Ein Wirtshaus vom alten Schlag

Im Schlachthofviertel toben längst Gentrifizierung und Szenelokalisierung. Aber es gibt nach wie vor kleine Oasen, wo sich noch ganz normale Münchner treffen und gut essen können.

Ja, manchmal wird’s laut hier. Manchmal dröhnt sogar ein irritierendes “Hiphiphurraaaaa!” durch den Raum, obwohl die Runde am großen Tisch rechts neben dem Eingang gar nicht so sportiv ausschaut. Ein Gast sitzt auf dem Barhocker am Tresen und liest iPhone. Am Tisch neben der Toilette heißt es “Trumpf oder kritisch?!” Wattn, wo gibt’s das noch? In der westlichen Hemisphäre des Wirtshauses Drei Mühlen tagt ein Stammtisch, womöglich aus dem früheren Glockenbachmilieu, Frauen sind eher unterrepräsentiert. Und wenn vorhanden, so oft mit Frauen am Tisch. Auf gut Deutsch: Es ist gemütlich hier. Und zwar in einer Art, die in Münchens Innenstadt eigentlich als fast schon ausgestorben gilt. Eine Rarität ist es auch, dass man hier, in den ehemaligen Ennstaler Stubn und der noch ehemaligeren Wuidn Sau, sehr preiswert sehr gut essen kann. Zumindest meistens.

Es ist ja, gastronomietechnisch betrachtet, die Gegend um die Dreimühlenstraße (Achtung, das Drei Mühlen liegt in der Reifenstuelstraße 1!) eher kompliziert. Es war einmal, da lebte Lende hier, bevor er Lende hieß, in einer Zweizimmerwohnung mit Balkon für 107 Mark kalt. In den Neunzigerjahren dann lehnten sich erste Gerüste an die Fassaden der alten Bürgerhäuser. Heute kostet der Quadratmeter renovierten Altbaus gerne 6000 Euro, für die 107 Mark gäbe es nicht einmal eine Garage.

So ein Haus brauchen die Alteingesessenen

Gerade weil hier so viele Gastrobetriebe zwischen Alt und Neu zerrieben wurden, ist das Drei Mühlen so eminent wichtig, weswegen Lende und die Seinen ein paar Stoßgebete an den Heiligen Urban von Langres sendeten, den Schutzpatron der Wirte und Winzer, er möge dem Wirt Christian Kagermaier genug Kraft, Kohle und Durchhaltevermögen geben. Denn so ein Haus brauchen die Alteingesessenen hier, und die, die sich ihnen verbunden fühlen. Sie nennen es immer noch Schlachthofviertel, nicht Ludwigs- oder Isarvorstadt.

Und sie sind Freunde großer Portionen. Wer, wie Lende und die Seinen es gerne tun, eine Suppe oder Vorspeise vorschaltet, die im Falle der mit Pfannkuchenstreifen sehr empfehlenswert ist, weil wohl frei von künstlichen Zusätzen, dito des Rote-Beete-Salats, weil wunderbar gewürzt, läuft Gefahr, beim Hauptgang nach der Hälfte kapitulieren zu müssen, was zu der unangenehmen Frage des Kellners führt: “Hat’s nicht geschmeckt?” Doch, hat es.

Zum Beispiel das Kalbsmedaillon. Zart war es, doch nicht, wie so oft, geschmacklos, die Soße sämig, aber nicht zu dick (ist ja auch immer eine Frage der aktuellen Küchenmode). Die Milzwurst, Lende zog die gebackene der “natur” vor, war von wirklich selten erlebter Feinheit und herrlich ausgewogen in den Gewürzen. Man erlebt da ja oft markante Enttäuschungen. Die zu servieren, blieb dem beigefügten Kartoffelsalat vorbehalten, bei dem, wie die dumme Metapher sagt, noch viel Luft nach oben war.

Wiener Schnitzel vom Feinsten

Das Wiener Schnitzel vom Schwein, respektiven deren zwei auf einem Teller, schmeckten wie die in Wien, was ein großes Kompliment ist. Vielleicht liegt es daran, dass Lende, auf der Toilette sitzend, hörte, wie der Koch nebenan in der Küche auf das Schnitzelfleisch eindrosch: nicht mit dem Schnitzelhammer, der die Fasern zerstört, sondern offenbar mit dem flachen großen Messer. Die Panade war kross, wie es nur in der Pfanne gelingt; die eine oder andere Bratkartoffel (mit Speck und Zwiebel) aber war ein bisschen hart.

Versaut wurde dieser Abend dann durch den Kaiserschmarrn, auf Tafeln und der (sehr übersichtlich gestalteten) Speisekarte heftigst angepriesen. War der Koch in Ohnmacht gefallen? War ihm der Hund gestorben? Oder was war da los?! Ein paar tote Brocken Mehlpapp festgeklebt auf dem Servierteller, grau in der Farbe und grausig im Geschmack. Da muss wohl irgendwas gewaltig schief gegangen sein. Der Kellner empfahl uns etwas zu dringend dazu einen Schnaps. Doch auch der Willi half nicht.

Die Preise scheinen vor der Gentrifizierung gemacht

Es muss ein einmaliger Ausrutscher gewesen sein, denn ein andermal gelangen die Powidltatschkerl und Apfelkücherl fluffig und fein. Er kann’s also. Genauso wie die zarten Ochsenbackerl mit feinem Stampf, der rund wie Eiskugeln den Teller schmückte. Nichts gab es am Zwiebelfleisch vom Tafelspitz auszusetzen, so lange die Stücke vom inneren Teil kommen, Randstücke sind da natürlich etwas härter. Das Lachsfilet, leider nicht nur auf der Haut, sondern beidseitig erhitzt, war trotzdem nicht trocken. Und der Sauerbraten so perfekt, dass Lendes Begleitung, aus Deutschlands Sauerbratenregion stammend, lobte: fast wie daheim.

Zu den Weinen kann man nicht viel sagen, weil die über den Jahreswechsel, bis auf den gewohnt feinen Grünen Veltliner vom Diwald, nicht verfügbar waren. Das Augustiner aber schmeckt wie Augustiner. Und die Preise sind so, dass die Gentrifizierung im Drei Mühlen noch nicht angekommen zu sein scheint. Wie sagt man hiezulande: ein reelles Wirtshaus.