Grünwald mal anders

Die Grünwalder Einkehr ist eine gemütliche Wirtsstube mit einfallsreicher Küche – das ist den Grünwald-Promi-Zuschlag wert.

Ach, Grünwald . Dorf der Nerzträger und Porschefahrer, der Filmstars und Fußballer, der Villen hinter hohen Mauern, wo Schein mehr zählt als Sein. Auch als die Grünwalder Einkehr nach mehr als drei Jahren Leerstand und Umbau am 1. November 2009 wieder öffnete, war das nicht zu übersehen.

Die neue, hellweiße Mauer mit den Nischen ist nachts schick beleuchtet, ein wenig protzig und glitzerig, wie man es in Grünwald eben zu lieben scheint. Gleich am Eingang der um einen Wintergarten erweiterten Gaststätte stapelt sich die Post von Peter Pongratz , 19. Ausgabe.

Von seinem Werbeblättchen lächelt einem Pongratz dutzendfach entgegen und lässt Prominente für sein neues “gastronomisches Juwel” werben. Wie heißt es so schön? Edle Hölzer, kühler Marmor, bei der Renovierung wurde nicht gespart.

Trüffelparfüm und Schmankerl-Trio

Beladen mit vielen Vorurteilen ließen wir uns auf den Polstern in der holzgetäfelten Wirtsstube nieder und, um es vorwegzunehmen, wir sind positiv überrascht worden: von einem angenehmen Ambiente (zumindest in der alten Wirtsstube – der Wintergarten dagegen ist innenarchitektonisch ein arger Verhau); von ausnehmend freundlichen, aufmerksamen, aber nie aufdringlichen Bedienungen, die selbst quengelnde Kinder stoisch ertragen; und nicht zuletzt von meist hervorragendem Essen, bei dem Küchenchef Andreas Geitl und sein Team durchaus Phantasie bewiesen.

Gewiss, manches erscheint überteuert, etwa die Maronensuppe. Genauer gesagt, ein “Kastanien-Cappucino mit Trüffelparfüm”, was bedeutet, dass die Suppe mit ein wenig Schaum in einer kleinen Tasse serviert wird. Das Trüffelparfüm hätte wohl kaum gereicht, um ein Schwein anzutörnen. Knapp sieben Euro dafür?

Auch beim Wintersalat mit gegrillter Garnele und Räucherlachs war zwar für knapp 15 Euro eine Menge Grünzeug geboten, allerdings als Durcheinander von Gurken, Karotten und Blättern, garniert mit ein paar ausgedörrten Krustentieren.

Als Idee sehr hübsch war dagegen das Schmankerl-Trio: Es kam auf einem dreistöckigen Teller, den man ansonsten nur beim High Tea in London gesehen hat. Auf den drei (herausnehmbaren) Etagen fanden sich Kalbfleischpflanzerl mit Linsengemüse, ein Happen Räucherlachs mir Meerrettich-Bratkartoffeln und Mozarella-Ravioli mit Tomaten-Orangenragout.

Viel Phantasie für viel Geld

Das sah nicht nur gut aus, sondern war auch das richtige Essen für Unentschlossene, die so gleich Dreierlei kosten können. Wer leichte Kost bevorzugte, war auch mit der Lasagne von Wintergemüse gut bedient: einem gratinierten Auflauf von Kürbis, Kartoffeln und Sellerie, der durch ein Tomatenragout und Orangenfilets eine fruchtige Note erhielt.

Bei Fleisch und Fisch meistert der Küchenchef ein breites Repertoire. Dass in einem bayerischen Traditionslokal der Schweinsbraten perfekt aus dem Rohr kommen sollte, samt Fettschicht und echter Kruste, versteht sich von selbst, ebenso dass eine Ente zart und knusprig zu sein hat. Bissfestes Rotkraut mit weichen Maronen ergänzten den Vogel hervorragend. Kalbsleber und Hirschbraten überzeugten durch fein aufs Fleisch abgestimmten Soßen.

Auch die Beilagen, ob Gratin, Kartoffelbrei oder Knödel, schmeckten wie frisch von Hand gemacht. Gespür für Kombinationen bewies der Koch bei den zarten Saiblingsfilets mit filetierten Orangen und Zuckertomaten und – vor allem – bei Lachs und Zander auf Balsamico-Linsen. Ihren besondern Pfiff erhielten die Fischfilets durch frisch gehobelten Meerrettich.

Von den Dessert kosteten wir nur die Apfelkücherl in Mandelkruste. Die aber sind ein guter Gradmesser für Nachtisch-Künste, gilt es doch, einen fein säuerlichen Apfel zu wählen und die Panade weder zu pappig noch zu fett noch zu dunkel herauszubacken. Die Grünwalder Kücherl auf Aprikosensauce hatten die Note eins verdient. Die Portion war überdies so üppig, dass sie locker für zwei Personen reichte, was uns mit dem ebenso üppigen Preis von 8,60 Euro versöhnte.

Billig ist, wie gesagt, die neue Einkehr nicht – vielleicht sind da ein paar Euro Grünwald-Promi-Zuschlag drin: Vorspeisen kosten zwischen etwa 5 und 15 Euro, Hauptgerichte von 12 bis 30 Euro und Nachspeisen um die 8,50 Euro. Doch zusammengenommen waren Ambiente und Essen ihren Preis wert. Und Peter Pongratz, der abends händeschüttelnd durch die Gaststuben schlenderte, stellte sich als durchaus charmanter Gastgeber heraus, der nicht nur mit Fuchsberger, Sixt und Co. busselte, sondern auch unprominente Gäste genauso gut behandelte. Da mussten wir uns dann doch von ein paar Vorurteilen trennen.



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