Der neue Platzhirsch

Mitten in der Münchner Innenstadt gibt es ein neues urbayerisches Wirtshaus: den Augustiner Klosterwirt. Hier bekommt man den typischen Schweinsbraten mit Knödel, aber auch fränkischen Sauerbraten mit einer gefährlich klingenden “Lebkuchensauce”.

Nagelneu und urgemütlich. Geht das zusammen? Es geht. In der Münchner Augustinerstraße 1 zum Beispiel. Direkt um die Ecke beim Modehaus Hirmer, zwischen Polizeipräsidium und Dom, in einem Gebäude mit nüchtern-funktionaler Fassade hat eine neue Gastwirtschaft eröffnet, deren einladendes, urmünchnerisch wirkendes Ambiente seinesgleichen sucht.

Um das Lob zu vervollständigen: Das Gasthaus ist angenehmer als es die Website vermuten lässt. Diese Bemerkung sei erlaubt, denn beim Blick auf den etwas ungelenken Online-Auftritt des “Augustiner Klosterwirt” möchte man nicht ausschließen, dass hier ein Hort für Überseetouristen und Gelegenheitslederhosenträger geschaffen wurde. Doch weit gefehlt: In sensationeller Innenstadtlage ist eine authentische Gaststätte entstanden, mit soliden Speisen zu angemessenen Preisen und, darum geht es hier in besonderer Weise, Augustinerbier aus frisch angezapften Holzfässern, die über einen sehenswerten Aufzug in den Schankraum gebracht und beim Anstich mit einem Glockenschlag gewürdigt werden.

Getrunken und gespeist wird an blanken Ahorntischen auf zwei Etagen. Im Eingangsbereich lässt sich eine schnelle Halbe an Stehtischen genießen, im Untergeschoss lockt ein geziegeltes Tonnengewölbe. Ja, es ist Konzeptgastronomie. Aber vom Feinsten. Wäre Augustiner Apple , müssten wir hier von einem Flagship-Store sprechen.

Trotz der hochwertigen Innenarchitektur handelt es sich um eine bodenständige Münchner Gaststätte, in der nicht nur Fuji-Kameras aufblitzen und Unternehmensberater am Lammkarree knabbern. Die Speisekarte, formatbedingt etwas umständlich zu bedienen, lockt mit einer erstaunlichen Fülle – in bayerischer Tradition erwartbar fleischlastiger – Gerichte. Um nicht gleich die Orientierung zu verlieren, entschieden wir uns zunächst für den Lackmustest, den jede bayerische Wirtschaft bestehen muss: Schweinsbraten und Viertelente. Das Fleisch vom Huftier kam sauber portioniert in üppiger Sauce mit deftigem Knödel und Krustenstück auf den Tisch, das Ganze für 9,90 Euro: Ein – wie sagt man heute? – echter Deal. Auch die Ente sei empfohlen, perfekt gebräunt mit Knusperhaut und leicht nach Orange schmeckender dunkler Sauce, die nicht, wie in manchen Wirtshäusern, mit der ersten Knödelhälfte bereits aufgetunkt ist (14,80).

Um nicht in südbayerischen Gefilden zu verharren, wagten wir uns geokulinarisch auch ins Frankenland vor. Einer Aufforderung auf der Speisenkarte folgend (“den müssen Sie probieren”) kosteten wir Fränkischen Sauerbraten mit einer gefährlich klingenden “Lebkuchensauce”, deren leichte Nelken- und Zimtanklänge wir aber zum Glück als angenehme Ergänzung zu den butterweichen, allein mit der Gabel zerteilbaren Bratenstücken empfanden. Als voller Erfolg erwiesen sich zudem Saure Zipfel von der Tageskarte, drei rustikale, zwei Handbreit lange Bratwürste im angemessen säuerlichen Zwiebelsud (9,80).

Keine Spur von Anton und Tirol

Weniger Spaß machte uns lediglich ein Ausflug in Richtung Österreich : Das Wiener Schnitzel stammte zwar vom Kalb und die Panade war kross. Aber das Gericht isst man dann doch lieber im Schatten des Stephansdoms. Das Fleisch war zu dick und arg flachsig. Zurück also nach Bayern? Nein, zuvor noch schnell einen waghalsigen Ausflug nach Asien, wohin die Tageskarte einlädt: Indische Linsensuppe (4,50 ). Und die machte dann die Überraschung perfekt. Ein Süppchen mit Gewürzen des Orients, keine Spur von Billigcurrypulver, dazu ein frisches Augustiner für 3,50 Euro: Ganz ehrlich, die Globalisierung kann ziemlich gut funktionieren.

Angeregt von den positiven Erfahrungen an normalen Wochentagen wagten wir uns schließlich auch an einem Samstagabend ins Gewölbe des Klosterwirts. Ein weiteres Mal erlebten wir die Realität angenehmer als es die Website befürchten ließ, dort wird nämlich für Livemusik an Freitag- und Samstagabenden geworben. Zum Glück bestand der Klangkörper nur aus einem durchaus fähigen Quetschkommodenspieler, der gelegentlich für akustischen Hintergrund sorgte, keine Spur von Anton und Tirol. Diverse Geburtstagsgesellschaften und Männergruppen sorgten allerdings mit umfangreichen Aufträgen für etwas längere Zeitspannen zwischen Bestellen und Servieren.

Alleingelassen fühlt man sich jedoch nicht, das sei betont: Die Kellner sind Vollprofis, herzlich, fix, aufmerksam. Und wenn das Essen mal einen Moment dauert (und die Viertelente am Samstag nicht gaaaanz so knusprig ist): Der Nachschub an Flüssigem stockt nie. Ach ja, es gibt übrigens auch Wein, die Rebsorten auf der Karte klingen gut. Aber was will man machen, wenn der Glockenschlag das nächste frisch angezapfte Fass ankündigt? Noch ein Helles bitte, Herr Ober!