Gasthof-Tradition mit ein bisschen Chichi

Im Biergarten wie im Restaurant kann man im Franziskanergarten klassisch bayerisch speisen. Die Karte hält aber auch Überraschungen bereit.

Die Menschen kamen einst hier heraus, um etwas zu beißen zu haben. Im Weltkriegsjahr 1917 wurden Felder nahe dem Dorf Trudering in Parzellen aufgeteilt, um Städter aus den verarmten Arbeitervierteln Au und Haidhausen hier anzusiedeln. Sie sollten in den Gärten Kartoffeln und Gemüse anbauen können. Ein Denkmal an der Friedenspromenade erinnert noch an diese Anfänge der Gartenstadt Trudering.

Seither hat sich die Ernährungslage bekanntlich deutlich gebessert. Heute ist die Gartenstadt Trudering eben wegen ihrer Gärten eine der begehrteren Wohnlagen Münchens . Und schon seit den zwanziger Jahren steht gleich gegenüber dem Denkmal eine Schankwirtschaft. Die Kastanien rund um das Gasthaus sind seither in ansehnliche Höhen gewachsen, und unter ihnen breitet sich längst ein Biergarten aus.

Der Franziskanergarten heißt zwar nicht so, weil hier Mönche einst über die Felder gewandelt sein könnten, sondern wegen des Weißbiers, das hier – übrigens in vorgekühlten Krügen – ausgeschenkt wird. Aber er ist ein Biergarten nach klassischem Muster, mit rund 2300 Plätzen größer als er aussieht, und hat alles, was so ein Biergarten nach Münchner Tradition braucht, und sogar noch ein bisschen mehr.

Die Biergartenbänke stehen auf Kies, entweder im Schatten der Kastanien, in der Sonne – oder unter einer Markise, unter der in diesem so unsommerlichen Sommer immerhin eine gute Hundertschaft von Gästen Schutz vor Regen findet. Kommt die Sonne wieder hervor, scheucht der Wirt von der Schenke aus laut sein Personal auf: “Du! Tische! Wischen!” Einen schönen Spielplatz können Eltern von den Bänken bequem im Auge behalten, Bretterstandl bieten Steckerlfisch und Flammkuchen, und an Wochenenden dreht sich oft ein ganzes Schwein samt Ringelschwänzchen am Spieß eines Großgrills.

Bayern trifft Amerika – Obazda und XXL-Burger

Gerade vor einer Woche hing sogar ein ganzer Ochse am Spieß, weil das Wirtspaar Annet und Harald Weber das Zehnjährige der Übernahme ihres Hauses feierten. Davon abgesehen findet sich an der Essenstheke alles, was in einem klassischen Biergarten so auf die Teller kommt, und auch hier noch etwas mehr. Zum Beispiel gibt es entgegen Bayerns fleischgewordenen Traditionen eine Salatbar, und geradezu sympathisch skurril mutet an, dass die große Preistafel auch anbietet, eine einzelne Tomate oder Gurke zu kaufen (für 70 respektive 60 Cent).

Wir hielten es lieber mit drei zwar kleinen, aber ganz wunderbar gewürzten Fleischpfanzerln und einem sehr schön cremigen Obatzdn. “Franzis XXL Burger” dagegen lag zwar tatsächlich sehr, sehr groß mit einer XXL-Menge frischen Grünzeugs zwischen den Hälften einer original amerikanisch labbrigen Sesam-Riesensemmel, die zwei Rinderhackscheiben waren jedoch arg schwarz angebraten und zu trocken. Die Kinder stürzten sich lieber auf die frittierten Hendlflügel, die hier gewogen und nach Gewicht verkauft werden.

Die Preise an den Theken sind wie der ganze Biergarten familienfreundlich. Sie übersteigen nur manchmal die 10-Euro-Marke, die Maß kostet 6,50 Euro, der Wirt schenkt sein Bier lobenswerterweise auch in Halbliterkrügen (3,60 Euro) aus.

Bayerische Klassiker mit Pfiff

Auch in den Wirtsstuben, in diesem Regensommer willkommener Unterschlupf, verbinden sich Gasthof-Traditionen mit ein bisschen Chichi. Es sitzt sich sehr gemütlich in diesen Stuben, die durch modernen Schnickschnack und viel dunkles Holz – Parkett, Wandtäfelung, Tische, Stühle – geschickt aufgehübscht sind. Die sehr freundlichen, sehr flinken und sehr kompetenten Bedienungen tragen Lederhose oder Dirndl.

Die Karte aber bietet Überraschendes: Ein Kalbstatar mit Avocados und Mangos hätten in diesem Ambiente wohl nur wenige erwartet. Fein angebratene Wachtelkeulchen krönten den kühn auf dünne Kartoffelscheiben geschichteten Tatarturm, und so, wie das kunstvolle Gebilde aussah, schmeckte es auch: wirklich sehr raffiniert. Auch der Reiberdatschi, der sich unter einem Stapel aus gebratenen Waldpilzen und Roastbeef verbarg, war etwas sehr Feines.

Rätselhaft musste daher erscheinen, warum die Küche ausgerechnet bei den bayerischen Standards hinter ihren selbst gesetzten Ansprüchen bisweilen arg zurückblieb. So gelang ihr zwar ein wunderbar fruchtig-saurer, warmer Kartoffelsalat, wie es ihn so gut in ganz München wohl nur selten gibt. Doch der Ochsenbraten daneben war so, wie ein Rind nur unterm Joch sein sollte: etwas zäh. Auch der Schweinsbraten war eher, um es mit Helmut Qualtinger auszudrücken, a matte Sach’, der Semmelknödel dazu arg weich geraten. Beim Wiener Schnitzel rutschte das gute Kalbfleisch gleich beim Anschneiden aus der etwas zu dicken Panade, die Bratkartoffeln dazu waren zu mehligen Bröseln zerfallen.

Die Schnäpse danach kamen wiederum aus der Chichi-Abteilung. Die Bedienung schleppte ein hölzernes Tragerl voller Flaschen mit intensiv duftenden Edelbränden (5,30 Euro das Stamperl) heran. So ist es Brauch in der gehobenen Gastronomie. Als sie dann die Rechnung stellte (Hauptgerichte kosten zumeist zwischen 10 und 15 Euro) und die verzehrten Brezen aus dem Brotkorb einzeln berechnete, waren wir freilich wieder zurück in einem einfachen bayerischen Wirtshaus.