Die Engländer sind die Meister des Katerfrühstücks

Frühstück auf englische Art ist herzhaft und füllend – zum Beispiel im Victorian House am Viktualienmarkt.

Der Israeli schiebt sich ein paar Oliven in den Mund, der Franzose beißt von einem Croissant ab – und überall auf der Welt begnügen sich Menschen zum Frühstück mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette. Nur der Engländer nimmt zum gebutterten Toast gebratenen Speck, Eier, Würstchen und zuweilen noch weiße Bohnen in Tomatensoße. Schluck. Wie kriegt der Brite all das täglich runter, und auch noch frühmorgens?

Die Antwort: Die Frage ist falsch gestellt. Denn sie basiert auf einer Fehleinschätzung: Natürlich bringen auch die Engländer all das nicht täglich runter. Vielmehr heben sie sich den Frühstücks-Klassiker für besondere Gelegenheiten auf. (Oder für Touristen.) Die Autorin dieses Textes hat ein Jahr lang bei einer Familie in England gelebt und schwört: Ausgiebiges Frühstücken ist dort nicht üblich. Oder anders gesagt: Das “English Breakfast” ist eine Institution – aber wer kann schon täglich eine ganze Institution verspeisen?

Das ist der Reiz am englischen Frühstück, das woanders als Dinner durchginge: Es ist warm und sehr reichhaltig. Danach konnte der Arbeiter in die Fabrik gehen oder an den Hochofen und eine Weile durchhalten. Der Adel, von dem er sich dieses Frühstück während der Industrialisierung abgeguckt hatte, ging danach höchstens auf die Fuchsjagd.

Im Victorian House spielen derartige Klassenfragen aber keine Rolle mehr. Die Londoner Firma betreibt in München fünf Lokale und bietet am Viktualien- sowie am Rotkreuzplatz englisches Frühstück in 17 Variationen an.

Was gibt es da und was kostet das?

Das Victorian House hat zwar zwar auch ein Frühstück mit dem “Scone”, einem typisch britischen Gebäck, der rahmigen “Clotted Cream” und Erdbeermarmelade (das “Mayfair”, 8,80 Euro). Erinnerungen an England werden aber vor allem beim “St. James” wach. 10,50 Euro kostet das und kommt dem oben beschriebenen Klassiker am nächsten. Es beinhaltet angebratene Tomaten und Champignons und, separat in einem kleinen Schälchen, die berüchtigte bittere Orangenmarmelade. Die Säure der Tomaten ist eine sehr gute Ergänzung zu den Miniwürsten und drei Spiegeleiern. Wer noch gebackene Bohnen dazu möchte, zahlt 2,40 Euro Aufschlag. Die würde man gerne noch probieren, nur leider ist man schon satt.

Die eigenen Toastbrotecken sind ohnehin schon aufgebraucht, doch der Essensgenosse hat noch genug Gebäck im Brotkorb, genauer: kleine Laugensemmeln und Scheiben von Weiß-und Mischbrot. Er hat sich für das “Belgravia”-Frühstück mit Lachs, Krabbensalat, Cheddar-Käse und Enten-Terrine entschieden (14,40 Euro). Der Cheddar hätte etwas reifer sein können, aber Terrine und Fisch sind eins a.

Obere Liga ist auch der Service: Der nachbestellte Kaffee (2,70 Euro) kommt umgehend, die recht kleinen Tische räumt das aufmerksame Personal diskret und beiläufig ab. Fragen beantwortet der Kellner höchst freundlich. Er verrät dann auch: Eines der beliebtesten Gerichte sind die “Eggs Benedict”, pochierte Eier (mit verschiedenen Beilagen, ab 10,50 Euro). Überall sauer Eingelegtes und Speck: Wer einen Kater hat, für den ist das Victorian House eine wunderbare Anlaufstelle.

Wer geht da hin?

An einem Tisch sitzen mehrere Studentinnen, an einem anderen einige Inder. Vermutlich Reisende, mit seiner Lage am Viktualienmarkt bietet sich das Victorian House für Touristen ja an. Kumpel-Runden sieht man weniger, dafür viele Paare mittleren Alters. Die Gäste wirken nicht wie Laufkundschaft, sondern so, als seien sie gezielt gekommen.

Wie viel Zeit bringt man mit?

Reservieren schadet grundsätzlich nicht. Auch an einem Freitagvormittag ist das Lokal recht voll. An den Tischen kann man ruhig mal verharren und sich in die gerahmten alten Grafiken an den Wänden und die geblümten Gardinen versenken. Mit seinem authentischen englischen Stil ist das Victorian House eine Besonderheit in München. Die Bücherregale sind aber übrigens nur zur Zierde da. Die Rücken der ausgestellten Bücher sind allesamt nicht echt.