Dieses Wirtshaus ist ein Wunder

Der Tannengarten in der Pfeuferstraße ist nach seiner Wiedereröffnung schöner als je zuvor. Und Wunder geschehen auch, wenn man was zum Essen und Trinken bestellt.

Stadtviertel, an Euren Wirtshäusern soll man Euch erkennen. Wenn diese Weisheit wirklich irgendwie weise ist, dann darf Sendling seinem Tannengarten dankbar sein für die Renommee-Aufwertung. Denn dort ist geschehen, was in München eine Seltenheit ist: Ein eingesessenes Wirtshaus samt Biergarten macht dicht (warum auch immer), wechselt dann aber, dank heftigster Proteste der Bevölkerung, Wirt und Brauerei und ist nach der Wiedereröffnung schöner als je zuvor.

Der Tannengarten in der Sendlinger Pfeuferstraße (benannt nicht, wie in dieser Gegend oft üblich, nach einem der Bauernschlacht-Helden, sondern nach Sigmund von Pfeufer, der im 19. Jahrhundert Regierungspräsident von Oberbayern war), ist so ein Wunder. Und Wunder geschehen auch, wenn man was zum Essen und Trinken bestellt.

Dahingehend nämlich, dass Geschwindigkeit hier weniger Hexerei als offenbar Programm ist. Kaum berührte der Hintern die Bank, fragte ein dienstbarer Geist mit abgezählten Speisekarten in der Hand, ob (und wenn ja) man was gerne trinken würde. Kaum war das letzte Wort der Bestellung verklungen, standen Bier, Schorle und Wein schon auf dem Tisch.

Noch wundersamer: Das Rätsel um die Leberknödelsuppe (3,60): Auch da war das letzte “e” der ” . . . suppe” noch nicht den Lippen entfleucht, stand sie schon auf dem Tisch. Um das Wunder dann noch zu vervollkommnen, durfte man feststellen: Sie schmeckte vorzüglich, man möchte wetten, dass der Namensgeberknödel von kundiger Kochhand gefertigt wurde und nicht von einer Knödelfabrikmaschine, so saftig und leberhaltig, wie er daherkam. Die Bouillon dazu war nicht übertrieben gewürzt, so dass den Geschmacksnerven Raum und Zeit blieben, sich mit dem Knödel zu beschäftigen.

Doch auch danach blieb nicht allzu viel Zeit zum Studium des Gastraums, einem eigentlich langen Schlauch, der aber, architektonisch geschickt, dezent in drei Elemente geteilt ist. Klar, das Holz von Tischen und Bänken ist jung, noch fehlt eine Patina, wie sie die halbhohen Wände ausstrahlen. Darüber hängen Unmengen von Bildern, Altes, dezent Neues, wenig Kitsch und hie und da ein Krickerl oder auch ein Zwölfender. Das Licht ist angenehm gedimmt, man fühlt sich wohl.

Und schon ist das Essen da. Es gibt diesmal eine Bauernente mit zweierlei Knödel und Blaukraut (13,90), saures Kalbslüngerl mit Knödel (6,90), in Butter gebratene Rinderlende mit hausgemachter Kräuterbutter und Bratkartoffeln (17,90) sowie einen Zwiebelrostbraten Münchner Art, was ebenfalls Bratkartoffeln bedeutete (17,90). Dass bei letzteren beiden gefragt wurde, wie man das Fleisch gerne hätte, ist nicht in allen Wirtshäusern üblich; dass das Fleisch dann aber auch noch exakt auf diesen Punkt kommt, noch weniger. Es herrschte am Tisch die zufriedene Stille intensiven Genusses nach dem alten Kalauer: Ente gut, alles gut. Wobei, irgendwas muss man ja anmerken, das Lüngerl noch einen Schuss Essig vertragen hätte. Und dass das Blaukraut der Ente ein bisschen zerfallen schmeckte, muss man abends halt in Kauf nehmen. Aber sonst: alles prima, wie auch der fluffige Kaiserschmarrn, bei dem einer für zwei als Nachspeise reicht. Auch wenn die Bedienung anderer Meinung ist (5,90).

Ein Eindruck, der sich bei Folgebesuchen nicht verwischte: Man nahm da, nur ein Beispiel, die gebackene Milzwurst (8,90). Klar, der Koch kann da nicht viel falsch machen, er könnte allerdings dem Kartoffelsalat mit etwas Brühe etwas mehr Charakter geben. Der saftige, würzige Wurstgeschmack aber zeigt, dass das Versprechen, man lege viel Wert bei der Auswahl der Produkte und deren Hersteller, kein leeres Wort ist. Wobei natürlich das “hausgebeizte Lachsfilet” mit Dillsenfsoße (bekannt auch als Marinade der Filets von Renke, Forelle und Saibling) nicht aus heimischen Gewässern stammt und trotzdem mundete (10,50), aber die Frage aufwarf, warum ein so bodenständiges Wirtshaus nicht auch Fisch aus der Region ins Programm nimmt. Zu Lendes Testregeln gehört übrigens, dass ein Gericht, das beim ersten Mal entweder besonders fein oder eben gar nicht schmeckte, eine zweite Chance bekommt. Diesmal traf’s die Ente, mit der Erkenntnis, dass es nichts zu korrigieren gibt.

Die Biere kommen von Augustiner Bräu und der Erdinger Weißbier-Brauerei. Und deren Produkte werden hier mit viel Liebe gepflegt (die Halbe Helles 3,65). Die Weine, so man in diesem sehr bayerischen Wirtshaus darauf Wert legt, sind von anständiger Qualität, aber nicht irgendwie aufregend. Der Grüne Veltliner aus Niederösterreich kam dabei am besten weg (0,2 für 3,70), der Dornfelder vom rheinhessischen Weingut Bretz, einem Spezialisten für die Vielfalt dieser Traube, hinterließ ebenfalls einen guten, aber kurzen Eindruck (4,50). Bleibt als Summe der Erkenntnisse: Sendlings Tannengarten schmückt das Viertel ganz erheblich.