Gröstl und Baked Beans

Wer Abwechslung zum Einerlei der Schnitzelbratenhaxenparade sucht, wird hier angenehm überrascht: Das Wirtshaus am Bavariapark passt gut ins Westend. Und wie das Viertel verändert es sich nur langsam.

Trifft man sich im Westend, wird es am Ende doch immer Ilse. Irgendeiner hat die vier Meter hohe Schnecke, die von amerikanischen Künstlern zu beachtlicher Hässlichkeit getöpfert wurde, so getauft. Sie steht auf dem Platz beim Verkehrsmuseum, den sie im Viertel längst Schneckenplatz nennen.

In ihrem Rücken ist das Wirtshaus im Bavariapark, das bei manchen inzwischen Wirtshaus zur Schnecke heißt. Die Schnecke ist dabei ein gutes Symbol für das Westend. Zwar wird seit 15 Jahren beschworen, dass das Westend kommt, sicher steigen die Mieten, tragen die Menschen gelbe Hosen, aber eigentlich geht es mit der Glockenbachifizierung gemütlich voran. Im Schneckentempo eben.

Das Wirtshaus am Bavariapark ist ein gutes Beispiel dafür. Zwar gibt es das Gasthaus in der alten Messekantine schon seit 2007, doch das energetische Zentrum der Schwanthalerhöhe, vor allem mit seinem Biergarten, ist es erst seit ein paar Jahren.

Das hat vor allem mit Philip Sedgwick und seiner Frau Sabine zu tun, die Wirtshaus, Biergarten und Bar neben der Kongresshalle 2011 nach mehr oder minder geglückten Vorbesitzerschaften übernahmen. Sie sind in der Welt herumgereist, eine Biografie, die zum bunten Westend passt – und sich bisweilen auch in der Speisekarte spiegelt.

Doch ein Wirtshaus ist ein Wirtshaus ist ein Wirtshaus, erst recht, wenn es zur Augustiner Brauerei gehört, darum ist die Karte vor allem traditionell. Eine solide Melange aus Krustenbraten (9,80 Euro), Bauerngröstl (10,80) und Kalbsrahmgulasch (15,40) wird geboten. Bei einem unserer Besuche wählten wir als Vorspeise eine Tafelspitzbrühe (3,90) und einen kleinen Salat mit Ziegenkäse (6,80), wobei die Brühe jene Würze zu viel hatte, die der Kräutervinaigrette fehlte.

Das Wiener Schnitzel (18,40) mit luftig welliger Panade um feinmürbem Fleisch gefiel umso mehr, es war aber deutlich gesalzen – nach kurzer Diskussion konnten wir uns darauf einigen, dass der Koch nur leicht verliebt war. Der Flammkuchen mit Speck und Käse (9,10) kam heiß auf den Tisch, was bei den dünnen Gebilden selten ist, den dritten Griff in die Schnittlauchkiste hätte sich der Koch aber sparen sollen.

Wirtshausuntypisches Steak auf Rucola-Tomaten-Salat

Sehr angetan waren wir vom wirtshausuntypischen Flankensteak auf Rucola-Tomaten-Salat mit Parmesan (14,80), das in Streifen geschnitten war, von feinem Aroma und schöner Zartheit. Bei anderer Gelegenheit wählten wir das 300-Gramm-Flankensteak (23,80), das von ähnlicher Klasse war.

Mehr als gut gefüllt sparten wir uns das Dessert, den verehrten Kaiserschmarrn gibt es im Sommer ohnehin nicht, die Tochter aber bestand auf Nachtisch. So gab es eine Schweizer Eismarke in bekannter Güte – kulinarisch nicht unbedingt erwähnenswert, aber durchaus typisch, was die Folgen angeht: Der Tisch war einbalsamiert mit Eis, Sahne lief über den Stuhl. Das Kind strahlte, der Service auch, kurz gewischt, als sei nichts gewesen. Es gibt hier eine Spielecke im gemütlichen Saal mit historischen Gemälden, zudem Kinderbasteln am Sonntag: Familien sind an der Bavaria willkommen. Alles andere wäre auch Selbstmord im Westend, dem Viertel mit der höchsten Geburtenrate Münchens.

Der beste Koch muss den riesigen Laden managen

Philip Sedgwick ist Brite, er hat in diversen Sternerestaurants gekocht und war zuletzt in den Peninsula Hotels in Hong Kong und Bangkok . Er führt das Wirtshaus mit fast 400, den Biergarten mit etwa 1000 Plätzen und ist zudem für das Catering der Kongresshalle zuständig. In der Küche steht er deshalb seltener, was zu bedauern ist, wenn man je auf einer privaten Feier eines seiner höllisch scharfen Currys oder asiatischen Häppchen probiert hat. Die Gerichte im Wirtshaus sind solide, bisweilen sehr ordentlich. Überdurchschnittlich sind sie nicht, was daran liegen mag, dass der beste Koch im Haus vor allem den riesigen Laden managen muss.

Ohne Einfluss bleibt Sedgwicks Vita aber nicht. Das “Flank-Steak” steht auf der festen Karte, an Fußballabenden gibt es Peninsula-Burger mit Speck und Jack-Daniels-Sauce, wie sie in der wunderschönen Kongressbar im Fifties-Stil serviert werden. Mittags wird mehr experimentiert als abends, da gibt es auf der Karte neben robusten Speisen wie Spiegeleier mit Bauernsülze auch japanischen Soba-Nudelsalat mit Crevetten und Enoki-Pilzen.

Wie das Viertel verändert sich langsam auch das Wirtshaus, und so gibt es seit einigen Monaten wochenends Frühstück, das eher ungewöhnlich ist. Es gibt Weißwurst (5,90) und Käsebretter (8,30), aber auch “Full English Breakfast” mit Speck, Würstchen und Baked Beans für 9,10 Euro. Sehr fein schmeckten die englischen Muffins (jeweils 4,90): flache Hefesemmeln, unterschiedlich gefüllt mit Lachs, Speck oder Salsiccia und mit Cheddar überbacken.

Wer in das Wirtshaus am Bavariapark geht, sollte keine gehobene Raffinesse erwarten. Wer aber Abwechslung sucht im Einerlei der Schnitzelbratenhaxenparade, wird angenehm überrascht sein und gerne wiederkommen.