Ein üppiges Gefühl von Heimat

Die “Osteria Il Ritrovo” überzeugt mit Qualität und Fülle – und bewahrt selbst bei Hochbetrieb souverän den Habitus des Gemächlichen.

Appetit stellt sich nicht nur mit dem Happen auf der Gabel ein. Was eine gesegnete Mahlzeit ausmacht und würzt, ist vielfältig und umfassend. So gehen die vielen in die Irre, die die zu Recht als so gesund gepriesene “mediterrane Diät” allein für die Idealkombination von Inhaltsstoffen und Frische konkreter Speisen halten. Mindestens so bedeutsam an dieser “Diät” sind die Umstände, unter denen sie zelebriert wird: Regelmaß, Gelassenheit, Gemächlichkeit, Gesprächslust.

In der Osteria Il Ritrovo empfängt einen dieses sinnlich angeregte Gemurmel italienischer Ristoranti jenseits des Gebrülls oder der oft steifen Lustbremse deutscher Lokalitäten. “Il Ritrovo” könnte man frei als “Stammlokal” übersetzen. Der stets obwaltende Prinzipal, ein vertraueneinflößend wuchtiger Apulier, und die Squadra stets gut gelaunter, sehr aufmerksamer Ober wissen den überwiegend als Stammpublikum zu taxierenden Essern ein hohes Maß an Beheimatung zu vermitteln, ohne in widerwärtige Verbrüderungsrituale radebrechend italienisierender “bester Freunde” einzusteigen, die dem wahren Italienliebhaber viel von der einschlägigen Gastronomie hierorts vergällen. Selbst mittags, wenn eiligeres Büropublikum einige schlichtere, meist an Qualität der Abendküche ebenbürtige Menüs verspeist, vermag man im “Ritrovo” etwas von dieser Atmosphäre zu wahren.

Die im Hofwinkel zwischen Adlzreiter- und Lindwurmstraße versteckte, eher kleine Lokalität wahrt sogar bei Hochbetrieb – zu dem Abholpublikum für die gepriesene Pizza gehört, für den die Küche einen eigenen Pizzabäcker beschäftigt – souverän den Habitus des Gemächlichen. So wird man nie durch die Gänge gehetzt, hat man sich ein ausladenderes Menü vorgenommen. Niemals verspürt man Druck, das Haus würde den Tisch am Abend gerne nochmals besetzen.

Die etwas snobistische Vorliebe, Vorspeisen und selbst Pasta auf Schieferplatten zu servieren, als unterhielte man im Hinterhof einen Steinbruch, ist kein modisches Ablenkmanöver: Das Vitello tonnato bekamen wir noch nie in München in so cremiger Luftigkeit. Das Thunfischcarpaccio mit Avocado ließ dem Fisch seinen Flor, ohne zu langweilen. Anders einmal zu Mittag, als der Menu-Kabeljau in erfrischender Zitronensoße doch von zu gut gemeinter Kapern-Fülle erschlagen wurde. Kapern liebt die Küche sonst jedoch zum Vorteil der Gerichte. Und die “Polenta vom Grill mit Pilze Mix trifolati und Käsecreme” klingt so schwer, so schwer, mundete aber hinreißend mit den in Zwiebeln geschmorten Schwammerln – und doch so luftig.

Die Küche des Il Ritrovo ist in Italien nicht landsmannschaftlich festgelegt, neigt aber eher zu den fülligen Varianten des Nordens. Sie versteht aus banal anmutenden Alltagsgerichten wie den Penne all’arrabbiata erfreulich pikante Überraschungen zu machen. Die mit Steinpilzen gefüllte Pasta mit Butter und Salbei erwies sich als ein Herbstzauber. Überraschend leicht die Pasta mit Rindsfiletspitzen und Käsecreme, wobei allerdings das Fleisch zu ausgiebig gegart und deshalb fest und trocken wurde. Über “kleine” Nudelportionen lässt sich hier immer reden, doch italienische Gastfreundschaft sagt immer: Nichts darf zu knapp sein. Animierend zart gelang das Fleisch beim Rindergeschnetzelten “aglio, olio, pepperoncino”, ohne jeden derben Überhang, den ein so rustikales Würzprogramm befürchten lassen könnte. Und welch kräuterzarte Eleganz – die Lammkoteletts vom Grill mit Kartoffelpüree.

Die Portionen sind mehr als reichlich

Eine makellose Seezunge machte uns Appetit auf die Fischsuppe “all’adriatico”. Da allerdings hätte man vor jedweder Vormahlzeit warnen müssen, solch eine Fülle in dem vom Wirt ironisch als “Süppchen” bezeichneten Riesenteller. Schade eigentlich, denn viel von dem noch angenehm festen Fisch – in Suppen zerfällt derlei gerne rasch und geschmacksmindernd – war schlichtweg nicht zu packen, zumal Muscheln und allerlei Krustentiere ihrerseits reichlich beitrugen; die Gamberetti übrigens ebenfalls mit dem Mangel, im würzmilden, delikaten Sud zu lange gebadet zu haben; so wurden sie hart. Unmöglich aber, dass es nicht einmal zu diesem Gericht die Stoffserviette gibt, die einem Hause wie diesem eigentlich Herzensanliegen sein müsste. Und ein Fingerbad nach der Operation an Krusten und Krabben gab es auch nicht.

Vorbildlicherweise ist die Standardkarte winzig angesichts des frischen Tagesangebots. Die Vorspeisen waren mit 10 bis 13 Euro, die Nudeln mit 13 bis 16 Euro, die Hauptgerichte mit 18 bis 26 Euro zu begleichen – an Qualität, Menge und Begleiterscheinungen gemessen ein honoriges Preisniveau. Der Nachtischreigen hielt sich in konventionell gediegenem Rahmen. Vom Wein kann man Ähnliches sagen, wobei die Flaschenauswahl einige Aufmerksamkeit verdient: Um sicher zu gehen, hat man sich den Weinpapst Robert Parker zum Maßstab genommen und offeriert durchwegs hochbewertete, aber preislich erträgliche Kreszenzen.

Ein Aglianico del Vulture DOC Basilisco aus der Basilicata kam uns für 26 Euro höchst preiswert vor, der 2014er Sileno Cannonau aus Sardinien für 35 Euro noch immer angemessen. Man führt hier sogar einen Verdicchio, diese bei uns nahezu unbekannte Rebe, aus der mit die besten Weißweine Italiens gekeltert werden. Auch so gesehen hätte die “Osteria IL Ritrovo” das Zeug zum Stammlokal.