Die nördlichste Stadt Äthiopiens

Das “Blue Nile” bietet afrikanisches Essen zu erschwinglichen Preisen – und bleibt dank der Pflege außergewöhnlicher Tischsitten lange in Erinnerung.

Was macht einen schönen Abend im Restaurant aus? Gutes Essen, gewiss. Eine nette Begleitung und ein flinker Kellner, ja, das auch. Und daneben noch etwas, was den Restaurantbesuch zu etwas Besonderem macht. Etwas, an das man sich noch Wochen und Monate später gerne erinnert.

Wenn all das geboten ist, hat es das Restaurant geschafft: Es kommt auf die Merkliste, und immer wenn man gefragt wird, ob man ein gutes Restaurant in München kenne, dann fällt auch sein Name. Auf dieser Merkliste findet sich auch das “Blue Nile” in der Schwabinger Siegesstraße.

Schon beim Betreten fällt dem Besucher die Inneneinrichtung des Restaurants positiv auf. Man hatte überfrachteten Ethno-Kitsch befürchtet, doch weder das leise afrikanisch angehauchte Mobiliar noch die unaufdringliche Musik stören bei dem, warum man eigentlich hier ist: das Essen.

Will man nicht auf einen Platz warten, so empfiehlt sich auch unter der Woche eine Platzreservierung, hat sich doch offensichtlich herumgesprochen, beim Äthiopier günstiges und gutes Essen mit dem besonderen Etwas zu bekommen. Dieses besondere Etwas ist das, was Menschen aus der Wirtschaftsbranche gerne als “Unique selling point” bezeichnen. Der “USP” des “Blue Nile” ist das Essen ohne Besteck, also die Nahrungsaufnahme mit den Händen.

Bei der vegetarischen Vorspeise aus Linsen und Reis, die selbst Fleischfanatikern schmeckt, ist die selbstverständlich verfügbare Gabel noch hilfreich, doch zur Hauptspeise wird ein Korb mit Injerra gereicht. Dieser in handliche Quadrate geschnittene saure Fladenbrotteig schmeckt allein schon so manchem Brot-Fan.

Bei der Hauptspeise kommt dann auch die Begleitung ins Spiel. Serviert werden alle vorzüglich gewürzten Fleisch- und Gemüsegerichte (auch hier dürfen sich Vegetarier auf Leckereien freuen) auf einer großen Blechschüssel, was im Gegensatz zu den gewöhnlichen Tellergerichten eine ungemein kommunikative Art des Essens darstellt, isst man doch mit der Begleitung von einem großen Teller.

Das kleine Fladen-Quadrat wird sodann zum Greifer, mit dem man sich das scharf angerichtete Rindfleisch packt und mitsamt Greifer zu Gemüte führt. Wenn das Essen selbst, das hier probierte scharfe Rindfleisch sowie das vegetarische Linsengericht, nicht schon so gut schmecken würde, allein an die Art der Nahrungsaufnahme wird man sich lange erinnern.

Doch Vorsicht: Auch wenn die deftige Hauptspeise nicht besonders üppig daherkommt, so ist man nach dem Verzehr – der Sauerteigfladen lässt grüßen – ziemlich satt. Ein wenig Platz im Magen sollte man allerdings lassen, denn wer das “Blue Nile” verlässt, ohne von der Mangocreme probiert zu haben, hat etwas verpasst.

Sie lässt sogar den einzigen Kritikpunkt vergessen: Das süße Baklava hatte man nämlich schon mal leckerer gegessen – beim Türken oder beim Araber. Etwas zu trocken geriet es beim Äthiopier, was aber dank des süßen Honigweins nicht weiter ins Gewicht fiel.

Alles in allem ein kostengünstiges Vergnügen, das eine hervorragende Abwechslung zu all den italienischen und asiatischen Lokalen darstellt. München sei die nördlichste Stadt Italiens, heißt es immer wieder. An diesem Abend war es kurz auch die nördlichste Stadt Äthiopiens.