Feiern wie Andy Warhol

Was haben Hardy Krüger, Boris Becker und Andy Warhol gemeinsam: Sie feierten schon in Pusser’s Cocktailbar, in der der Drink schon mal in einer Tasse serviert wird. Doch das ist nicht die einzige Spezialität des Hauses.

Der vielleicht beste Cocktail der Stadt kommt in einer Tasse auf den Tisch. In einem bunt verzierten Becher, in dem man Kakao oder Kinderpunsch vermutet, nicht aber einen Drink, der einem die Sorgen nimmt. Der “Painkiller”, den man unbedingt probieren sollte, weil er weder zu süß noch zu sauer schmeckt, sondern wunderbar ausbalanciert, ist die Spezialität schlechthin in dieser an Spezialitäten so reichen Bar. Er basiert auf dem ausgezeichneten “Pusser’s Rum”, der dem Lokal in der Falkenturmstraße seinen Namen gibt.

Die Geschichte, warum sich Pusser vom englischen Wort Purser ableiten lässt, dem Mann, der an Bord eines Schiffes die Getränkevorräte kontrollierte, lässt man sich am besten von Bill Deck am Tresen erzählen. Hier ist der Chef, der die Siebzig vor einiger Zeit mit Würde und Humor überschritten hat, oft anzutreffen. Noch immer. Auch wenn längst sein Sohn David, ein gelernter Hotelfachmann (Königshof), das Mixen der Drinks übernommen hat – Bill Deck gehört hierher wie der “Painkiller” in die Tasse.

Erste echte Cocktailbar

Als “Wohnzimmer der Stadt” bezeichnet der Wahl-Münchner seine Bar, der mit 19 als US-Soldat von Pennsylvania an die Isar geschickt wurde – und blieb. Ein durch und durch amerikanisches Wohnzimmer mit zeitlos schlichter Eleganz. Im oberen Stock ist ein altes Holzsegelboot aufgehängt, die Wände sind mit Bildern, Fotos, Seekarten und Schiffswappen verziert. Dazu Mahagoni-Charme und warmes Licht für die Seele, softer Jazz und rhythmische Schüttelgeräusche fürs Ohr. Kaum vorstellbar, dass dieser heimelige Ort einmal ein Pferdestall im Gassengewirr des Theaterviertels war. In einer Zeit, in der sich die Münchner über sportliche Großereignisse wie Olympia oder eine Fußball-WM noch begeistern konnten.

Aber auch die Zukunft hat es in sich: Im kommenden Jahr stehen die Feiern zum 40-Jährigen an, woran man schon erkennen kann: Clubs und Lounges entstehen und schließen, die Pusser’s Bar bleibt. Sie gilt als die erste echte Cocktailbar Münchens. Es war Anfang der Siebzigerjahre, als sich der junge Neu-Münchner nach Ferien in den USA dachte: “So etwas wie in New York gibt es hier nicht.” Im September 1974 schloss Bill Deck auf, zunächst als Harry’s Bar nach dem Vorbild von Harry’s New York Bar in Paris, wo er lernte; später, Anfang der Neunziger, folgte der Namenswechsel.

Der Erfinder der Champagner-Pyramide

Abend für Abend erleben Besucher das gleiche Spiel: Da fühlen sich Stammgäste am Tresen wohl und fachsimpeln mit dem lässigen und geschulten Personal über Whisk(e)y-Jahrgänge und Cocktail-Rezepturen; da freuen sich hungrige Nachtschwärmer über das sorgfältig zubereitet Barfood, etwa Chicken Wings, Sandwiches oder Chili con Carne; da lauschen Freundescliquen im Untergeschoss den Barpianisten, die hier von Donnerstag bis Samstag mit Verve klangvolle Stimmung verbreiten. Das alles ist die Pusser’s Bar, eine eigene Welt. Eine Institution mit Geschichte. Und mit Geschichten. Hier lernte Boris seine Babs kennen, hier feierte Jopi Heesters seinen 75. Geburtstag, hier ließen sich schon Hardy Krüger und die Hemingways bedienen (“Alle bis auf Ernest”, wie der Chef betont). Und eines Tages stand Charles Schumann in der Tür. Der junge Charles Schumann freilich, der fragte, ob er in der Bar bei Bill Deck lernen dürfe. Er durfte. Was aus ihm wurde, ist Münchner Historie.

Mister Deck indes, der Mann, der Gin mit Gurke servierte, lange bevor es After-Work-Clubbing gab, macht sich nicht gerne größer, als er ist. Er ist ein verschmitzter Gentleman. Er schätzt Diskretion und Understatement. Dabei war er es, der sich mit Andy Warhol im Obergeschoss unterhielt. Er war es auch, der Helmut Schmidt 1977 den “Kanzler-Cocktail” kredenzte. Das war beim Sommerfest der Bundesregierung in Bonn, wo der kreative Gastronom auch dadurch auffiel, dass er eine Pyramide aus 340 Gläsern im Garten der Villa aufbaute und sie füllen ließ, indem er Magnumflaschen Champagner ins oberste Glas eingoss, von wo sich die prickelnde Flüssigkeit effektreich ihren Weg nach unten suchte. Ein Trick, der oft kopiert werden sollte. Ein Trick, der verblüffte.

Bill Deck überrascht einen auch heute noch: “Probieren Sie mal den Blueberry-Gin-Tonic”, empfiehlt er dem Gast im Hier und Jetzt. Der tut es, und hat einen neuen Lieblingsdrink entdeckt. Die Blaubeeren habe er selbst im Garten gepflückt, erzählt der Gastgeber. “Das hält mich fit.”