Ein bisschen Marrakesch am Marstallplatz

Im Spice Bazaar kann man sich wohlfühlen – doch die mediterran-orientalische Küche ist manchmal etwas schwierig zu fassen.

In München haben zuletzt bemerkenswert viele Restaurants eröffnet, denen etwas gemein ist: Ihre Perfektion wirkt auf den ersten Blick fast einschüchternd. Die Einrichtung? Ein Traum. Der Style? Ein Hingucker auf Instagram. Der Service? Eine fesche Armada im Corporate-Look. Die Karte? Ein multikulturelles Genussgelübde – ob “Riviera-Küche”, kalifornisch-polynesisch, panasiatisch oder mediterran-orientalisch.

Nun sind Perfektion, Planung und Vielfalt natürlich erst einmal zu begrüßen. Hinter jeder Zielgruppenanalyse steckt ja auch eine legitime Win-Win-Wette: Beim Gast bleiben hoffentlich keine Wünsche offen, und der Wirt kann die immer ausgschamteren Mieten in der Stadt bezahlen. Alles gut also? Leider jein. Aber der Reihe nach.

Zunächst ist das Spice Bazaar die Art von Lokal, in dem man sich sofort wohlfühlt, eben auch weil offenbar so gut geplant wurde. Das Vorhaben, ein bisschen Marrakesch am Marstallplatz zu inszenieren, hat durchaus seine Klischee-Tücken, denen die Ausstatter aber aus dem Weg gegangen sind. Moderner Purismus wird hier heimelig abgefedert – durch viel Holz und Stoffe in Gelb, Apricot, Korallenrot oder Türkis. Dazu schaffen schlichte Goldlampen und Vorhänge aus Kupferdraht ein Lichtkonzept, das scheinbar Unvereinbares angenehm zusammenbringt: wohldosierten Glamour im Tom-Dixon-Stil und die leider immer seltenere Gemütlichkeit.

Entsprechend voll ist es hier am Freitagabend (reservieren ratsam), was aber auch am Angebot liegen kann: “Mediterran-orientalisch” ist zwar streng genommen kein Küchenstil, dafür aber ein schön schwammiges Koordinatensystem für Wohlgefühle. Spätestens seit Yotam Ottolenghis Kochbucherfolg “Jerusalem” (ein gutes Buch übrigens) ahnt das Marketing, wie eine Prise Neo-Orientalistik, dekoriert mit Schwurbelschmelz (“Bazaar der Sinnlichkeit”), die Gastronomie nach vorne bringt. Aber solange es funktioniert: Warum denn nicht?

Der Ansatz – hochwertige, bio-zertifizierte Produkte, alles hausgemacht – ist lobenswert, die Karte extrem ehrgeizig: Hier geht die steile Reiseroute von Apulien über Beirut, Tel Aviv und Peru (!) nach Andalusien und zurück. Neben Snacks und Vorspeisen finden sich Sparten wie “kurz gegrillt”, “langsam gegart” oder “roh mariniert”, dazu eine Tageskarte und eine gut sortierte Weinkarte. Warum das alles im diffusen Mix aus Englisch und Deutsch abgefasst ist? Keine Ahnung. Es änderte aber nichts daran, dass etwa ein so wohlklingender alkoholfreier Aperitif wie “Zero Lavender (cucumis lavender, creole bitter, lime)”, den Tisch nur als übersüße Lavendelschorle erreichte und dort zero impression machte.

Manches Gericht überrascht, manches enttäuscht

Wie gut das Konzept “1001 Köstlichkeit” funktioniert, hängt hier dann auch davon ab, welchen Teller man gerade erwischt. So überzeugte der Hummus Marrakesch (6,90 Euro) durch eine schöne, ungewöhnliche Würze (mit Topinambur, Tahini, Dattelsirup, Kreuzkümmel, Sumach und Nüssen). Vorspeisen wie süßsaure Hühnerleber (13,50) wünscht man sich öfter. Und einen so guten Brotsalat (Fatoush, 10,50) – Croutons zu herrlicher eingelegter Paprika, Spinat, Kräutern und Nüssen – haben wir lange nicht gegessen.

Unklar blieb indes, warum selbst einfache Klassiker eher enttäuschten. Das Auberginen-Hack (Eggplant Istanbul, 6,90) hatte zu viel Knoblauch, die Spicy Avocadocreme (7,90) trotz beeindruckender Zutatenliste zu wenig Aroma. Und der Tabouleh (9,50) schmeckte vor allem nach zitronigem Couscous, mit Spuren von Petersilie und (zu sauren) Tomaten.

Man wurde das Gefühl nicht los, dass – nicht nur – die Küche hier immer wieder zu sehr damit beschäftigt ist, Eindruck zu schinden. Sehr albern wirkte das beim tipptopp gebratenen Skrei (28,50). Die als Begleitung eifrig proklamierte Karotten-Hummus-Espuma entpuppte sich zwar glücklicherweise als Mus, aber ob Grünkohl und Rote Beete und Edamame und Papaya-Chili-Chutney dazu dem Geschmack geschuldet waren, ist stark zu bezweifeln. Wir geben zu: Die Trüffel-Burrata (15,50) hatten wir eher aus Häme bestellt, mussten aber Abbitte leisten, weil sich Käse, Trüffelöl, Tomate, sautierter Spinat und geröstete Pinienkerne wider Erwarten äußerst harmonisch ineinander fügten.

Die Seele fehlt noch

Trotzdem: Zum In-Lokal wird man ja nicht, weil der Koch jetzt Basmati räuchert und die Karte jede Granatapfelkernsorte auf Englisch führt. Man sollte schon wissen wofür, und da blieb das Spice Bazaar an beiden Abenden etwas unberechenbar. Die Karte begünstigt versteckte Preise; Brot (4,50) und Beilagen werden extra berechnet, weshalb man für Hauptgerichte schnell bei 25 bis 30 Euro landet. Das geht in Ordnung, solange es keine Überraschungen gibt.

Etwa weil Grillteller wie die türkischen Hackbällchen (15,50, sehr elastische Textur) oder der Tel-Aviv-Prawn-Skewer (18,50, die Garnelen hätten mehr Marinade vertragen) eher belanglos waren. Oder weil die suppigen Tomaten-Linsen (5,50) nicht so zur sonst schönen, zarten orientalischen Lammkeule (20,50) passen wollten.

Der Service war grundsolide, auch wenn einige Kellner zu glauben schienen, dass Zugewandtheit reine Trainingssache ist. Für den Gast ist es irritierend, wenn er wiederholt mitten in der Bestellung vom zackigen Abmarsch der Servicekraft unterbrochen wird. Aber kein Problem, am Ende passte es ja. Nur zeigte sich einmal mehr, dass es in der Gastronomie eine schwer erklärbare Größe gibt, die selbst der konzeptwütigste Profil-Profi nicht kalkulieren kann. Gemeint ist die innere Mitte eines Lokals, die Stimmigkeit oder, kurz und pathetisch: die Seele.