Die Lebensabschnittskneipe

Ob Schauspieler, Studenten, Künstler oder langjährige Stammgäste – das Café Ca Va ist seit 26 Jahren ein beliebter Treffpunkt im Westend.

Das waren Zeiten. Damals, als der noch unbekannte Schauspieler regelmäßig betrunken vom Hocker gekippt ist, als der eigentümliche Fritz immer im Frack für ein paar Gläser Wein die Aschenbecher leerte und überhaupt der Aufsichtsratsvorsitzende von heute noch der Student von damals war.

Für viele war das Ca Va im Westend gewissermaßen eine Lebensabschnittskneipe mit Wohnzimmercharakter, in die man am Wochenende zum Frühstücken hingeht, sein Feierabendbier trinkt oder zu später Stunde noch hereinstolperte, obwohl der direkte Weg nach Hause ratsamer gewesen wäre.

“Bei uns, da waren schon viele herin”, seufzt Brigitte Jaschkowitz. Jaschkowitz ist die Inhaberin des Ca Va. Mittlerweile kann sie auf 26 Jahre Lokalgeschichte zurückblicken. Als sie 1985 zusammen mit ihrem Mann Billy die Kneipe an der Kazmairstraße 44 eröffnete, waren sie zusammen mit dem Stoa gastronomische Pioniere auf der Schwanthalerhöhe, die damals in dieser Hinsicht ein Brachland war.

Das Paar hatte schon einige Erfahrung gesammelt. Als sie die großen, hellen Räume gegenüber dem Georg-Freundorfer-Platz angeboten bekamen, griffen sie zu: Der Laden hatte ersichtlich das Potential, eine gastronomische Oase zu werden – und das zu einer Zeit, als die Wirte Münchens nicht klagen konnten und man sich schon sehr ungeschickt anstellen musste, wenn man als Wirt nichts wurde.

Das Ca Va, eine Mischung aus Wiener Kaffeehaus und American Diner, wurde bald ein beliebter Treffpunkt im Westend. Auch über das Viertel hinaus war das Lokal ein Begriff. Denn das Ca Va war im besten Sinne nichts Besonderes. Ein großer Raum mit dunklem, schnörkeligem Holzmobiliar, alten Werbeschildern und nostalgischem Tand an den Wänden. Ein Ort, wo man in Ruhe essen und trinken konnte und wo die Wörter “Lounge”, “Style” und “Design” nichts mit einem gelungenen Abend zu tun hatten.

Das Ca Va hat sich in all den Jahren weder optisch noch sonst irgendwie verändert: Solide, deftige Küche, nette Studenten als Bedienung, Happy Hour mit billigen Cocktails und drei Leinwände für den Fußball. Aber nicht nur der Sport, auch die Kunst war im Ca Va stets präsent. Denn viele Schauspieler und Schauspielschüler sind und waren Stammgast oder Kellner im Ca Va – zumindest so lange, bis sie Erfolg hatten.

Uwe Ochsenknecht beispielsweise habe vor seinem Durchbruch mit dem Film “Männer” oft an der Bar gesessen, erzählt Jaschkowitz. Noch heute sei sie im Besitz seines Backgammonbretts, das er einst gegen ein Tiroler Gröstl eingetauscht habe. Auch Heiner Lauterbach und die beiden Münchner Tatort-Kommissare Wachtveitl und Nemec haben öfter vorbeigeschaut.

Bei diesen Verbindungen ins Filmbusiness ist das Ca Va natürlich auch schon mehrfach Drehort gewesen. Brigitte Jaschkowitz kann sich immer noch aufregen, wenn sie an den Tag denkt, an dem die Regisseurin Caroline Link mit ihrem Team den Laden komplett auf den Kopf gestellt habe. Die Damen gerieten damals wohl heftig aneinander. Gesehen hat die Wirtin den Film “Im Winter ein Jahr” nicht. “Das interessiert mich nicht”, sagt Jaschkowitz, der man erkennbar besser nicht auf der Nase herumtanzen sollte.

Die 52-jährige Mutter von drei Söhnen ist durchsetzungsstark – eine Eigenschaft, die ihr besonders zur Wiesnzeit im Ca Va von Nutzen war. In den zwei Oktoberfest-Wochen herrschte in dem Lokal früher der Ausnahmezustand. Ein gutes Geschäft zwar, aber Sodom und Gomorrha, wie Jaschkowitz anschaulich zu schildern weiß.

Aber seit auf der Wiesn Sicherheit groß geschrieben wird, ist das auch vorbei. “Ins Lokal hat schon lange keiner mehr gekotzt”, lacht die Wirtin, die dieser Zeit nicht nachtrauert. Das Ca Va läuft immer noch, und das Leben geht weiter, obwohl es manchmal stehen zu bleiben scheint, wenn man nur an einem der dunklen Holztische sitzt.