Schlicht, hell und klar wirkt die Brasserie La Bouche, Stammgäste werden hervorragend bedient, andere Gäste nicht unbedingt.

Ein Franzose mit Potenzial zum Lieblingslokal

Französische Landküche in Schwabing: Die Brasserie “La Bouche” müsste doch paradiesisch sein, raunt es innerlich. Leider gibt es ein paar Einschränkungen.

Einst war dies das Café Ringelnatz, ein exzentrisch inspirierter Ort im alten Kern Schwabings . Hier probte der “Chor der Sangesunkundigen”, hier kehrte der kritische Glaube noch spät die Reste von Gott und Welt zusammen, wenn die Katholische Akademie ihre Gäste längst in die Nacht hinausgebeten hatte. Seit hier eines der raren Lokale mit französischer Landküche nistet, die Brasserie La Bouche, soll wenigstens das Interieur ein wenig von Bohème und Glamour fortspinnen.

Ingo Maurer, der Lichtzauberer, beleuchtet mit geflügelten Birnen den anheimelnd schlichten, klaren, hellen Raum. Warhol, Beuys, Romy Schneider, Sepp Maier, Udo Lattek und natürlich Johnny Hallyday blicken ins Objektiv namhafter Fotografen. Drei mindestens so prachtvolle Plastikgockel in den Farben der Trikolore halten in den Fensternischen Wacht. Draußen wie auf der Karte lädt ein roter Kussmund in die Brasserie.

Die Riege der Stammgäste zählt zu jener nicht mehr ganz jungen Gesellschaft von lebensfroher, gut gelaunter Sinnlichkeit; sie wird von der Wirtin und ihren beiden bretonisch geringelten Kellnern umsorgt, so umsichtig, dass der Gelegenheitsgast schon mal knurrenden Magens zu warten hat, weil die später erschienenen Eingefleischten allemal Vorrang genießen. Allzu mickrig die Träne Olivenöl zum Brot, die den Schmerz anfänglicher Nichtachtung lindern soll.

Lieblingslokal raunt es dennoch innerlich, während man die zu Stroh getrocknete Salatgarnierung von den Hauptgerichtetellern schüttelt und das altbackene Röstbrot knackt. Lieblingslokal denkt man, während zwei Flaschen stilles Wasser statt einer prickelnd und einer naturell anlanden. Lieblingslokal träumt es tapfer, auch wenn weder Nachfrage nach süßem Après oder weiterem Wein erfolgt, und der Wunsch nach einem Salat zur Vorspeise keineswegs den Hinweis herausfordert, dass das Hauptgericht obligatorisch von derlei Grünzeug flankiert werde. Und dann: Paté zu kalt, Toast kalt, Salat alt.

Respektabel aber die Kürbissuppe. Das Duett von Flusskrebsen- und Hummerterrine, die Schnecken, kamen uns seltsam flach vor. Rasch fanden wir uns in dem Diskurs wieder, ob nicht sparsames Würzen vorbildlicher sei als zu beherzte Geschmacksbeigaben. Die Geflügelleber (für alles Fleisch sind namhafte Bioproduzenten ausgewiesen) mit Pastinaken schlug da angenehm beherzt aus dem Rahmen. Die Tafelspitzsülze mit hinreißend säuerlichem Rote-Beete-Carpaccio gemahnte geschmacklich wieder an Fastenspeisen.

Dass die Rouille zur Catigot milder ausfiel als üblich, tat der so delikaten Zutat, sonst zu oft majonnaisepenetrant und knoblauchlastig, ausgesprochen gut. Diese bretonische Fischsuppe entsprach uns überaus, wobei uns vernachlässigbar zu sein schien, dass der Fonds aus dem Eis und nicht frisch war, was man bei derlei markantem Teller einfach merkt. Loup de mer, Steinbeißer und Rotbarbe – sie waren auch das Obenauf der Choux Croute, was man wohl am besten mit Kohlkruste übersetzen könnte. Milchig-cremig überzeugte uns die Krautkomposition so sehr, dass wir uns über die merkliche Verweildauer des Fischs unter der Wärmelampe nicht weiter grämten.

Coq au vin geschmacklich bestechend, aber seltsam trocken im Fleisch. Nichts zu beanstanden am Entrecôte. Das Kalbscarrée mit Rosenkohlblüten versöhnte uns mit vielem. Die geschnetzelte Rinderleber ein Bonbon für Liebhaber, innen pralinenzart, außen knusprig. Aber das Iberico Schwein: Gemessene 4,7 Zentimeter dick, ein Fleischbatzen, erwartet man wohlwollend, was ein schön marmorierter Rücken doch leisten sollte – was keineswegs gelungen ist: Riesig, banal. Bei 27,50 Euro sollte man einen Hund zu Hause haben, um die nötige Rentabilität zu wahren. Die Süßigkeiten hinterher (fünf bis sieben Euro) fanden großen Anklang, ganz besonders das exquisite Heidelbeersorbet mit seiner betörend zurückhaltenden Süße.

Für Hauptgerichte entrichteten wir zwischen 23 und 30 Euro, für Suppen 7,50, Vorspeisen um zehn bis zwölf Euro, für akzeptables Handwerk also, dem aber dringend abgeht, was man sich wünschte: Leidenschaft und Witz. An beidem gebricht es auch dem immer leicht überanstrengt wirkenden Service. Immerhin bietet man eine unkonventionellere, nicht zu waghalsige Reihe offenen Weins, bei sechs bis acht Euro für Münchens Räubersitten durchaus preiswert, wobei uns der knackige weiße Apremont aus Savoyen als besonders originell auffiel. Doch ach, wo ist es hin, das innerliche Raunen vom Lieblingslokal? Jetzt, da es warm wird, ein paar Gläschen an den zwei Tischen vor der Tür, ja, das könnte paradiesisch sein.



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