Hier kann man wunderbar Stammgast werden

Im Alten Ofen bleibt man gerne länger sitzen, auch unter der Woche. Es ist gemütlich, etwas altmodisch und unkonventionell – ein Ersatz-Wohnzimmer zum Versumpfen eben.

Rauchen, Rausch und Comicporno: Bis vor kurzem musste man Maxvorstädtern nicht lange erklären, worauf sich diese Stichwörter beziehen. Gemeint war natürlich die Kneipe “Alter Ofen” in der Zieblandstraße. Und anders, als man es in der eher geschleckten Maxvorstadt erwarten würde, war – und ist – der Alte Ofen eine angenehm gemütliche, etwas altmodische Nachbarschaftskneipe mit unkonventionellem Anstrich. Hier bleibt man gerne mal ein bisschen länger sitzen, auch unter der Woche.

Und hier kann man auch wunderbar Stammgast sein, ohne dass einem die immer selben Gesichter irgendwann auf die Nerven gehen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Publikum so bunt gemischt ist, vom Alter wie vom Aussehen her. Hier treffen Medienmenschen auf Studenten, feiern BWLer mit Sozialpädagogen, speisen Künstler neben Sparkasslern. Eines haben aber alle gemeinsam: Keine Lust auf durchgestyltes Szene-Chi-Chi.

Glattgegelte Guttenberg-Klone und Wasserstoffblondies im Minikleidchen verirren sich hierher eher nicht. Und das ist auch gut so, finden die Menschen, die sich Abend für Abend hier in ihrem Ersatz-Wohnzimmer zusammenfinden, einfach nur so, ohne großartige Poserei. Die anderen sind auch woanders gut aufgehoben – Szene-Schuppen gibt es in der Stadt genug.

Während es in München immer schwieriger wird, Lokale ohne von Innenarchitekten ausgearbeitetes Konzept zu finden, hat der alte Ofen die späten Siebziger in die Gegenwart gerettet. Hier wirkt alles zusammengewürfelt und doch passt irgendwie auch alles zusammen: Die ovalen Holztische mit Glanzfurnier, das alte durchgesessene Sofa aus Uromas Zeiten, dann noch die Designer-Lampen von Ingo Maurer – über der Sofa-Sitzecke besteht die Leuchte aus Campari-Flaschen.

Das Bild ist seit Jahren dasselbe, nur die Schmuddeltapete im Männerklo und der dichte Zigarettenqualm sind inzwischen Vergangenheit. Sonst habe sich nicht viel verändert seit 1978, sagt Wirtin Susanne Iglesias, die den Laden 1993 von ihrem Vater Joachim Moyzischewitz übernommen hat. Der hatte den Alten Ofen bereits 1973 eröffnet, damals war die Kneipe noch in der Schellingstraße 130, etwa 500 Meter vom heutigen Standort entfernt. Moyzischewitz, schon lange Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei, stand damals im zweiten Staatsexamen, als er in der Schellingstraße eine heruntergekommene Wirtschaft entdeckte und zusammen mit Kommilitonen renovierte. Weil es keine Heizung gab, suchte der Jungwirt per Zeitungsinserat einen Ofen – es fand sich ein grünes, reichverziertes Jugendstilstück.

Der Alte Ofen wollte sich von bayerischen Wirtshäusern unterscheiden. Er sollte eine Kneipe nach Berliner Vorbild sein: Ausgeschenkt wurde Pils statt Hellem, zu essen gab es Buletten. Und das damals vorwiegend studentische Publikum ließ sich nicht lange bitten: Bald war das Lokal voll. Doch fünf Jahre später wurde das Haus an der Schellingstraße abgerissen, der Alte Ofen zog um in die Zieblandstraße. Dort steht der namensgebende Jugendstilofen noch heute als Dekoration.

Die fehlende italienische Porno-Tapete

Wann der Eisenofen zuletzt an war, weiß Wirtin Iglesias nicht mehr. Was sie weiß: Die Stammgäste lieben Veränderungen nicht besonders. “Die Sofaecke abzuschaffen, wäre undenkbar”, sagt sie. “Die wird oft extra reserviert.” Und weil sich so viele Männer über die seit der Renovierung fehlenden italienischen Porno-Comic-Tapeten in der Toilette beschwert haben, verspricht sie, dass sie bald “in anderer Form” wieder zu sehen sein werden. “Das hat mich schon gewundert, wie viele Leute mich darauf ansprechen.”

Wenn Susanne Iglesias von ihren Gästen erzählt, spricht sie ein bisschen auch von einer Art Familie. Die 45-Jährige wohnt seit zehn Jahren direkt über der Kneipe (“darauf habe ich lange gewartet”). Und in andere Lokale kommt sie, wie sie sagt, nur sehr selten – und das vor allem, um zu sehen, was andere so machen. “Eigentlich”, sagt sie, “bin ich immer hier.” So ist es auch kein Wunder, dass sie viele Gäste persönlich, die meisten zumindest vom Sehen her kennt. Wer in den Alten Ofen geht, tut das nicht zufällig.

Dafür liegt er viel zu abgeschieden, mitten im Wohngebiet. Inzwischen liegt das Alter der Alter-Ofen-Klientel laut Iglesias “zwischen 20 und 50”. Hier feiern schon mal Leute Hochzeit, die schon als Studenten im Ofen Zwischenprüfung und Examen begossen haben. Dass immer neue junge Gäste nachkommen, dafür sorgt das studentische Personal, das seine eigenen Freunde und Bekannten anschleppt.

Die wissen vor allem das günstige Essen zu schätzen. Zu den Klassikern auf der Speisekarte gehören Schupfnudeln, Chili con Carne, Käsespätzle und – besonders beliebt – das Schnitzel Wiener Art. Auf der Dessert-Liste steht, nicht weniger klassisch einfach, Vanilleeis mit heißen Himbeeren oder Schokosoße. Warme Küche gibt es bis 22.30 Uhr, zum Abschluss verkaufen die Bedienungen die berühmten Fleischpflanzerl mit Senf und einer Scheibe Brot warm auf die Hand.

Doch auch für späte Gäste hat Susanne Iglesias ein Herz. Nach Küchenschluss serviert sie noch eine Auswahl kalter Snacks, vom Leberwurstbrot mit Gewürzgurke bis hin zu Nachos und Schafskäse mit Oliven und Brot. “Keiner soll hier hungern müssen”, sagt Iglesias.

Sie kann sich nichts anders vorstellen, als Wirtin zu sein. “Schon mit 16 bin ich hier in der Küche gestanden, für mich war das immer klar.” Und weil sie schon so lange im Geschäft ist, sieht sie auch die Trends im Trinkverhalten. Der Bierkonsum geht zurück, dafür trinken die Leute wieder mehr Schnaps, derzeit ist wie zuletzt vor 20 Jahren wieder brauner Tequila mit Zimt und Orange angesagt. Und seit kurzem schenkt die Ofen-Crew auch den Modedrink “Hugo” aus. Wenn sich sonst schon nicht viel ändert: Ein Zugeständnis an den Geschmack der Zeit muss man machen. Auch im Alten Ofen.