Die Bilderbuch-Brasserie

Schicke Kellner, kleine Tischchen und viel Wein: Das Chez Fritz am Preysingplatz sieht aus, wie man sich ein französisches Lokal vorstellt. Auch die Küche hält, was sie verspricht. Die perfekt inszenierte Volksnähe hat allerdings ihren Preis.

Son Altesse Royale, Fédéric, le Roi de Prusse, vulgo: der Alte Fritz, beliebte auf französisch zu parlieren. Das sprach Preußenkönig Friedrich Zwo deutlich besser als das heimische Idiom. Auch wenn es nur um eine simple Essenseinladung an seinen Hofphilosophen Voltaire ging: Auf der königlichen Epistel stand da nur ein “P”, darunter “6 heures”, daneben ein “a”, dann eine “6” und darunter die Zahl “100”.

Also: Sechs Uhr unter P, a, hundert unter sechs. Auf Französisch ergibt das Sinn: Six heures sous P à cent sous six – das Souper sollte um sechs Uhr in Schloss Sanssouci beginnen. Voltaire geistreichelte sehr kurz zurück: “G a”. Großes G, kleines a, französisch G grand, a petit. Sprich: großer Appetit. Ja, derart inspiriert ging’s zu in der deutsch-französischen Tafelrunde, wenn Fritz und François dem Tokajer – “gelber Nektar aus Ungarn”, so schwärmte Voltaire – zusprachen.

Wenn ein Franzose heute von “les Fritz” spricht, meint er die Deutschen und das eher despektierlich. Und “Beim Fritzen” kehrt wortwörtlich ein, wer in die Brasserie Chez Fritz geht. Sie liegt in Haidhausen , allerdings nicht im Franzosenviertel, wo die Straßen nach der Völkerverständigung wenig zuträglichen Schlachten aus einem der deutsch-französischen Kriege benamt sind.

Dafür schaut das Ecklokal genau so aus, wie sich Fritz und womöglich sogar François eine typische französische Großstadt-Brasserie vorstellt. Draußen auf dem baumbestandenen Preysingplatz sitzt es sich sehr schön. Nach drinnen kommen die Gäste durch ein herrlich nostalgisches, ganz nach Anfang des vergangenen Jahrhunderts aussehendes Holzportal mit kunstvollem Glasscheiben. Im mit altmodisch kleinen, eiweißfarbenen Kacheln gefliesten Gastraum lässt sich auf einem Ledersofa bequem auf die Zuweisung eines Tisches warten.

An der lang gestreckten Bar, die ebenso wirkt, als entstamme sie dem Kulissenfundus eines französischen Schwarz-Weiß-Films mit dem jungen Jean Gabin, steht es sich leider nicht so gemütlich. Zu dicht stehen hier die in rot und weißen Karos gedeckten Tische. Die einfachen Holzstühle und Bänke passen dazu, richtig komfortabel sind sie auch nicht – die Einrichtung sagt: Wir sind hier in der guten, alten Zeit, als ein Bistrot noch volkstümlich war.

Ein kurzer Blick auf die Speisekarte zeigt freilich, dass derart perfekte Volksnähe ihren Preis hat. Natürlich stehen da die populären Klassiker wie Moules et Frites oder Steak Frites, Muscheln oder gebratene Rindfleischscheibe mit Fritten, aber – Potzblitz, Pommfritz! – etwa einen Zwanziger muss man dafür schon hinlegen. Vier Sorten Austern gibt’s, 4,20 das Stück, Vorspeisen gehen von 7,50 Euro für einen Salat bis 19,50 für Gänsestopfleber, Hauptgerichte von 13,50 für Blutwurst bis 44 Euro für Hummer und anderes Meeresgetier. Aber beginnen wir von vorn.

Die Bouillabaisse dampfte reichlich in Emailletopf – 300 Gramm Fisch schwimmen hier im Sud, berichtete der überaus freundliche Kellner stolz, bot aber auch eine kleinere Version an, die den Topf nur halb füllte, als Vorspeise dennoch sehr großzügig dimensioniert war. Die zahlreichen Stücke Fisch und Meeresgetier waren vorbildlich auf den Punkt gegart, das Gemüse war es ebenso, die Suppe selbst eher mild. Den Coq au vin, auch so ein fast allzu typisch französisches Gericht, brachten die Fritzens hier als Vorspeise, weich geschmort mit Spinat vermischt und auf lauwarmen Radieserl-Salat gebettet – eine gelungene wie spannende Kombination.

Überhaupt scheinen die Köche mit allem sehr gut umgehen zu können, was im Ofenrohr schmurgelt. Die Rinderschulter war dort so zart geworden, dass sie sich mit dem Gabelrücken zerteilen ließ. Schön fest war das à la paysanne in Rhomben geschnittene Wurzelgemüse dazu, cremig der Kartoffelbrei, dunkel und würzig die Soße.

Auch bei der Lammhaxe, pardon: Gigot d’ Agneau, löste sich das Fleisch ganz leicht vom Knochen, die jungen Kartoffeln nahmen eine kräftige, doch sehr ausgewogene Soße auf. Allein die mit Blick auf riesige und optisch sehr verlockend aussehende Meeresfrüchteplatten auf den größeren Nebentischen mit Vorfreude erwarteten Crevetten enttäuschten. Ganze zwei wenn auch prächtige Exemplare lagen, begleitet von zwei Scheiben getoastetem Weißbrot und einem Becherchen Zitronendip, auf dem Teller. Wildfang sollten sie laut Karte sein, aber das nutzte ihnen auch wenig – so, wie sie auf dem Grill malträtiert und nahezu mehlig gegart worden waren.

Dafür schmeckte die Crème brulée wunderbar vanillig, war die Tarte intensiv getränkt in kräftiger Schokosüße. Der Käseteller war sehr liebevoll belegt mit einer schönen Auswahl dessen, was französische Milchwirtschaft zu bieten hat. Die offenen Weine aus Frankreichs Süden waren solide, die Auswahl der Flaschenweine ist es auch. Aber Brasserie heißt ja auch Brauschenke – das Bier allerdings ist nicht französisch, sondern kommt von Löwenbräu.