Diese Bar ersetzt den Urlaub

In der Weltwirtschaft trifft sich ein internationales Publikum auf Bier und Wein, um über die Weltlage zu diskutieren

Wer beim Stichwort Weltwirtschaft an Turbokapitalismus, Trumpologie und Trusts denkt, ist an der Schwanthalerstraße 80 an der falschen Adresse. Im grün bewachsenen Hinterhof des Eine-Welt-Hauses, an der Bar und den langen Holztischen treffen sich eher Globalisierungskritiker, Friedensbewegte, Umweltschützer und vor allem Menschen aus aller Welt, um bei Bier, Wein oder auch mal einem Slivovice über die Weltlage zu diskutieren: in der “Weltwirtschaft” eben.

Die “Wewi”, wie die vielen Stammgäste das Lokal von Sarah Seeßlen nennen, ist nicht ein scheinbarer Widerspruch zu den G7-Gipfeln oder Mächtigentreffen von Davos. Es ist ein friedvolles Alternativmodell im Kleinen. Das liegt nicht nur am bunten Publikum, unter das sich durchaus mal hochrangige Politiker verschiedener Nationen mischen, sondern auch am Konzept des gemütlichen Lokals.

Die Preise sind im Münchenvergleich sehr zivil, obwohl sie gerade um ein paar Cent angehoben werden mussten. 3,40 Euro für ein Weihenstephaner Weißbier, es gibt auch Biobier von Lammsbräu (3,60 Euro) oder Bio-Veltliner (4,20 Euro), liegen meist mehr als einen Euro unter den Angeboten von Gaststätten in ähnlicher Lage. Die Getränkekarte ist zwar nicht üppig, aber durchaus ausreichend – außer vielleicht für besonders coole Leute, die für irgendwelche saucoolen Kreationen gerne zweistellige Eurobeträge zahlen wollen.

Seit mittlerweile 14 Jahren betreibt Sarah Seeßlen die Weltwirtschaft, zuvor leitete sie vier Jahre lang die Clemensburg in Schwabing. In der Münchner Gastroszene ist sie also wahrlich keine Unbekannte. Sie übernahm das zuvor leer stehende Lokal an der Schwanthalerstraße, das für viele Besucher des Eine-Welt-Hauses zum Markenzeichen der internationalen Kultureinrichtung im südlichen Bahnhofsviertel wurde.

Mittlerweile kommen mittags auch viele Geschäftsleute vorbei, um im Garten die internationale Küche zu genießen. Zwei indische Köche hat die Weltwirtschaft, die aber auch ganz heimisch anmutende Gerichte anbieten. Die Bedienungen stammen aus Senegal bis Russland, ähnlich international wie die Gäste. Auf der Wiese mit dem hölzernen Spielhaus tollen bis in den Abend Kinder herum, deren Eltern eine der vielen Veranstaltungen im Eine-Welt-Haus besuchen.

Manchmal gibt es sogar Grillabende, an denen die Gäste ihr Essen selbst mitbringen dürfen. Auf der Terrasse unter den zwei hohen Ahornbäumen neben der hohen Brandschutzwand mit seinem wilden Wein wachsen Tomatensträucher in Kübeln, ein kleiner Zitronenbaum und Gewürzpflanzen, die auch in der Küche der Weltwirtschaft verwendet werden.

“Ich muss gar nicht mehr in den Urlaub fahren”, sagt ein Stammgast, “hier habe ich doch alle möglichen Kulturen und Sprachen.” Hier gibt es den chilenischen Stammtisch, der sich regelmäßig an einem der Tische trifft. Junge Tschechen fiebern schon mal mit ihrem Eishockey-Nationalteam mit, solche Ereignisse werden dann auf einer großen Leinwand im Lokal gezeigt. Doch im Sommer ist die Weltwirtschaft ein Treffen der Welt, wie sie gelegentlich auch sein kann: friedlich und fröhlich.