Französischer Klassiker, der Gourmets beglückt

Das “Rue des Halles” ist das älteste französische Lokal der Stadt – und genießt bei Frankophilen kultischen Status.

Ach, so scherzt der Ober listig, es wäre doch ganz gut, “wenn sich auch einmal die Deutschen vor den Franzosen fürchten würden”. Dann aber versichert er: “Niemals Marine Le Pen”, nicht in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im Rue des Halles in der Haidhauser Steinstraße herrscht gelockerte Laune, Zusatzwürze für das delikate Mahl. Die Brasserie rühmt sich, das älteste französische Lokal der Stadt zu sein, mehr als 30 Jahre in Kontinuität in München zu residieren.

Seit langem genießt sie bei Frankophilen kultischen Status. In der anheimelnd schlichten Klause gab es aber auch Zeiten, da fürchtete man sich wirklich vor diesen Franzosen: So ruppig ging’s da zu, herrisch, arrogant. Eine sehr frühe, keineswegs enthusiastische Kostprobe aus dem Neolithikum dieser Kolumne war Wirt und Personal derart zu Kopfe gestiegen, dass man sich als Herren, nicht als Partner seiner Gäste verstand.

Längst verflogen solcher Verdruss, spritzig ironische Scharmützel machen heute bereits die Auswahl aus der vorbildlich kleinen Karte nebst je zwei Tagesangeboten von Vorgerichten sowie von Fisch und Fleisch zum kulinarischen Spaß. Dies mit einer Lässigkeit, die wider Erwarten keineswegs auf den Service durchschlägt. So endete das Monitum der Gäste über einen korkenden offenen Sancerre (Girault) in der beknirschten Entschuldigung, derlei hätte nicht passieren dürfen. Wo gibt’s das sonst. Dieser sowie ein Pouilly Fumé (Chauveau), beides Sauvignon blanc von der Loire, stellen gewöhnlich das offene weiße Angebot, ein kraftrunder Bordeaux Chateaux de Bernon 2010 sowie – kontrastreich – der strahlig-schlanke St. Aubin Premier Cru 2013 aus dem Burgund das rote.

Als Amuse Bouche ein Tomatensüppchen von sensibler Schärfe. Untadelig die Meeresfrüchte mit der sanften Sauce Rouille. Das Thunfisch-Tartar auf Gurken mit viel Kerbel umschmeichelte der Süßton des Kartoffel-Apfel-Salats. Der Ziegenkäse in Filoteig mit Birnen-Ingwer-Chutney entriet des da oft vorherrschenden scharfen Stichs, so wie die Schnecken angenehm mild nichts von der gefürchteten scharfen Knoblauchpeitsche spürten. Verführerische Landküche die Terrine mit grünem Pfeffer, viel Zitronenthymian und der betörend süßen Zwiebelconfiture. An der Zwiebel-Tartelette mit Oliventapenade gab es nichts zu mäkeln.

Im wohlfeilen Drei-Gänge-Menü zur freien Auswahl käme nun zwischendrin als vierter Teil das Trou normand, das “normannische Loch”: Ein erfrischend zuckerfreies Apfelsorbet in Calvados soll Gaumen und Gedärm auf die Hauptsache einstimmen (einst genügte den Franzosen allein ein kräftiger Schluck vom Apfelschnaps). Zu milde mutete uns danach der Kabeljau mit Safransauce, Spinat und Ofengemüse an. Und die fischsatte bretonische Bouillabaisse mit der genüsslich sanften Rouille kam gleichwohl lau auf den Tisch. Ein verblüffender Kunstfehler: Solcher Fischsud muss immer heiß, ganz heiß sein.

Ausgewogene Harmonie bei den Hauptspeisen

Am scheinbar simplen Standard wie dem Entrecote erweist sich oft die Meisterschaft der Küche, tat es auch hier. Die Bavette, ein Stück aus dem eher festen, manchmal faserigen Bauchlappen des Rindes, überzeugte auch den Freund festerer Bissen. Und erst die Ochsenbacke mit Petersilienwurzelcreme: Wir hätten die mürbe Leckerei auch mit dem Löffel speisen können (einschließlich des gelierten Knorpels, vor dem sich so viele fürchten), wobei der sämige Sud ganz vergessen ließ, dass des Rindviehs Wange inzwischen vielerorts als totgekochter Allerweltsteller langweilt. Beim Lammcarré mit provenzalischer Kruste und Rosmarin-Jus hatten wir abermals die Anmutung ausgewogener Harmonie.

Rhabarber-Parfait, Erdbeermark ummantelnd; Crème Brulée; Honig-Mohn-Mousse mit Maracujasorbet – all dies Après verlockte uns mit seiner Zurückhaltung an Süße und dem Talent, die Fruchtaromen elegant, nicht penetrant auszuspielen. Wie überhaupt gekonnte Dezenz diese Küche auszeichnet, in Zeiten, in denen geschmacklicher Pomp oft den Kern des Gerichts im Ungefähren verschwimmen lässt.

Die Preise sind erträglich

Wir bezahlten 7 bis 15,50 Euro (das kostet die leider unvermeidliche Foie gras de canard, die man hierorts durchaus nicht nötig hätte) sowie 20 bis 26 Euro fürs Hauptgericht und schließlich 6,50 bis 8 Euro für das Süße danach; der Käse kostet 11 Euro. Angesichts der Qualität kam uns das Speisen hier wahrhaft wohlfeil vor, zumal im schon erwähnten Menü für 42 Euro.

Für den besseren Wein hinterlegt man glasweise 7 oder 8 Euro, für die Flasche – sehr konventionell, aber der Speisengalerie angemessen sortiert – zwischen 26 und 95 Euro, ein im Rahmen der räuberischen Münchner Gepflogenheiten erträgliches Entgelt. In Frankreich nennt man die Rechnung am Ende gern “la douloureuse”, die Schmerzhafte. Auf die Idee käme man im Rue des Halles nicht.