Himmel der Ausflügler

Goldforellenfilet aus dem Königssee und pochiertes Wallerfilet im Weißbierfond: Der Brauereigasthof Aying bietet regionale Spezialitäten, inspiriert von der eigenen Jagd. Die mitunter aufgemaschelten Gäste wissen in dieser bayerischen Dorfidylle gar nicht, wohin mit ihrem Glück.

Wenn der Sommer nicht mehr weit ist oder schon so dermaßen präsent, dass in der Stadt die Asphaltdecken dampfen, dann ziehen sich die Tester von der Kostprobe gerne aufs Land zurück. Ins Grüne, ins Kühle, ins kulinarische Idyll. Es muss ja nicht weit weg sein – Rosa Marín wurde diesmal in 25 Kilometer Entfernung von den Toren Münchens fündig. Wobei es keinen ausgeprägten Spürsinn erfordert, auf die Idee zu kommen, mal im “Brauereigasthof Hotel Aying ” zu schauen, wie die so kochen.

Denn diese Gaststätte gibt es schon ewig. Die Familie Inselkammer führt den weitläufigen Komplex im Dorfkern von Aying bereits in siebter Generation, und der “Bräu von Aying” kann es mit seiner Prominenz durchaus mit allen Wiesnwirten aufnehmen. Umso erstaunlicher, dass beim Wühlen durch die Kostprobenstapel der vergangenen zwei Jahrzehnte kein Test des Ayinger Imperiums zu finden war.

Adrett gedirndelte Kellnerinnen

Die Kollegen vom Feinschmecker haben soeben in ihrem hübschen Büchlein “Die besten Restaurants für jeden Tag” diese Lokalität zum Feinschmecker-Favoriten in Bayern erkoren – in einer Reihe beispielsweise mit dem Hotelrestaurant “Duke” in Berlin oder dem “Main Nizza” in Hessen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der Brauereigasthof Aying, das kann man mal so sagen, ist halt irgendwie mondän bayerisch .

Klar, da gibt es die preisgekrönte Privatbrauerei mit 14 Biersorten am Ortseingang. Rund um den Maibaum und die Kirche aber haben die Inselkammers alles gekauft und gerichtet, was ging. Da huschen adrett gedirndelte Kellnerinnen zwischen dem Vier-Sterne-Hotel, der benachbarten historischen Kegelbahn, dem Herrenhaus mit 14 Zimmern, dem “Troadkasten” für kleine Feste, dem Ayinger Bräustüberl samt wunderschönem Biergarten und eben dem Brauereigasthof hin und her über Kies und grünes Gras. Dazwischen die mitunter aufgemaschelten Gäste, die in dieser heilen bayerischen Dorfidylle gar nicht wissen, wohin mit ihrem Glück.

In der Küche des Gasthofes versucht allabendlich Curt-Daniel Scheffler sein Glück: Feine regionale Spezialitäten, inspiriert von Produkten aus der umliegenden Landwirtschaft und der eigenen Jagd – so beschreibt er sein Konzept. Das gelingt ihm grundsätzlich gut, mitunter sehr gut. Etwa bei der gebratenen Kalbsleber mit Elsässer Senfsauce, Kartoffelstampf und Gewürzapfel (21 Euro). Die Leber war außen knusprig, innen butterweich und keinesfalls trocken, das Ganze war fein abgestimmt mit der leicht süßlichen Sauce.

Knuspriger Spanferkelrücken

Das ließ sofort die Brennesselcremesuppe (7,50) zuvor vergessen – samt dem pochierten Landei, das in einer faden grünlichen Flüssigkeit schwamm. Eine Spezialität im Brauereigasthof Aying sind die Schinken, etwa der hausgemachte Lammschinken mit Salat von der Ölrauke und Bohnen (13,50) oder der sehr würzige Hirschschinken mit hübschem Salatbouquet und grünem Spargel (14,50). Bei einem Besuch war die Temperatur genau richtig, die zarten Schinkenscheiben entfalteten ihren Geschmack auf dem feinen Porzellan. Ein anderes Mal aber kam der Aufschnitt offenbar direkt aus dem Eisschrank, was sich nur für Carpaccio empfiehlt.

Superb hingegen der knusprige Spanferkelrücken (19,80) mit frisch geriebenem Kartoffelknödel, den Speckkrautsalat reichen die aufmerksamen Kellnerinnen extra an. Auch auf die Zubereitung des geschmorten Ochsenbackerls (19,80) versteht sich das Küchenteam. Kaum sieht es auf dem Teller übersichtlich aus, eilt jemand vom Personal vorbei und fragt lächelnd, ob man mehr Sauce haben wolle. Sehr aufmerksam!

Meisterlich auf den Punkt gebraten

Auch Fisch steht in allen Variationen auf der zweiseitigen Speisekarte. Mal ein Goldforellenfilet aus dem Königssee (21,50), mal ein pochiertes Wallerfilet im Weißbierfond auf Sellerie-Petersilienwurzelgemüse (21). Rosa Marín entschied sich für ein Eismeersaiblingsfilet. Das war von der Konsistenz her meisterlich auf den Punkt gebraten, bei der Zitronen-Thymian-Butter hätte sie sich aber mehr Power gewünscht.

Die Gewürze waren nicht durchzuschmecken, das Ganze zu dezent geraten. Das Gleiche galt für die Limetten-Pannacotta mit mariniertem Rhabarber, Himbeeren und Orangestreusel (7). Die Kreation schmeckte recht gut, der freche Pfiff jedoch fehlte.

Gediegen – so lassen sich Speisen und Gäste in diesem Gasthof gleichermaßen beschreiben. Die Geräuschkulisse ist gedämpft, zwischen gedrechselten Säulen schimmern Lichtspots von oben. Der Brauereigasthof ist stets sehr gut besucht, Qualität auf Dauer spricht sich herum. Abends jedoch, gegen 23 Uhr, ist der kulinarische Spaß vorbei, die Stühle werden hochgestellt. Dezent natürlich, ohne Rumpeln. Wer nicht im schönen Hotel wohnt, hat noch eine Strecke nach Hause vor sich. Wir sind ja auf dem Land.