Glückliche Augen, knurrender Magen

Dass Sushi nicht gleich Sushi ist, erfährt man im Tokami. Aber japanische Esskultur hat ihren Preis – vor allem, wenn man satt werden will.

Ein bisschen roher Fisch, dazu Reis und Seetang. Von ein paar Jahren hätten die Deutschen bei so einem Mahl die Nase gerümpft. Inzwischen ist die japanische Esskultur dank praktischer Supermarkt-Boxen und Running Sushi-Fließbändern längst beim Volk angekommen. Experten warnen deshalb vor dem Niedergang der Reisröllchen, die als Imbiss für den eiligen Großstädter nur noch knapp über dem Big Mac gehandelt werden. Dass Sushi nicht gleich Sushi ist, kann man jedoch bei einem Besuch im Tokami erfahren.

Seit mehr als 20 Jahren steht dieser Name für authentische japanische Küche in München – auch wenn von dem einstigen Triumvirat nur das Tokami in der Theresienstraße, gleich gegenüber des neuen Brandhorst-Museums, übriggeblieben ist. Von außen wirkt das kleine Lokal eher unscheinbar, von innen strahlt es mit seinen weißen Wandschirmen und den schwarzen Möbeln eine schlichte Elleganz aus. Allein die abstrakte asiatische Kunst an den Wänden polarisiert.

Unsere Aufmerksamkeit erregt das Hinterzimmerchen, in dem nur ein Tisch für ein sehr privates Dinner Platz findet. Was für deutsche Verhältnisse eher ungewöhnlich scheint, ist in Japan ein Muss. Zum Glück haben wir vor unserem Besuch im Tokami einen Bekannten aus dem Land der Kirschblüten gefragt, was ein Sushi-Restaurant von einem Pfuschi-Imbiss unterscheidet. Mit dem Separee hat das Tokami die erste Prüfung bestanden. Auffällig ist allerdings, dass trotz vollem Lokal und bunt gemischtem Publikum unter den Gästen kaum ein Japaner zu entdecken ist.

Besteck gibt es im Tokami nicht, nur Stäbchen

Zum Aperitif gönnen wir uns Ume-Kir (5,25 Euro), eine Mischung aus süßem Pflaumenwein und prickelndem Prosecco. Auf der Karte stehen zwei Menüs zur Auswahl, wir entscheiden uns für Tokami Tuan, die billigere Version ohne Ente (38,50 Euro). Als Vorspeise gibt es die typische Misosuppe, eine wohlschmeckende Brühe aus Fischsud und Sojabohnenpaste, die in einem hölzernen Gefäß serviert wird. Als der Nebentisch dazu Löffel bestellen will, lacht der Kellner, der ansonsten durch stille Zuvorkommenheit und unaufdringliche Aufmerksamkeit glänzt, laut auf. Besteck gibt es im Tokami nicht, nur Stäbchen. Und Suppe wird in Japan direkt aus der Schale getrunken.

Der Suppe folgt ein gemischter Vorspeisenteller mit Garnelenbällchen, Frühlingsröllchen, Sardinen und Hourenso Goma. Letzteres erweist sich als kalter Spinat in Sesam, der eine erfrischende Alternative zu den üblichen Salatkreationen bildet. Diesmal nehmen wir die Stäbchen zur Hilfe. Das Tokami hat sich hier für die Einweg-Version entschieden. In einem gehobenen Restaurant in Japan wäre das ein No-Go, hatte unser Experte vorher gesagt. Die vier hübsch dekorierten Schälchen erweisen sich dafür als äußerst lecker. Allerdings sind die Portionen ziemlich übersichtlich – aber noch befinden wir uns ja bei der Vorspeise.

Schade auch, dass im Tokami keine japanische Musik läuft. Während im Hintergrund eine englische Pop-Schnulze der nächsten folgt, bestellen wir japanisches Bier (3,95 Euro). Bayerischen Reinheitsgeboten entspricht das bittere Pils eher nicht. Uns so halten wir uns den Rest des Abends lieber an den französischen Weißwein. Der ist äußerst lecker und wird eiskalt serviert. Allerdings muss man bereit sein, einiges auszugeben: Die Weinkarte im Tokami beginnt bei sieben Euro – pro Glas.

Eine weitere Hautspeise muss her

Das Hauptgericht des Menüs besteht aus einer Variation aus Sushi. Zunächst wird eine Waffel mit orangem Fliegenfischkaviar oben drauf gereicht, dann ein Holzbrett mit Lachs und Thunfisch. Von der Theke aus kann man den Köchen mit den grauen Kimonos beim Sushi rollen auf die Finger schauen – das schafft Vertrauen, schließlich geht es um rohen Fisch. Das Zögern angesichts des rosa Fleisches dauert so nur kurz. Geschmacklich haben diese Leckereien mit Imbiss-Pfuschi nichts mehr zu tun.

Glückliche Augen, knurrender Magen

Weil japanisches Essen aber nicht bloß aus Fisch, Reis und Sojasoße besteht, bestellen wir zum Menü ein zweites Hauptgericht: Tempura mit Garnelen und Gemüse in einem Teigmantel aus Weizenmehl (17,50 Euro). Was genau die goldgelb frittierten Teilchen enthalten, die sich nur noch durch ihre Form unterscheiden, schmeckt man erst auf den zweiten Bissen. Dennoch sind Sushi wie Tempura ein wahrer Genuss. Nur satt wird man davon leider nicht. Da hilft auch die Nachspeise, eine Kugel ziemlich gesund schmeckendes Grüntee-Eis und ein bisschen Kiwi, nicht – eine weitere Hautspeise muss her, wir bestellen noch ein paar Sushi.

“In einem gehobenen Restaurant darf es keine Berge geben wie in Deutschland , das Essen muss vor allem schön dekoriert sein”, hatte uns die Bekanntschaft aus Japan vorgewarnt – und sie sollte Recht behalten. Japanisches Essen kann man mit dem Auge genießen. Die Sushi etwa sind im exakten 45-Grad-Winkel aufgereiht, man könnte ein Lineal anlegen. Doch die Liebe zum Detail kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sechs Reis-Röllchen nicht ganz den Dimensionen eines deutschen Abendessens entsprechen.

Und so verlassen wir das Tokami mit ziemlich glücklichen Augen. Nur der Magen, der knurrt – trotz einer Rechnung von über 100 Euro für zwei Personen – auch nach dem dritten Hauptgang noch gewaltig.

Tokami, Theresienstraße 54, Maxvorstadt, Tel.: 089/28986760, Öffnungszeiten: täglich von 12 bis 14.30 Uhr und von 18 bis 24 Uhr. Mehr Informationen unter www.tokami.de