerzieller, inszenierter und anstrengender. Wörsching schüttelt den Kopf, wenn er an die heutigen Verhältnisse denkt, aber er hat eine Erklärung. Warum den Leuten Prominente so wichtig sind? “Weil gerade die Jungen heute nach Orientierung suchen.” Sie wird ihnen angeboten auf tausenden Instagram-Profilen.

“Und ich habe aufgehört, weil ich nicht mehr jede Nacht bis um fünf Uhr arbeiten wollte.” Immer mit Elan, immer die gepriesene heitere Atmosphäre aufrecht halten. In der Champagneria am Stachus ist um 20 Uhr Schluss und sein neues Lokal wird um 21 Uhr schließen. Das Café Marimba, so heißt es, hat Platz für 60 Gäste und nur eine kleine Küche für Sandwiches, ein Bistro. Ob wohl auch Prominente, also herausragende Menschen kommen?

Kay Wörsching hat sich erst vor zwei Jahren ein Handy gekauft, seine 1000 handschriftlichen Kontakte von früher hat er sich aus seinem Notizbuch einzeln reinnotiert, aber zur Eröffnung “werden schon ein paar kommen”. Vielleicht gibt es dann ja auch wieder einen entscheidenden Abend, wie 1976, an dem zufällig ein paar Influencer, Elyas M’Barek, Anna Netrebko und Arnold Schwarzenegger vorbeikommen – selbstverständlich unbezahlt.

Wird das Marimba funktionieren? “Ich glaube schon”, sagt die frühere Gesellschaftsreporterin Marie Waldburg. “Die Leute haben so eine Sehnsucht nach einer unbeschwerten Zeit, ein Glas Champagner, die schönen Bilder an der Wand, vielleicht ein bekannter Gast am Nebentisch, das Ganze auch ein bisschen altmodisch – da fühlt man sich dann richtig.” Vielleicht gerade heute.