Ein Sandwich für 111 Euro

Im Hotel Vier Jahreszeiten gibt es das teuerste Sandwich Münchens, belegt mit Hummerschwänzen, Trüffel und Kaviar. Aber schmeckt es auch?

Ein Club-Sandwich ist, obwohl köstlich, doch eine recht banale Angelegenheit: Vier Scheiben Toastbrot, dazwischen Hühnerbrust, Bacon, Spiegelei und Grünzeug, das ganze aufgestapelt zu einem mehrstöckigen Turm, der von Cocktailspießen zusammengehalten wird, bis Messer und Gabel ihr Werk beginnen und über kurz oder lang ein Desaster auf dem Teller anrichten. Es muss sich also ein Koch schon etwas Besonderes einfallen lassen, wenn er den Klassiker veredeln will. Oder wenn er sich vorgenommen hat "Münchens teuerstes Sandwich" zu kreieren.

Gut, kreiert hat Christopher Engel das gute Stück nicht, das soeben standesgemäß auf einem goldenen Teller an den Tisch gebracht wird. Engel ist Küchendirektor im Hotel Vier Jahreszeiten an der Maximilianstraße – wo, wenn nicht hier, sollte die Nobelstulle schon serviert werden? Engel sagt, das Fünf-Sterne-Sandwich habe es in den Hotel-Restaurants vor Jahren schon einmal gegeben, dann einige Zeit nicht mehr. Aber jetzt wieder. In der Speisekarte der Jahreszeiten-Bar steht links: "Clubsandwich Deluxe". Und rechts der Preis: 111 Euro. Pommes inklusive.

Auf das getoastete Brot legt Christopher Engel zunächst hauchdünne Scheiben vom Kräuterseitling, damit nichts durchsuppt. Darauf kommen leicht angegrillte Hummerschwänze. Die zweite Scheibe Brot. Darauf, mit Gurkenscheiben als Unterlage, das Spiegelei – es genießt unter seinen gut 200 000 Ei-Genossen, die das Hotel im Jahr verbraucht, den Vorzug, nicht am Frühstücksbuffet als Rührei zu enden, sondern in edler Umgebung sozusagen den bodenständigen Part zu übernehmen. Nach der dritten Brotscheibe und ein bisschen hauchdünner Tomate folgt Lachs, der in der Hotelküche hausgebeizt wird, danach fein geschnittener Salat. Und das Dach, die vierte Scheibe Brot, wird schließlich noch mit einem Klecks Kaviar gekrönt, zehn Gramm Ossietra, die, würde man sie gesondert bestellen, allein schon 24 Euro kosten. Schwarzer Trüffel natürlich noch, und die Pommes Frittes sind mit Thymian-Grana-Padano vermengt. Dazu gibt's kein Ketchup, sondern ein paar Kleckse Trüffelcreme.

Hineingestochen und -geschnitten, unvermeidbar zerfällt das Kunstwerk der Küchenarchitektur sofort in seine verschiedenen Stockwerke. Der Geschmack ist eine Überraschung – denn nur die Kombination aus möglichst teuren Zutaten garantiert ja noch nicht die Harmonie des Ganzen. Es ist aber der Lachs gerade mild genug gebeizt, dass er nicht den Hummer überdeckt, dieser und das Ei sind warm, der Fisch und das Gemüse kalt: Da hat die Zunge was zu schmecken, und die Kaviar-Körner geben den Zähnen sogar eine Art Crunch, etwas Angenehmes zum Draufbeißen.

Küchendirektor Engel sagt, das Luxus-Sandwich werde im Monat ein, zwei Mal bestellt – außer bei Großereignissen in der Stadt wie Oktoberfest oder Messen, wenn der Geldbeutel oder das Spesenformular locker sitzen. Über die Motivation der Gäste, sich ein Sandwich für mehr als 100 Euro zu leisten, kann er nur spekulieren: Den Wunsch nach etwas Luxus gebe es da wohl ebenso wie die Neugier, etwas einzigartiges zu probieren. Die dritte Möglichkeit erwähnt der Küchenchef nicht. Soll ja Leute geben, die sich grundsätzlich das Teuerste auf der Karte bestellen, um den anderen eins zu zeigen: dass sie's können.

Als der Teller geleert und sein Gold verschmiert ist von den Resten, da stellt sich beim Gast ein durchaus zwiespältiges Gefühl ein: Wohlschmeckend ist das Luxus-Sandwich, satt machend auch – aber natürlich ebenso dekadent und unnötig. Andererseits: Hat nicht Oscar Wilde schon gesagt, das Unnötige sei das Einzige, was wir wirklich benötigen?