Aus einem verwinkelten Gastraum hat das Restaurant Chuchin viel gemacht. Foto: Florian Peljak

Ein Hauch orientalischer Exotik ohne Fernost-Kitsch

Das umtriebige Gastronomenpaar Anh Thu und Hieu Tran hat mit dem Chuchin in Bogenhausen einen weiteren Vietnamesen eröffnet, dessen Besuch durchaus lohnt.

Als die französischen Kolonialherren endlich aus dem Land geworfen waren, hinterließen sie Vietnam Krieg, Zerstörung und sonst nicht viel. Sogar kulinarisch war der nachhaltigste Eindruck, der von der küchenstolzen Grande Nation in Südostasien blieb, eher bescheiden: Baguette bestrichen mit Leberwurst, als Bánh Mi Pâté noch heute an nahezu jeder Straßenecke Saigons günstig zu haben. Haute Cuisine nach Art der Eroberer dagegen konnte den Vietnamesen gestohlen bleiben. Feine, raffinierte Garkunst hatten sie ja selber, vor allem kultiviert in den Hofküchen der Kaiserstadt Hué, aber auch weit darüber hinaus. Im fernen Europa dagegen muss sich die Erkenntnis erst noch durchsetzen, das Cuisine à l’Indochine mehr ist als billiges Streetfood aus den Garküchen-Woks der Backpacker-Enklaven.

Das Chuchin ist eines von immerhin vier Lokalen, mit denen das umtriebige Gastronomenpaar Anh Thu und Hieu Tran auch die Münchner davon überzeugen möchte, ziemlich erfolgreich offenbar. Damit sind sie nun in Bogenhausen angekommen, 200 Meter Luftlinie nur vom Käfer, dem kulinarischen Tempel jener spezifischen Münchner Mischung aus Geld, Glitzer und Gediegenheit. Und, ja, ein bisschen scheint das abzufärben. Das Chuchin, obwohl sehr ähnlich wie die Schwabinger Schwesterlokale Anh Thu und Cochinchina, ist bereits bemerkenswert Bogenhausen – sogar für Bogenhausen.

Der Nachkriegsbau mag von außen vor den jugendstilhaften Prachtfassaden gegenüber arg unauffällig aussehen. Aber drinnen wirkt schon erstaunlich, was sich aus einem niedrigen, verwinkelten Gastraum so machen lässt. Viele Pflanzen stehen herum, in bunten Blumenmustern bemalte, dramatisch ausgeleuchtete Paravent-Paneele schmücken die Wände, die floralen Motive finden sich auf den zum Sitzen an den Tischen erstaunlich geeigneten Sofas wieder und in den hölzernen Raumteilern, die gemütliche Nischen und Separées abtrennen. Von Kolonialnostalgie geprägte Europäer mögen einen Hauch orientalischer Exotik verspüren, doch alles ist erfreulich frei von Fernost-Kitsch.

Das Auge soll hier mitessen, das wird noch deutlicher, wenn die auch bei Vollbesetzung schnellen und freundlichen Kellnerinnen und Kellner die Teller, Schüsseln, Töpfe auf die allerdings kleinen Tische bringen. Da liegen ganz leicht braun angebratene Jakobsmuscheln auf dünnen grünen Spargelstäbchen im Töpfchen mit der weißen Muschelschale, in der sich gelb knusprig frittierte Teigfädchen kräuseln. Es schmeckt auch so, die Soße fein genug, um das Muschelfleisch nicht zu ertränken, pfeffrig genug, um dem Ganzen eine gewisse Schärfe zu geben. Die kommt bei der kräftigen Krautsuppe Canh Cái von reichlich frischem Ingwer, während sie in der Füllung unserer im Korb gedämpften Teigtaschen aus ostasiatischem Multikulti erwuchs: Kimchi, also scharf nach koreanischer Art eingelegtes Weißkraut, befeuerte das Rinderbrät aufs Schärfste.

Man kann sich auch selber gefüllte Rollen basteln, was freilich bei Gudmund in tischweite Kleckerei ausartete. Nicht jeder bayerischen Pratze ist es gegeben, die auf Plastikscheiben durchsichtig dünn aufgespannten und sehr klebrigen Teigblätter um betelblattummantelte Rinderfleischstäbchen, lauwarme Nudeln, Sprossen und Kräutergrün zu wickeln und dann noch unfallfrei via Soßenschälchen in den Mund zu führen. Die Bastelei lohnte sich aber deshalb, weil sich so die den Teller nahezu überwuchernden Kräuter ansehen, anfassen, riechen und schmecken ließen, die in Ermangelung besserer, im Westen verständlicher Namen vietnamesische Melisse, vietnamesische Minze, Thaibasilikum oder Wasserfenchel heißen.

Für Leute, die sich nicht so viel Arbeit machen möchten: Die Haut der Ente war so knusprig wie auf der ausladenden Karte versprochen, das Fleisch saftig und so zart, dass es sich mit der Gabel zerteilen ließ, und alles umhüllt von den kräftigen Ingwerdämpfen des Gemüses. Auch der Seeteufel, übrigens kein Bewohner südostasiatischer Gewässer, war im Wok erstaunlich nah an den richtigen Punkt gebraten. Doch spielten in den Wok-Gerichten doch eher das knackige Gemüse und die Soßen die Hauptrollen – etwa zum Rind eine Tamarindenkreation, die richtig süß und richtig scharf und doch harmonisch war, und damit ebenso überraschend wie der krachend knusprig frittierte, ebenfalls leicht süßliche Reis, der in einem Tontopf unter kunstvoll geschälter Riesengarnele und mit Jakobsmuscheln und zweierlei Fleisch serviert wurde.

Wegen des Nachtischs besucht wohl kaum jemand ein asiatisches Restaurant, die mit kandierten Ingwerfäden bedeckte Creme brulée war aber eine Leckerei. Und die Preise? Tja, Bogenhausen. Vorspeisen kosten abends zwischen 8 und 17 Euro, Hauptgerichte zwischen 20 und knapp 40 Euro. Zum Mittagstisch unter der Woche ist vieles viel günstiger, war aber bei unserem mittäglichen Besuch nicht weniger gut. Die Auswahl an zumeist deutschen und österreichischen Weinen ist durchaus bemerkenswert, ein 0,2-Liter-Glas kommt auf 7,30 Euro.