Dieses Lokal bringt die Poesie der Ägäis nach Neuhausen

Die Taverne Kyklos bietet unverfälschte griechische Küche, auch wenn manchmal der Mut zu kräftiger Würze fehlt.

Es gibt – nicht nur, aber ganz besonders – in München drei Arten von griechischen Lokalen. Da wären zum einen und selteneren jene, die die eigentlich recht bodenständige hellenische Kocherei zur Kunst erheben und alles zwischen Atherines und Zaziki hohepriesterlich zelebrieren. Da wären zum anderen deren Gegenteil, die aus der im Original oft charmanten Einfachheit eine Untugend machen und glauben, Hauptsache gut gegrillt und gut geölt, dann schmeckt es schon nach Kykladeninseln (tut es leider auch, weil dort, im Zentrum des Tourismus, die Kochkunst oft zur Kunst des Abkassierens mutiert ist).

Und dann gibt es jene Griechen, die die Kochkultur ihrer Heimat ganz unverfälscht und unverstellt hierher verpflanzt haben und so den Gast ohne großes Getue träumen lassen von der Poesie der Ägäis. Solch ein Lokal ist das Kyklos.

Es ist eines der ältesten seiner Art in der Stadt. Seit 1972, also seit jener Zeit, in der die Volkshochschulen anfingen, Sirtaki zu unterrichten, ist es zentrale Anlaufstelle hiesiger Hellasfans. Und es hat den Anschein, als habe sich seither bis auf paar technische Erneuerungen nicht viel geändert, sowohl was das Angebot von Speis und Trank angeht als auch die freundlich saloppe Art des Service, für die Griechenland jenseits der touristischen Trampelpfade zu Recht berühmt ist.

Nun liegt ja das Restaurant eigentlich im Keller, einem unterteilten, eher schummrigen Raum von jener Enge, die in Griechenland beliebt ist, weil hier alle miteinander und durcheinander reden können. Im Biergarten zu ebener Erde ist die Luft deutlich besser, und was von den Bäumen auf die Marmortische fällt, wird mit der Speisekarte weggewedelt, bevor sie der Gast zur Auswahl bekommt. Und die ist dann von klassischem Griechentum.

Die großen Platten Pikilia kalt und warm sind, obwohl mit 19,50 und 24,50 Euro nicht gerade ein Vorspeisen-Schnäppchen, ihr Geld wert, weil all die Klassiker kundig zubereitet sind. Das Brot dazu allerdings war ein lätschertes Irgendwas, aber, mit Verlaub, auch das kann als durchaus griechisch durchgehen. Fein, süßherb und mit 7,50 Euro wirklich preisgünstig gerieten die Rote Beete mit Manouri, dem Schafsfrischkäse; beim berüchtigten Choriatiki, vulgo Bauernsalat, glaubte man, das gute Olivenöl, laut Karte aus Thassos, herauszuschmecken, jener nordägäischen Insel, auf der Ziegenfleisch grillende Hirten immer wieder ganze Wälder in Asche legen.

Eine kleine Eintrübung beim Genuss des kulinarischen Angebots im Kyklos ist, dass sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte der Mut der griechischen Köche zu kräftiger Würze, sei es mit Öl, mit Knoblauch oder all den vielen neben der griechischen Macchia wachsenden Kräutern, etwas verflüchtigt hat. Zum Beispiel beim Wolfsbarsch (17,50): Das Fleisch war perfekt frisch, zart, von den Gräten fallend; alles wunderbar, aber zum großen Gedicht fehlten noch ein, zwei Begleit-Ideen.

Ähnlich bei den Baby-Calamares, auch vom Grill mit Knoblauch-Zitronensauce (14,50): Da sollte doch wirklich der Zahnarzt am nächsten Tag bewusstlos in seinen Stuhl fallen vor lauter Knoblauch. Hier hätte er ahnungslos, aber mit Freude gebohrt. Und von der Zitrone waren auch nur Spurenelemente vorhanden. Beim Fleisch dagegen ist solcher Mut vorhanden. Ob nun Lammkeule aus dem Ofen, ob Baby-Lammkotelett oder Grillplatte (alles um die 15 Euro), alles mundete und weckte schon durchs Olfaktorische Erinnerungen an die Heimat dieser Speisen.

Dass der Küche zu den Beilagen nicht viel mehr einfällt als Kartoffelschnipsel oder Basmatireis, kann man verschmerzen, weil die Hauptgerichte in solchen Portionen kommen, dass der Nachtisch (ein Favorit: griechischer Honig mit griechischem Joghurt) kaum mehr Platz findet. Getrunken wird, wie zu Hause in Griechenland, viel Bier – ein gepflegtes Augustiner (3,60) oder das feine Unertl-Weißbier (3,90). Es gäbe auch Bier aus Griechenland, Mythos und Fix; aber das schmeckt dort dann doch besser als hier.

Und was den Wein angeht, so ist Lende da eine historische Bindung eingegangen. Vor vielen, vielen Jahren landete er mit dem Segelschiff in Naoussa im Nordosten von Paros und durfte im alten Fischerhafen anlegen. Dort war die Taverne von Janis, Maria und ihrer wunderschönen Tochter Evangelia, kurz Elli. Die Freundschaft wuchs mit jedem Anlegemanöver über die Jahre. Plötzlich aber waren sie verschwunden, die Taverne am alten Hafen ist jetzt ein Laden für Billigschmuck. Wenn also Lende einen Wein aus Naoussa auf der Karte sieht, ist es um ihn geschehen. So auch hier (0,2 für 5,20). Es wurden mehrere.

Und das ist vielleicht das Schönste an Tavernen wie dem Kyklos: Dass sie einen mit Speis, Trank und Lebensart zum Träumen verführen von türkisem Wasser, Liedern im Elfachteltakt und von der schönen Evangelia.



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