Eine Legende mitten in der Maxvorstadt

Aus der ehemals verwinkelten Studentenkneipe Atzinger ist ein großer Raum mit hellen Holztischen geworden. Alles ist nagelneu, aber auf alt gemacht – dahinter steckt ziemlich viel Geschichte.

Es sind nur vier Stufen, aber sie führen in eine andere Welt. Von der Schellingstraße hoch in den Windfang, dann kann man schon einen Blick reinwerfen in den Atzinger. In Erwartung des warmen Wirtshausdampfs und des Geräusches hitziger philosophischer Gespräche öffnet man die Tür. Hier, wo sich Generationen von Studenten die Köpfe heiß und die Zukunft rosig geredet haben. Dann der erste Schritt über das uralte Holzparkett. Doch irgendetwas stimmt nicht – es riecht nach frischer Farbe.

Aus dem verwinkelten Atzinger ist im Jahr 2008 nach einer umfassenden Renovierung ein großer Raum mit 31 hellen Holztischen geworden, alles wurde neu und zugleich auf alt gemacht. “Wir haben den Zustand von 1930 wieder hergestellt”, sagt Wirt Wassilli Galanopoulos. Um diese Zeit hatte die frühere Kantine des Finanzministeriums eine Holzvertäfelung und als Schmuck nur Kleiderhaken an den Wänden. Ein Kirchenmaler hat nun die ursprünglichen Farben rekonstruiert: Dunkelbraunes Holz an den Wänden, der Parkettboden geschliffen und die flämischen Kronleuchter an der Decke.

Und wo man sich vorher durchschlängeln musste, fehlt die Wand, der Weg zum zweiten Raum ist frei, flankiert von der Bartheke. Kein Bild hängt an den Wänden, nur ein Spiegel. “Es ist nett, nur die Tische gefallen mir nicht”, sagt eine Frau, die seit 30 Jahren in den Atzinger geht. Drei junge Männer sind ganz anderer Meinung: “Die Tische auf der Terrasse sind indiskutabel, drinnen wirkt es steril, außerdem sind die Preise gestiegen.”

Tradition und Geschichte der Gaststätte verpflichten. Früher wurden hier bei Bier, Schinkennudeln und vielen Zigaretten der richtige Weg zum Sozialismus diskutiert, gelungene und missratene Klausuren begossen, die Studentenkneipe war eine Institution in Schwabing. Aber Galanopoulos macht sich keine Sorgen. Er kennt das vom “Alten Simpel”, den er auch leitet. Der Raum füllt sich zügig am Eröffnungsabend, viele der Stammgäste müssen sich erst umgewöhnen. Einer sagt: “Ich gebe zu, dass ich deshalb wohl besonders kritisch bin.”

Über einem der Kronleuchter ist ein Beamer montiert. Das gab es im alten Atzinger nicht, sagt Galanopoulos. Hier können sich die Gäste ja dann bei Gelegenheit die politischen TV-Duelle angucken – oder doch Fußballspiele?