Einkehr in einem Idyll

Der Biergarten am Maisinger See ist so beliebt, dass er einen Wettbewerb des “Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur” gewinnt. Die Wirte setzen auf Gerichte aus regionalen Zutaten.

Es ist zweifellos ein Idyll. Wer von Starnberg kommt und sich zum Maisinger Seehof begibt, muss erst einmal den kleinen Pöckinger Ortsteil durchqueren und dann nach links in eine kleine Straße abbiegen. Nicht ganz einfach zu finden für Ortsunkundige. Vielleicht war das Ausflugslokal an dem kleinen Gewässer dort deshalb viele Jahre lang ein Geheimtipp für Naturfreunde.

Weil die schöne Landschaft dort zu ausgiebigen Spaziergängen einlädt. Oder weil sie den Ort von Kindesbeinen an kennen – vom Schlittschuhlaufen und vom Eisstockschießen im Winter. Oder weil sie vom weichen Wasser des Moorsees schwärmen, das am Körper ein Wohlbefinden auslöst. Mit der Zeit jedenfalls hat sich das alles herumgesprochen, ebenso wie die Tatsache, dass sich hier auch noch einkehren lässt. Mittlerweile ist der Biergarten dort sogar so beliebt geworden, dass seine Gäste ihn beim Wettbewerb des “Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur” (VEBWK) zum beliebtesten ganz Deutschlands gekürt haben. Zehn Prozent der bundesweit abgegebenen, fast 36 000 Stimmen hat der “Maisinger Seehof” in der Kategorie bis 500 Sitzplätze erzielt.

“Das bestätigt uns in unserer Arbeit und macht uns schon stolz”, sagt Wirt Michael Smolka. “Uns”, damit meint er sich und seinen Schwager Rupert Wachter, mit dem er das Lokal führt. Wachter ist hier auf dem etwas abgelegenen Hof groß geworden. Seine Großmutter Luise hatte einst in den Fünfzigerjahren die Gastronomie dort begründet. Zuvor hatte ihre Familie ihren Lebensunterhalt mit einer kleinen Landwirtschaft bestritten. “Zur reinen Eigenversorgung”, wie Smolka erzählt: “Viel hatten sie damals nicht, drei oder vier Tiere, mehr war das damals nicht.”

Als jedoch dann die Maxhof-Kaserne gebaut wurde, hätten die Bauarbeiter bei Oma Luise immer wieder um Bier und eine Brotzeit gebeten: “Die wollten halt abends noch irgendwohin gehen, und das war dann der Anfang von allem”, sagt Smolka. Ganz langsam verwandelte sich die kleine Landwirtschaft in eine reine Gastronomie, die auch von den Sommerfrischlern aus München immer mehr geschätzt wurde. Die Eltern von Wachter hatten das Lokal von der Großmutter übernommen und geführt, bis sie gesundheitlich nicht mehr in der Lage dazu waren. An die zwei Jahrzehnte lang war es dann verpachtet.

Als die Pächter aufgaben, übernahmen es Wachter und Smolka mit ihren Familien. 2002 gründeten sie dafür eine GmbH und führten es zunächst auch als Restaurant. Doch das rechnete sich Smolka zufolge nicht. Also stellten sie auf einen reinen Biergarten um, der nur in der warmen Jahreszeit von Ostern bis Oktober geöffnet hat. Auf den Tisch kommen nun Gerichte wie Cordon Bleu, Schnitzel, Currywurst, Salate, Brotzeiten und auch Schweinsbraten. “Allerdings keiner mit dicker Fertigsauce”, wie Smolka betont. Er will in seinem Biergarten nur “ehrliche Gerichte” kredenzen, zubereitet aus möglichst regionalen Zutaten. “Klar, bei Pommes oder Eis am Stiel funktioniert das nicht, aber sonst schon”, sagt Smolka. Fleisch und Wurst etwa bezieht er nur von der Pöckinger Metzgerei Lutz, die selbst schlachtet und Wert auf eine artgerechte Haltung der Tiere legt.

Auch beim Bier achtet er auf handwerklich Gebrautes. So serviert er beispielsweise Steinbier von der Brauerei Leikeim aus Oberfranken, eine bernsteinfarbene und naturtrübe Spezialität, die recht archaisch entsteht. So wird dabei Naturgestein bis zur Rotglut erhitzt und dann in die Würze getaucht. Dabei karamellisiert der Zucker des Malzes an dem Gestein und verleiht dem Gebräu die Farbe und den Geschmack. Es gibt aber auch “Maisinger Helles”, eigens für die Wirte von der Oberpfälzer Brauerei Jacob gebraut, die auch das Weißbier liefert. “Ein Andechser haben wir aber auch”, sagt Smolka. Und allein diese Vielfalt zeigt, das hier Wert auf ausgesuchte Erzeugnisse gelegt wird.

Seit gut drei Jahren zum Beispiel steht auch das “Maisinger Kracherl” auf der Karte, das Smolka zusammen mit dem Breitbrunner Safthersteller Johannes von Perger produziert. Vier Sorten gibt es mittlerweile: Zitrone, Orange, Holunder und seit 2017 auch Himbeer, alle aus natürlichen Ingredienzen hergestellt, ohne jegliche künstlich-synthetische Aromen. Das Zitronenkracherl eigne sich daher auch nicht fürs Radler, meint Smolka: “Da ist ja echter Zitronensaft drin, das wird ja viel zu sauer.” Nur einer seiner Stammgäste bestelle das regelmäßig nach dem Sport, erzählt er. Und wenn er so von seinen Werten und Produkten erzählt, dann könnte man fast glauben, der 41-Jährige habe die Gastronomie von der Pike auf gelernt.

Ein gehöriger Irrtum: Smolka ist in München geboren, in Pöcking aufgewachsen und hat eigentlich Zimmerer gelernt. “Das wäre wahrscheinlich auch so geblieben, wenn ich nicht meine Frau Franziska, eine Wirtstochter, geheiratet hätte.” Drei Kinder haben sie mittlerweile – ebenso wie die Wachters, mit denen sie auch im “Maisinger Seehof” wohnen. Da müsse man sich schon sehr gut verstehen, wenn man so nah aufeinander lebe und dann auch noch miteinander arbeite, sagt er. “Aber nur als Familie kann man heutzutage noch so eine Gastronomie führen”, meint er.

Und wenn ihm der “Knochenjob als Wirt”, wie er es nennt, dann doch mal zu viel wird, denkt er an den Winter. An die kalte Jahreszeit, in der er die Zeit findet für seine heimliche Leidenschaft, das Drechseln. Eine eigene Werkstatt hat er sich mittlerweile eingerichtet. Vasen entstehen da, Schüsseln, Dosen und sogar Urnen. Aber das, sagt er, sei eine andere Geschichte: “Die erzähle ich Ihnen, wenn ich mal mehr Zeit habe.” Denn dann muss er weiter. Es ist ein schöner, warmer Tag, und die Bierbänke am See füllen sich immer mehr.

Der Maisinger Seehof hat etwa 400 Plätze und ist von Dienstag bis Sonntag, jeweils von Mittag bis Sonnenuntergang geöffnet. Montag ist Ruhetag, außer wenn dieser ein Feiertag ist. Dann ist geöffnet, und das Lokal bleibt dafür am Dienstag zu.