Forsthaus mit herrlicher Aussicht

Im Forsthaus Ilkahöhe können Ausflügler hoch über dem Starnberger See mit Blick auf die Alpen speisen.

Der Erste, der einem an diesem Abend ins Auge sticht, ist der Golden Retriever vom Tisch nebenan. Brav hat er neben seinem Herrchen Platz genommen und rührt sich nicht vom Fleck. Als die Bedienung das Essen bringt, kommt Bewegung in das Tier. Sanft stupst es seinen Herrn an, als wollte es sich über eines vergewissern: “Du, das Wiener Schnitzel, das Du da bestellt hast, gell, das ist schon für mich?” Doch sein Besitzer verzehrt das Schnitzel lieber selbst. Ähnliches spielt sich einen Tisch weiter ab. Dort liegt ein Magyar Vizsla unter dem Tisch, ein Langhaar-Weimaraner davor. Ihre Besitzer haben Tatar und Kalbskotelett gewählt, und den Hunden läuft sichtlich das Wasser im Mund zusammen.

Den dazugehörigen Menschen allerdings auch. Eine Dame vom Tisch besorgt für die Vierbeiner frisches Wasser. Kein Problem im “Forsthaus Ilkahöhe”. Hunde sind dort willkommen. Das ist insofern bemerkenswert, weil dies in Restaurants mit gehobeneren Ansprüchen und Preisen nicht unbedingt üblich ist. Für die Wirte Alexandra und Bernhard Graf hingegen ist dies fast eine Selbstverständlichkeit: “Unsere Stammhunde begrüßen wir mit einem Häppchen als Amuse-Gueule”, erzählt der 55-jährige Graf.

Für das Paar hat das auch mit der Geschichte dieses besonderen Flecks zu tun. Die Ilkahöhe gehört zwar zur Gemeinde Tutzing, ist aber ursprünglich ein eigener Ort gewesen: Oberzeismering. Genau genommen handelte es sich dabei um ein paar Bauernhöfe, die weit verstreut auf einem Moränenausläufer errichtet wurden. Ein karges Leben müssen die Landwirte geführt haben, denn die mageren Böden hier warfen nur wenig Ertrag ab. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich jedoch alles. Der Münchner Kommerzienrat Max Kustermann suchte – wie so viele andere Vermögende seiner Zeit – auf dem Land nach Immobilien und kaufte innerhalb von wenigen Jahren einen Bauernhof in Oberzeismering nach dem anderen auf.

Der Ort verwandelte sich sukzessive in ein einziges Gut, das im 20. Jahrhundert an die Familie Carp verkauft wurde. Die letzte Eigentümerin aus dieser Familie, Elsa Carp, vermachte es schließlich ihrem Gutsverwalter Otto Frey. Im Besitz seiner Tochter Monika Wendelstadt, ihrem Mann Dietrich und deren vier Kindern ist es heute. Noch immer weiden auf den riesigen Flächen, die zum Anwesen gehören, Kühe, Pferde und Schafe. “Hier gab es immer Tiere, und wir selbst hatten auch immer Hunde”, erzählt Eigentümer Dietrich Wendelstadt. Und so verwundert es nicht, warum die neuen Pächter des Restaurants Hunden den Zutritt gestatten.

Hinzukommt wohl auch, dass die Ilkahöhe, mehr als 700 Meter hoch über dem Meeresspiegel, ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer, Radler und eben Hundebesitzer ist. Deshalb besteht hier, etwa seit Ende der Neunzigerjahre, ein Biergarten mit Selbstbedienung, in dem unter anderem Obatzda, Rostbratwürste, Leberkäse und auch Wiener Schnitzel angeboten werden. Nicht ganz unpassend, wenn man wiederum in die Vergangenheit blickt.

Denn der Förster, der einst das Gebäude als Wohnhaus nutzte, besaß ein Schankrecht und durfte Wanderern, Holzarbeitern und anderen Bediensteten eine Brotzeit servieren. Zur reinen Gastwirtschaft wurde das Haus dann in den Fünfzigern ausgebaut; und hat seither eine wechselvolle Geschichte hinter sich. So wurde es beispielsweise in den Neunzigerjahren vom Gault Millau immer wieder mit ausreichend Punkten bedacht.

Dann allerdings wurde es, unter neuer Führung, etwas ruhiger um das Lokal, um es vornehm auszudrücken. Die Wendelstadts trennten sich vom damaligen Pächter, suchten neue Wirte und fanden sie im Januar 2015 im Ehepaar Graf, das seit 25 Jahren recht erfolgreich das Forsthaus am See in Pöcking betreibt. Dieses wiederum ist das einzige Lokal im Kreis, das lange Jahre vom Gault Millau für wert befunden wurde, überhaupt erwähnt zu werden.

Auch Anhänger der Metabolic-Balance-Diät kommen auf ihre Kosten

Wenn man so will, könnte man also vermuten, dass die Grafs mit ihrem Konzept das einstige Renommee der Ilkahöhe wiederbeleben wollen und dabei die volle Unterstützung ihrer Verpächter, der Wendelstadts, haben. Schließlich wurde vor der Wiedereröffnung im August 2015 das Haus umfassend saniert und neu gestaltet. Da ist beispielsweise die Terrasse, die vergrößert und vom Biergarten abgetrennt wurde.

Von hier aus können die Gäste über den Starnberger See und auf die Alpen blicken; sensationell ist dieses Panorama. Auch die Stube im Erdgeschoss und das Restaurant im Obergeschoss nebst Wintergarten wirken frisch, zeitlos-modern, und doch mit genügend Anspielungen auf das Thema “Forsthaus” versehen. So finden sich zum Beispiel unten viele liebevoll in Szene gesetzte Gamstrophäen an der Wand, ebenso wie die Wandlampen, deren Fuß an Geweihstangen erinnern.

Es versteht sich fast von selbst, dass im Forsthaus auch immer wieder Wild auf der Karte steht, erlegt direkt vor der Haustür. In den Sommermonaten allerdings findet sich dort nichts dieser Art. Vielmehr gibt sich die Küche in der warmen Jahreszeit mediterraner, wie beim Bayerischen Kalbskotelett, das lediglich mit Ochsenherzen-Tomaten und ligurischen Oliven serviert wird und daher auch den Anhängern der Metabolic-Balance-Diät willkommen sein dürfte.

In dieselbe Kategorie fällt die Rinderlende aus Bayern mit griechischem Salat oder der bretonische Loup de Mer mit Zucchini, Oliven und Chili. Es werden aber auch Klassiker serviert wie Kalbstafelspitz oder eben Wiener Schnitzel. Wer die Portionen nicht schafft, kann sich den Rest einpacken lassen.

Wenn Hundebesitzer diesen Wunsch äußern, folgt bisweilen noch ein freundlicher Rat, entweder vom Servicepersonal oder sogar von der 47-jährigen Wirtin selbst: “Bitte wegen der Gewürze gut abwaschen.”

Für die neue Serie “Genuss Erleben” haben die Redaktionen in Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Fürstenfeldbruck lohnenswerte Restaurants und Ausflugsziele in dieser Region getestet und zusammengestellt.