Ein neues Biergarten-Gefühl

Seit Montag dürfen die Bayern wieder in die Biergärten. Wer eine Mass im Freien trinken will, muss zuerst ein Formular ausfüllen und statt Geselligkeit gibt es Absperrgitter. Über einen Biergartenbesuch in Zeiten der Pandemie.

"A bissl komisch is des scho", meint der Herr mittleren Alters, der mit seiner Frau in der Schlange vor dem Eingang zum Biergarten steht. Er wohnt eigentlich am Chiemsee, aber wenn man schon Urlaub hat, dann schaut man halt auch mal zum Chinesischen Turm, wenn der erstmals wieder auf hat. Aber es stimmt natürlich, komisch ist das hier schon. Aber es folgt einem ausgeklügelten System. Man kommt von hinten rein, vom Parkplatz an der Verlängerung der Tivolistraße, stellt sich in die Schlange und bekommt ein Formular ausgehändigt. Man trägt seinen Namen und die Kontakttelefonnummer ein und füllt dann sozusagen den Antrag auf Bewirtung aus: Man gibt an, was man in der ersten Runde trinken und essen will. Es geht dann zum Kassenhäuschen, wo man abgibt und zahlt, sodann wird man an seinen Tisch geleitet. Die Bestellung wird extra geliefert, mit hygienisch einwandfrei verpacktem Mehrwegbesteck.

Ja, das klingt alles etwas umständlich, aber die bayerischen Bestimmungen zur Wiedereröffnung der Gastronomie sind nun mal anspruchsvoll. Besonders für Biergärten. Denn die leben ja eigentlich davon, dass man sich näherkommt, zusammen am selben Biertisch hockt und sich das nächste Getränk dann von der Schänke holt, wenn man es braucht.

Das ist Vergangenheit. Die klassischen Bierbänke sind fast alle weggeräumt. Jetzt stehen da meist normale Stühle an normalen, runden oder viereckigen Tischen, in gebührendem Abstand voneinander. Alles sehr luftig. Dafür sitzt man schon mal hinter Gittern – am Chinaturm reichen die bis zum Bauch, mannshoch sind sie bislang am Viktualienmarkt, wenn auch rundherum mit einer hübschen grünen Plastikgirlande umrahmt (ab Mittwoch soll's einen hüfthohen Holzzaun geben).

Ebenfalls mannshoch sind die Gitter auch am Seehaus im Englischen Garten. Das liegt daran, dass der See gerade wieder neu geflutet wird, da ist das Vorschrift. Ansonsten gibt es einen kleinen Plastikchip am Eingang, den man am Ausgang wieder in ein Gefäß mit desinfizierender Flüssigkeit werfen muss. So weiß man am Seehaus, ob genügend Platz ist für alle, die reinwollen. Am ersten Tag ist das noch unproblematisch. Nahezu alle Wirtinnen und Wirte rechnen mit der Feuerprobe am Donnerstag. "Vatertag ist natürlich immer ein Riesenandrang", sagt zum Beispiel Steffi Spendler vom Biergarten Hirschau, "mal schauen, was dann los ist." Am Montag ist es fast beschaulich, Spendler hat bewusst locker bestuhlen lassen, zum Ausprobieren. Die Mütter mit den Kleinkindern haben sich wie sonst auch immer hinten beim Kinderspielplatz versammelt, über den Maskenzwang und die Registrierung regt sich kaum jemand auf. Spendler selbst findet es bürokratisch, sie muss ja auch jemanden extra dafür abstellen: "Ich versteh' es auch nicht ganz. Im Supermarkt muss man ja auch nicht seinen Namen und seine Telefonnummer angeben."

Das Publikum nimmt das gelassen – jedenfalls, solange es noch Plätze gibt. Die Devise lautet: Hauptsache, es geht wieder was! Manche sind schon früh losgezogen. Alfred, Tim und Philipp etwa, alle drei so um die Mitte 20. Das mit den zwei Hausständen hat schon seine Richtigkeit: Tim und Philipp wohnen in einer WG und studieren noch, Alfred ist selbständig und wohnt woanders. Also dürfen sie an einen Tisch. Das Trio in Lederhosen und Trachtenhemd gehörte zu den Ersten am Seehaus: "Wir wollten eigentlich für die Wiesn trainieren", witzelt Philipp, "deshalb sind wir in Tracht gekommen." Die erste Mass schmeckt schon nach mehr, und "eigentlich ist's angenehmer als sonst, nicht so viel Trubel". Sie wollen es eh nicht übertreiben: "Wir wollen einstellig bleiben!"

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der sich am späteren Nachmittag noch selber ein Bild im Biergarten am Nockherberg machte, würde so etwas vielleicht mit Wohlgefallen hören. Hat sein Ministerium doch den Betrieb in den Freischankflächen auf 20 Uhr begrenzt, weil mit zunehmendem Alkoholkonsum das Verständnis für Kontaktbeschränkungen nachlasse. Wie das wiederum genau mit der Uhrzeit zusammenhängt und warum man von kommender Woche an dann drinnen bis 22 Uhr trinken darf? Aiwanger und sein Ministerium dürften sich da jedenfalls nicht auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse stützen. Das sah Aiwanger auf dem Nockherberg auch ein: "Ich denke, in den nächsten Wochen wird man dann schon auf 22 Uhr wie drinnen hinaufgehen können, aber es gibt dafür noch keinen Termin."

Wie auch immer: Die neuen Regeln führen zu ungewohnten Konstellationen in den Freischankflächen und auf den Gehsteigen. Am Hofgarten etwa ist die Kinoreihenbestuhlung vor dem Tambosi, mit deren Hilfe man sich so wunderbar den Vorbeiflanierenden präsentieren konnte, einer banalen Tischbestuhlung hinter Absperrband gewichen. Guter Ort zwar, der Odeonsplatz, aber für einen gediegenen Schicki so völlig indiskutabel. Drinnen im Hofgarten wirkt hingegen alles fast wie immer. Hinten beim Schumanns stehen die Tische etwas weiter auseinander, aber die gegen Mittag noch wenigen Gäste freuen sich, dass sie vom Patron endlich wieder wie gewohnt angepflaumt werden: "Ich hab' doch gesagt, ich will Euch nicht hier sehen! Was macht ihr da?"

Am normalsten ist die Lage sowieso bei den kleinen Eisdielen und Straßencafés. Wo früher nur ein paar Tische und Stühle auf dem Gehweg standen, stehen jetzt eben auch nur ein paar Tische und Stühle auf dem Gehweg. Schwieriger wird es jedoch, wenn die Freischankfläche deutlich größer ausfällt. Da braucht es wieder die Registrierung am Eingang und das ganze Theater mit Schutzmaske und Platzierung.

Überhaupt ist es so: Viele reine Speiselokale und Restaurants machen erst nächste Woche auf. Außer, sie haben ohnehin etwas mehr Platz im Freien. Fabrice Kieffer vom Sternelokal Les Deux hat am Montagmittag schon wieder eine voll besetzte Terrasse. "Es ist wichtig, dass wir überhaupt wieder anfangen können und endlich einen Termin dafür hatten", sagt er. Die ursprüngliche Direktive von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) – "irgendwann um Pfingsten herum" – habe einen nur mutlos zurückgelassen. Wenn dann nächste Woche endlich bis 22 Uhr geöffnet werden könne, hofft Kieffer wie viele andere auf eine langsame Normalisierung. Und vielleicht kann dann ja doch langsam eine Beschränkung nach der anderen fallen.