Robert Haas

Diese Trattoria bringt Sardinien in die Maxvorstadt

Hier macht die Oma die Nudeln noch selber. Bei den Vorspeisen zeigt sich: Was auch immer die Tageskarte an Unbekanntem aufführt – man sollte es riskieren.

Egal, ob man Porto Cervo von Süd, West oder Nord anfährt, je näher man dem berühmten sardischen Yachthafen kommt, desto teurer wird der Sprit an den Tankstellen. Am teuersten aber ist die Anfahrt von Osten her, also von See. Da wartet, nach obligater Anmeldung per Funk, der Hafenmeister, blond, braungebrannt, ein Künstler im Umgang mit dem Dingi, dem kleinen Beiboot, um der einlaufenden Yacht die Festmacherleinen zu übergeben.

Allein dieser Handgriff kostet schon mal einen Fünfziger. Der Liegeplatz dann für eine der hier üblichen Superyachten: mehr als 2500 Euro. Pro Nacht. Da stinken selbst die Yachtclubs von Marbella oder Saint-Tropez ab.

Wer also bei uns ein Lokal betreibt, das den Namen Porto Cervo trägt, muss entweder das teuerste, edelste, nerdigste, angeberischste Italorestaurant Münchens anbieten können oder darauf hoffen, dass potenzielle Gäste wissen: Dort, an der Costa Smeralda, gibt es nicht nur teure Häfen, sondern auch eine beeindruckende Küstenlandschaft und – inselweit – eine ebenso begeisternde Küche. Letzteres gilt auch für Münchens Porto Cervo. Vor allem, wenn man sich dort aufs sardische Angebot kapriziert.

Denn Sardiniens Küche ist ein Spiegel der uralten Kultur und Agrikultur – und der Menschen dort. Sie leben hier seit gut und gerne 8000 Jahren. Die Nuraghen, Steintürme aus sehr frühen Zeiten, sind als Zeugen auf der ganzen Insel sichtbar. Auch wenn die Sarden bis vor gar nicht langer Zeit gerne Menschen entführten, sind sie sonst von großer Freundlichkeit und Gelassenheit, weit weniger hektisch als der Festlanditaliener und so den fernen Portugiesen ähnlicher als den nahen Römern.

Der Tisch ist so lang, dass man schreiben muss

Überhaupt sehen sich die Sarden nicht so sehr als Italiener, sondern eher als verwandt mit den Katalanen vom iberischen Festland im Westen, wovon auch die Küche zeugt, zumindest von Algero die Westküste hinunter. Wer hier jemals einen Oktopussalat als Vorspeise bestellt hat, weiß, was katalanische Schärfe sein kann.

Münchens Porto Cervo liegt nicht an einer Costa Smeralda, sondern an der Schellingstraße, Ähnlichkeiten bestehen bestenfalls bei der Schwierigkeit, dort einen Liegeplatz, hier einen Parkplatz zu finden. Man betritt das Lokal durchs Eck zur Zentnerstraße, rechts die obligate Bareinrichtung, der Rest, überraschend hell, aber nicht zu grell ausgeleuchtet, bietet Tische sehr unterschiedlicher Größe und familiengerechter Anordnung.

Man wird dann, wie Lende plus drei Mitesser nach (dringend empfohlener) Reservierung, unter Umständen an einem langen Tisch so platziert, dass der Gegenüber auf Schreiweite entfernt sitzt.

Das Porto Cervo ist ein Familienbetrieb. Mittlerweile ist es die Oma, die die formidablen sardischen Malloreddusu – stimmt so, man hört die Verwandtschaft zum Katalanischen – selber macht. Das sind kleine spiralähnliche Nudeln, ideal zum Soßentransport vom Teller zum Schlund und ebenso perfekt zu der hier oft angebotenen Salsiccia, jener Wurst, die je nach Gegend sehr unterschiedlich, aber immer köstlich schmeckt und die hier weniger Fenchelsamen in sich trägt als etwa in Sizilien. Die Enkelin ist Chefin im Gastraum. Die bedienenden Herren sind von freundlicher Gelassenheit, so gar nicht übertrieben kellnerisch servil, und lassen sich beim Abräumen gerne die Teller reichen.

Preislich in der Mittelklasse

Zunächst aber zurück zu den Vorspeisen. Von seltener Köstlichkeit war die Artischocken-Suppe, in der der zarte Geschmack dieses wunderbaren Gemüses prächtig zur Geltung kam. Dank Sellerie und Pfeffer schmeckte das hauchdünne Oktopuscarpaccio sehr elegant. Deutlich deftiger, also durchaus sardisch, dann der gegrillte Pecorino auf Pistoccu, dem typischen dünnen sardischen Hirtenbrot.

Die gemischten Vorspeisen dagegen überraschten wenig, weil so oder ähnlich in jedem besseren Italiener erhältlich. Das lehrt eines: Was auch immer die Tageskarte an Unbekanntem aufführt: Man sollte es riskieren, kommt doch meistens ein feiner Kurzzeitgaumentrip auf die große Insel südlich von Korsika dabei heraus.

Das Saltimbocca bot mit deftigem Speck eine feine Kombination, mit dem Zusatz “scharf” versehen, waren die Calamari mit Favette (Bohnen), Cocktailtomaten und Minze, was gar nicht so scharf war. Dazu trank man Wein, zunächst sardischen, herben weißen Vermentino, tiefroten, aber nicht so schweren Monica; doch was den Wein angeht, darf man auch auf Sardinien gerne das reiche Festlandsangebot nützen. Preislich liegt das Porto Cervo in der Mittelklasse: Vorspeisen kosten etwa acht bis 15 Euro, Hauptspeisen etwa zehn bis 20 Euro.

Wer’s bei den Dolci nochmal richtig sardisch mag, ordere Sebadas col Miele (7 Euro), eingebackenen Käse mit Honig – wunderbar. Lende hat die Fähre für den kommenden Herbst schon geordert.