Für’s bayerische Herz

Traditionelle Schmankerl in edlem Ambiente: Nach turbulenten Zeiten besinnt sich die Schlosswirtschaft Schwaige in Nymphenburg auf ihre Stärken.

Wenige Wirtshäuser in München können auf eine ältere Tradition zurückblicken als die Schwaige in Nymphenburg. Den Gutshof gab es bereits, als das Schloss noch gar nicht existierte. Kurfürst Ferdinand Maria erwarb 1663 die Schwaige Kemnat und schenkte sie seiner Gemahlin Adelaide von Savoyen zur Geburt des Kronprinzen Max Emanuel. Aus dem ursprünglich geplanten Lusthaus wurde im Laufe der Zeit die prächtige Sommerresidenz der Wittelsbacher, die heute jedes Jahr hundert Tausende von Touristen anlockt.

Am Rande des prachtvollen Ensembles gelegen, wirkt die äußerlich bescheidene Schlosswirtschaft wie eine arme Verwandte des überreichen Schlosses. Das ausgiebig renovierte Innere aber ist so bescheiden nicht. Der Max-Emanuel-Saal gleicht einem verspielten Schlossgemach und das Wittelsbacher Zimmer, mit edlem Kirschholz ausgekleidet, einem eleganten Clubraum. Nur das gemütliche, in hellem Holz getäfelte König-Ludwig-Stüberl erinnert an ein bayerisches Gasthaus – an ein sehr feines. Die Räumlichkeiten sind ideal für Familien- oder Betriebsfeste.

Jahrzehntelang führte die Familie Gaßner die Schwaige. 2006 verließ sie unter dramatischen Umständen die Stätte ihres erfolgreichen Wirkens. Der Insolvenzverwalter übernahm das Zepter. Ein neuer Pächter war bald gefunden, aber nicht in der Lage, die Klientel zufrieden zu stellen. In der SZ-Kostprobe vom März 2007 hieß es: “Unfälle über Unfälle passierten den Köchen – und alle wurden serviert.” Im Januar dieses Jahres wurde einer dieser Köche von einem anderen umgebracht. Hintergrund der Tat war aber nicht mangelnde Kochkunst, sondern Geldgier.

2008 übernahm das Gespann Michael F. Schottenhamel (Verwaltung) und Peter Kinner (Küche) die Zügel, und seitdem läuft der Laden wieder rund. Kinner, der sich davor im Alten Hof einige Lorbeeren erkocht hatte, und sein Küchenchef Stefan Beyerle bewirken mit ihrer kreativen, jedoch nicht abgehobenen Küche, dass die Gäste aus der weiten Welt und aus dem Dorf München nicht nur satt, sondern auch zufrieden das Lokal verlassen.

Das Herz des Bayern lacht

Wenn auf der Karte Süppchen erscheinen wie zum Beispiel das fruchtige Tomaten-Secco-Süppchen (4,80) sollte man sich von dem “chen” nicht täuschen lassen; sehr tiefe Teller wurden aufgetragen, bis zum Rand gefüllt. Auch bei einigen Vorspeisen ist es klüger, sich zu zweit eine Portion zu teilen, weil sonst bei den Hauptgerichten schnell der Bund eng werden kann. Die Portionen sind durch die Bank reichlich. Nur die säuberlich entgrätete, wohlschmeckende Forelle (14,80) war so zierlich, dass eine kräftige Vorspeise angebracht war. Ideal: der dünn geschnittene rote und weiße Presssack in sehr guter Marinade, bedeckt mit verschiedenen Sprossen, kleinen Tomaten und Spargelstücken (8,50).

Sehr zu empfehlen sind die bayerische Rinderlende in Zwiebel-Senf-Kruste mit grünem Spargel und Bratkartoffeln (17,80) und auch die Fleischpflanzerl mit lauwarmem Kartoffel-Gurken-Salat (9,80). Bei diesem Salat lacht des Bayern Herz, und der Norddeutsche bestaunt die fast flüssige Masse. Auch der saftige Schweinsbraten mit röscher Schwarte war von bester Qualität, sein Preis von 13,50 Euro aber mindestens so deftig wie seine dunkle Biersoße. Zum Braten gab es Sauerkraut und zwei wohl gelungene, kleine Kartoffelknödel. Die Knödel zur köstlichen halben Ente (15,50) allerdings waren noch nicht ganz durch.

Backhendl, Fischkreationen und ein “Bavarian Snack”

Bemerkenswert sind die abwechslungsreichen und bestens zubereiteten Beilagen: Rotweinschalotten und mit Karotten versetzter Kartoffelbrei zur Kalbsleber; perfektes Blaukraut zur Ente; Ravioli, Lauchgemüse und Rosinen-Mandel-Soße zum Fisch; Artischockenböden, Spargelstücke und Kartoffelgratin zum sogenannten Backhendl im grünen Mantel.

Sogenannt deswegen, weil es sich mitnichten um die bekannte österreichische Spezialität handelte, sondern um ein großes, saftiges Stück gebackener Hähnchenbrust in Kräuter-Brösel-Panade (14,50). Das Duett aus Scholle und Lachs (16,50) litt unter Disharmonie: Zwar war die Scholle voll auf der Höhe, der Lachs aber entschieden indisponiert, sprich trocken und fasrig, die Beilagen bekamen Extra-Beifall.

Bei schönem Wetter im ruhigen Garten zu sitzen, einen “Bavarian Snack” wie beispielsweise “Obatzda with carpaccio of tomatoes and cress in hop vinaigrette” (6,80) zu verzehren, dazu eine Halbe Hofbräu-Weißbier vom Fass (3,70) oder ein gut gezapftes Königs-Pilsner (3,50) zu genießen, ist eine sehr angenehme Art, den Sommer in München zu genießen.