Die neue Burgerkultur an der Isar

McDonald’s und Burgerking verschwinden aus den Straßen der Münchner Innenstadt, dafür gibt es einen Hans im Glück nach dem anderen. Was machen die neuen anders?

Der Mann in der Adidas-Jacke würde nicht herkommen, wenn er Zeit hätte. Aber er ist in Eile, und so sitzt er eben doch an diesem kleinen Tisch am Fenster, ein Tablett voller leerer Verpackungen vor sich. Burger, Pommes, Ketchup. Es hat geschmeckt wie immer, das ist erst einmal nichts Schlechtes. Aber er müsse schon zugeben, in anderen Burgerläden schmecke es ihm mittlerweile viel besser, sagt der Mann, und damit ist er nicht alleine an diesem Tag. Draußen vor dem Fenster steht Ronald McDonald, der Plastikclown mit Burger in der Hand. Man fragt sich, was er wohl zu diesem ernüchternden Fazit sagen würde, könnte er denn sprechen.

McDonald’s hat in den vergangenen fünf Jahren fünf Läden in München geschlossen – zuletzt Ende Juli am Isartor – und in der gleichen Zeit nur zwei neue eröffnet, während andere Franchisefirmen wie Hans im Glück einen durchdesignten Birkenwald nach dem anderen aufmachen. Hans im Glück hat 15 Filialen in der Stadt, McDonald’s noch immer 29. Der amerikanische Konzern aber hat seinen ersten Laden schon 1971 eröffnet, während Hans im Glück etwa 40 Jahre später begann.

Die Firma mit dem märchenhaften Namen ist auch nicht der einzige Konkurrent für die alten Fast-Food-Ketten, da sind zum Beispiel noch Holy Burger, Burger House, Ruff’s Burger. Die Läden vermehren sich seit Jahren, doch mittlerweile scheinen sie an manchen Orten auch die alten Imbisse zurückzudrängen. Im Tal 10 hatte früher Burger King eine Filiale, jetzt ist dort Hans im Glück zu finden. In der Weißenburger Straße 36 am Pariser Platz verkaufte bis zum vergangenen Jahr McDonald’s, jetzt hat ein neuer Laden namens B. Good aufgemacht, der mit Grünkohl wirbt – der Burgermarkt sagt viel darüber aus, wie sich manche Viertel und ihre Bewohner verändern. Man muss nur einmal zuhören, bei einem Happy Meal in der Regerstraße, im Süden Münchens.

Früher, sagt der 45 Jahre alte Mann in der Adidas-Jacke am Fenster, da sei das noch eine Freizeitbeschäftigung gewesen, zu McDonald’s zu gehen. Als er jung war, hing man erst auf dem Spielplatz ab, dann holte man sich einen Cheeseburger, dann ging man wieder auf den Spielplatz. An den Tischen neben ihm sitzen Urlauber auf der Durchreise, zwei Männer aus dem Außendienst, Arbeiter von der Baustelle gegenüber. Fragt man sie, warum sie hergekommen sind, antworten fast alle: “Weil’s schnell geht.” Den typischen Geschmack der McDonald’s Burger aber erwähnt niemand.

Sind die Zeiten also vorbei, in denen man sich beim nächstgelegenen “Mäcki” traf und beinahe stolz die Papiertüte mit dem fettigen Inhalt vor sich hertrug, die Verheißung aus Amerika? Es gibt zumindest Anzeichen dafür: In den Fenstern des McDonald’s am Isartor klebt ein Zettel, danke für 25 leckere Jahre steht darauf. Fragt man beim Konzern nach, heißt es, der Mietvertrag sei nicht verlängert worden, womöglich aber hat das Ende der Filiale auch mit den Nachbarn zu tun.

Nur drei Läden weiter haben im vergangenen Jahr die Pommesfreunde einen Imbiss aufgemacht, eine Franchisefirma, die zur Enchilada Gruppe aus Gräfelfing gehört – einem Unternehmen für Systemgastronomie mit Dutzenden Marken. Bei den Pommesfreunden werden wie in Belgien Fritten mit verschiedenen Soßen verkauft, außerdem Currywurst, Hotdogs, Burger. Der günstigste kostet 5,45 Euro. Bei McDonald’s kostet der Hamburger einen Euro. Die Pommesfreunde nennen ihre Burger auf der Karte: Premium Burger.

In der gleichen Straße hat vor ein paar Jahren auch noch Hans im Glück einen Laden eröffnet, die Franchisefirma hat ihren Sitz in München und in der Stadt mit Abstand die meisten ihrer 59 Filialen. Im vergangenen Jahr machte Hans im Glück 102,4 Millionen Euro Umsatz, sogar in Singapur gibt es mittlerweile einen Laden. Der günstigste Burger kostet 6,70 Euro, es gibt Limonaden und Cocktails, die Tische sind aus Holz und die Kissen grün. Manche Kunden fühlen sich alleine deshalb besser als bei einem Mittagessen mit Ronald McDonald.

In der Sonne am Regerplatz sitzen an solch einem Holztisch gerade die Studentin Jacqueline, 25, und Uwe, 49. Sie haben eben gegessen, einen Salat und einen Avocadoburger. “Das Essen ist hier zwar auch nicht bio, aber es fühlt sich grüner an”, sagt Jacqueline. “Die verkaufen sich besser, und letztendlich wollen sich die Menschen ja nur besser fühlen, es muss nicht unbedingt besser sein”, sagt Uwe. Vor ihnen stehen eine Holunder-Minze-Schorle und eine Orange-Basilikum-Schorle.

Selbst McDonald’s experimentiert mit Brioche und Guacamole

Bei McDonald’s, sagt Jacqueline, würde sie nur Wasser trinken, Softdrinks möge sie nicht. Und überhaupt, abseits des Veggie Burgers gebe es dort wenig Vegetarisches. Die einzige Gelegenheit, zu der sie doch noch zu McDonald’s geht: Um zwei Uhr nachts am Stachus. Wenn sonst nichts mehr offen hat. Oder vielleicht noch im Urlaub. Das ist eine Strategie von McDonald’s, die nach wie vor funktioniert: In allen Ländern der Welt schmecken die Burger gleich, nicht umsonst gibt es den Big-Mac-Index, der die Kaufkraft verschiedener Währungen anhand der Preise für die Burger mit den zwei Fleischschichten vergleicht.

McDonald’s ist auch noch immer erfolgreich, im ersten Quartal dieses Jahres machte der Konzern weltweit 1,4 Milliarden US-Dollar Gewinn. In den Filialen verändert man vieles, um der Konkurrenz beizukommen. Es gibt jetzt zum Beispiel Burger aus Brioche, mit Guacamole. Aber wenn man sich ansieht, wo der Konzern in den vergangenen fünf Jahren in München Läden zugemacht und wo er welche eröffnet hat, zeigt sich eben doch eine Veränderung: in der Bodenseestraße und in der Machtlfingerstraße haben Filialen geschlossen, ebenso in der Weißenburgerstraße, in der Verdistraße, in der Zweibrückenstraße am Isartor. Neue Filialen haben an den Bahnhöfen an der Hackerbrücke und in Pasing eröffnet – an Orten also, an denen die Menschen wenig Zeit haben.

In der früheren Filiale am Pariser Platz steht jetzt Stefan Gruber, 46, an einer holzverkleideten Theke. Von der Decke hängen Glühbirnen, an den Wänden Porträts der Bauern, die für den neuen Laden B. Good Fleisch und Gemüse aus der Region liefern, im Kühlschrank stehen Münchner Limonaden. Gruber leitet die Filiale, die Franchisefirma kommt aus den USA und hat dort um die 70 Läden. Sie arbeitet immer mit den Bauern vor Ort zusammen. Die Menschen möchten sich mehr und mehr gesund ernähren, sagt Gruber. Dem wollten sie gerecht werden, bald werde man auch Läden in Rosenheim und Ingolstadt eröffnen. Die Idee kommt wieder aus Amerika, wie damals in den Siebzigern. Jetzt aber ist sie auf Wunsch auch vegan und glutenfrei.