Wer sich durch die verschiedenen Sorten des hauseigenen Bieres durchprobieren möchte, kann ein Tragerl mit fünf 0,1-Liter-Gläsern bestellen. (Foto: Catherina Hess)

Ein Dorfgasthof mitten in der Stadt

Das Schiller Bräu zu betreten ist, als gehe man durch einen Zauberspiegel. Umgeben von Spielotheken und Imbissbuden gibt es dort bayerische Leckereien und hausgebrautes Bier.

Wiesn ist nicht, trotzdem schleicht in diesen Tagen immer mal wieder ein gerüttelt Maß an Menschen in Lederhosen und Dirndl auf die Theresienwiese. Mal sehen, ob da nicht doch etwas ist. Ob dieses öde Stück Betonwiese nicht doch etwas Oktoberfestgemütlichkeit atmet. Tut es nicht. Muss so sein. Alles ist anders in diesem Jahr, Schunkelgemütlichkeit gibt es nicht, Wirtshäuser aber schon – und darum sei diesen Menschen, die etwas Gefühl auf der Brachfläche suchen, der Fußkilometer von der Theresienwiese bis zum Schiller Bräu empfohlen.

Allein schon aus dem kuriosen Grund, dass Alt-Oberbürgermeister Christian Ude dort beim Wirtshaus-Wiesn-Anstich vor zwei Wochen acht Mal gebraucht hat, um anzuzapfen. Acht! Mal! Statt seiner üblichen zwei Mal auf der echten Wiesn. Passt in die Schillerstraße, hier ist vieles anders.

Es kann zum Beispiel passieren, dass man vorbeiläuft am Schiller Bräu, weil diese Ecke Münchens nicht zwingend zum Flanieren einlädt und einem die dezente Glasfront des Wirtshauses nicht auffällt. Der Puls hier ist hoch, das Trottoir knallvoll, irgendeiner brüllt immer, irgendwo lärmt immer eine Baustelle. Spielotheken, Imbissbuden, Table-Dance. Hat man anderswo in der Stadt das Gefühl, dass die Gehsteige aufgewischt und die Geranien ständig ausgezupft werden: hier nicht.

Gut so. Denn wenn man dann das Schiller Bräu betritt, vielleicht angelockt durch den Anblick der kupfernen Sudkessel, die man durch die Scheiben schimmern sieht, ist es, als trete man durch einen Zauberspiegel. Entlang eines schmalen Gangs vor der Theke landet man im ersten großen Gastraum, und sofort schließt einen das gemütliche und erstaunlich große Wirtshaus in seine Arme. Viel Holz, viel Liebe zum Detail, ja, auch Geweihe und Karotuch, aber alles klar und modern, kein Kitsch. 160 Gäste finden Platz. Wer ruhiger sitzen will, wählt die untere Etage, in der es zwar dunkler ist, die Akustik das Stimmenwirrwarr aber nicht weiter fördert. Im Innenhof gibt es einen kleinen Biergarten.

Die Sudkessel verraten es: Hier wird gebraut. Aber nicht vom Wirtinnenpaar Ninja und Kristina Höfler, die das Schiller Bräu unter dem Dach der Lindner Group seit drei Jahren führen und das darüberliegende Hotel MK gleich mit. Ein Braumeister kümmert sich ums Bier, das nur hier ausgeschenkt wird, ein Sechsertragerl für zu Hause kann man aber mitnehmen. Wer unentschlossen ist, wählt das Probiertragerl (6 Euro), in dem fünf 0,1-Liter-Gläser mit dem ungefilterten Hausgebrauten stehen. Es gibt leichtes, hopfiges Scheps (2,5 Prozent Alkohol), kräftig-malziges Dunkles, süffiges, fast zuckriges Helles, bananiges Weißbier und das Monatsbier, das derzeit natürlich Festbier ist, und frischer, blumiger und milder als übliches Wiesnbier. Im Bierkalender des Schiller Bräu ist es als "Volksfesthupn" annonciert. Als Mitnahmebier trägt es den schönen Namen "Schaustellergspusi".

Im Schiller Bräu sind die Details entscheidend, auch beim Essen. Wir hatten zum Start das Aufstrichtrio "I schmier da oane" (7,65 Euro). Die Röstzwiebeln auf dem Apfelgriebenschmalz waren selbstgemacht, eine Radieschenblume thronte auf dem Kartoffelkäseaufstrich, der Obazde war richtig würzig, die Breze warm, serviert in einem hübschen Holzkästchen. "Sturer Ox" (16,55 Euro) hieß das fein, aber nicht zu fieselig geschnittene und gut gewürzte Tatar vom Weideochsen aus der Region, das saftige Trebernbrot dazu stammte aus Niederbayern, der Senf-Dip zum knackfrischen Pflücksalat wurde mit Gin vom Schliersee verfeinert.

Wir waren vor Corona im Februar da, mit den neuen Spielregeln mit Corona im Sommer und nun im Herbst. Die Speisekarten waren immer an Jahreszeit und das regionale Angebot auf dem Markt angepasst, die Freundlichkeit im Service war immer gleich herzlich, die Portionen durchweg üppig und qualitativ auf dem gleichen hohen Niveau. Andere haben Preise hochgefahren, Portionen verkleinert, an Zutaten gespart, weil sie, wie alle, gerade hart rechnen müssen. Kann man alles verstehen, aber glücklich macht das keinen Gast.

Im Schiller Bräu haben sie einfach weitergemacht, wo sie aufgehört haben. Vielleicht ist auch das der Grund dafür, warum das Wirtshaus immer gut gefüllt ist. Ein Gericht aus der Karte vor Corona waren die Fleischpflanzerl mit Zwiebelsenfsoße und Kartoffelpüree (13,85 Euro). Ein Gericht aus der Herbstkarte, die seit zwei Wochen gilt, war das Risotto mit Kürbis und Waldsteinpilzen (15,55 Euro). Die Fleischpflanzerl waren locker in der Dichte, aber ein wenig zu stark gesalzen, die Soße war kräftig und angenehm pfeffrig, das Kartoffelpüree rahmig, aber nicht zu sehr. Kräuter in reichlichen Büscheln zierten den Teller, Oregano, Thymian, Petersilie. Hätte auch für fünf Teller gereicht. Aber klar, lieber so, als gar kein Grün auf dem Teller.

Das Risotto war ein schönes Gericht für kühle Tage, warmerdig im Geschmack die Pilze und der Kürbis, der Reis hätte einen Tick mehr Biss haben dürfen, und wir hätten uns lieber einen weniger kräftigen Käse im Risotto gewünscht, der Tegernseer Landkas war sehr dominant, aber auch das ist eine Geschmacksfrage. Auf jeden Fall scheint der Koch Bergkäse zu mögen, er steckt in vielen Gerichten. Den Schweinebraten (12,85 Euro) im Reindl wollen wir loben, die Kruste war hauchdünn und knusprig, das Fleisch saftig. Die Dunkelbiersoße war etwas zu salzig, die Knödel hätten eine Idee fluffiger sein können, dafür war der Speckkrautsalat superfrisch.

Die Apfelkücherl (7,95 Euro) zum Dessert fanden wir wunderbar luftig, die Kombination mit Walnusseis, kandierten Mandelsplittern und Beeren rund. Schön auch die "Bayrisch-Österreichische Freundschaft" von der aktuellen Karte. Wir freuten uns über eine reichliche Portion luftiger Zwetschgen-Topfenknödel (7,95 Euro), Zimtbrösel und eingelegten Quitten.

Reservieren sollte man, mehr noch als internationale Laufkundschaft gibt es hier viele Stammgäste. Die "Neuen" erkennt man daran, dass sie verdutzt im Eingang stehen bleiben, weil sich vor ihnen ein moderner Dorfgasthof mitten in der Stadt entfaltet. Ein guter Grund, mehr ins Bahnhofsviertel zu gehen.

Adresse: Schillerstraße 23, 80336 München, Telefon: 089/890584820, Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 16 bis 0 Uhr