Die Maikäfer-Wirtschaft

Mit der Echardinger Einkehr in Berg am Laim gibt es nicht nur einen neuen Treffpunkt im Viertel, sondern auch einen Ort für gediegene Wirtshauskost – manchmal raffiniert, manchmal etwas bieder.

Man könnte, um die soziale Bedeutung des heute zu beschreibenden Gasthauses zu veranschaulichen, zunächst einen kleinen Ausflug machen in Münchens Westen, nach Rottbach in der Nähe von Maisach, einem kleinen Örtchen hinter einem schicken Golfplatz. Dort gibt es ein saugemütliches Dorfwirtshaus mit dem kleinen Makel, dass es, zumindest bis vor Kurzem keinen Wirt hatte.

Verzweifelt bemühten sich eine Gruppe Rottbacher, in Privatinitiative das Haus weiter zu betreiben, um dessen Verkauf und an dessen Stelle die Errichtung der üblichen hässlichen Vierspänner zu verhindern. Sie gewannen den Kampf. Rottbach hat wieder ein soziales Zentrum.

Ein Gasthaus, kein Wirtshaus

Die Lage in Münchens Maikäfersiedlung war vielleicht nicht ganz so dramatisch, aber der in Rottbach nicht unähnlich. Schon die soziale Einordnung weist eine gewisse Nähe auf. Rottbach ist zur Großstadtwelt hin durch den Golfplatz abgeschirmt. Die Maikäfersiedlung ist schon historisch als im wahrsten Wortsinne kleinhäuslerische “Volkswohnanlage” konzipiert, und zwar zwischen 1936 und ’39 vom Reichsarbeitsministerium als “billigste Mietwohnungen in ein- oder mehrgeschossiger Bauweise”. Der Winzigkeit der Behausungen trugen deren Bewohner mit Galgenhumor Rechnung und tauften sie “Maikäfersiedlung”.

Der Name blieb dem Viertel bis heute, auch wenn sich städtische Wohnungsbaugesellschaften längst daran machten, die Bausünden von einst durch neue zu ersetzen. Zumindest hat man erkannt, dass so ein Soziotop auch ein paar soziale Zentren braucht. Mittlerweile gibt es eine Apotheke und einen Supermarkt. Und sehr dankenswerterweise wurde in Zusammenarbeit mit der Augustiner Brauerei im Frühjahr ein Wirtshaus reinstalliert, besser noch ein Gasthaus, weil es, so der erste Anschein, weniger dem Wirt denn dem Gast zu dienen scheint.

Die Echardinger Einkehr überragt nicht nur spitzgiebelig die Maikäfersiedlung, sie ist, das spürt man, noch bevor das erste Bier lobenswert frisch gezapft aus dem Holzfass auf dem Tisch steht, das lang ersehnte soziale Zentrum zwischen der gesichtslosen Heinrich-Wieland-Straße und der nicht minder schmucklosen Kreillerstraße. Und man hat sich konzeptuell und architektonisch offenbar Gedanken gemacht, wie das marode Haus nach der Renovierung funktionieren soll: vorne dran ein paar Tische im Freien, innen ein nicht zu großer Gastraum, ein Nebenraum als Heimstatt für diverse Vereine, ein größerer Saal für Verehelichungen und, wie eben stattgefunden, öffentliches Fernsehen in Sachen Fußball .

Die Räume sind allesamt in angenehm dunklem Holz gehalten, so, als trügen sie schon die Patina einiger Jahrzehnte. Das Bairische ist dezent präsent, auch auf der Speisekarte, wo die Soße halt Safterl heißt, aber nicht so penetrant wie in manchem Münchner Touristenfangwirt’shäus’l. Das gilt, cum grano salis, dann auch für all das, was dann aufgetragen wird: gediegene Wirtshauskost, manchmal mit einem Hauch Raffinesse gewürzt, manchmal ein bisschen bieder zubereitet. Aber will man hier ein Dallmayr-Haus? Nein, ein Maikäfer-Wirtshaus.

Fluffig und sicher hausgemacht

Und eine Maikäfer-freundliche Bedienung. Die findet man zu jeder Tages- und Nachtzeit, egal ob Biergarten-Stress oder Spätnachmittags-Schläfrigkeit. Die bringt dann flugs die Pfannkuchen- und Leberknödelsuppe, die beide etwas langweilig schmeckten, obgleich der Leberknödel recht fluffig und also sicher hausgemacht war. Die Sülze kam pfiffigerweise aus dem Weckglas, war mit kräftig viel Gemüse angemacht und mundete auch Lendes Mitesser aus dem hohen Norden. Ganz und gar nicht zäh geriet der Zwiebelrostbraten, ein Indiz für gute Fleischlieferanten (bei der Weißwurst ist es der Metzger Bauch, da weiß man, was man kriegt!); und nur beim Schweinsbraten kam mal wieder die Diskussion auf, ob es denn immer Schulter sein müsse (mit der draufgelegten hart-reschen Haut), wo doch auch ein Halsgrat sich prächtig braten ließe.

Keinerlei Diskussion erlaubte die halbe Ente, knusprig außen, innen zart, die Soße, Pardon das Safterl, war okay. Das Schweizer Schnitzel ist eher eine Sache für den Winter, das sogenannte “Glyx-Gericht” (ohne Kohlehydrate) ist ein Pfeffersteak, ein brauchbar gegrilltes Stück Lende auf ebenso gegrilltem Gemüse, wobei man letzteres, rein geschmacklich betrachtet, auch weglassen könnte. Insgesamt bisher eine solide sinuskurvige Kochleistung, die dann bei den Nachspeisen noch ein paar Ausreißer nach oben hat, so beim Apfelstrudel und bei der Bairisch Creme.

Wer Wein trinken will, halte sich beim offenen an den Veltliner respektive (noch eher) an den Primitivo, aber eigentlich sollte man , so der Rat von Lende & Co, beim Bier bleiben. Dann kommt man pro Nase locker mit 25 Euro aus, was dem sozialen Umfeld hier durchaus angemessen erscheint. Übrigens: In Rottbach draußen isst man mindestens genauso gut.