Hochwertig und doch bodenständig

Das Rittergütl in Irschenhausen steht für gute Küche, moderate Preise und ein großartiges Alpenpanorama.

Richard Weiß ist in San Francisco geboren und in Bristol aufgewachsen. Aber er kann sich keinen besseren Ort zum Leben und Arbeiten vorstellen als den Ickinger Ortsteil Irschenhausen, wo er seit 16 Jahren den Landgasthof Rittergütl betreibt. Weiß, 49, schlank, grau meliertes Haar, betont das immer wieder. Er spricht leise, aber deutlich, überlegt, bevor er antwortet, und wählt seine Worte mit Bedacht. “Ich habe bis jetzt fast alles richtig gemacht”, sagt der Küchenchef und Familienvater, wenn er auf sein bisheriges Leben zurückblickt.

Seine Gäste geben ihm Recht. An lauen Wochenendabenden zwischen Mai und September sollte man früh kommen, um in dem Biergarten mit seinen 160 nicht reservierbaren Plätzen noch einen Tisch zu ergattern. Das liegt nicht nur am atemberaubenden Ausblick über die Felder und Hügel des Isartals mit spektakulärer Fernsicht auf Benediktenwand und Karwendelspitze. Sondern auch an der hochwertigen Küche, die dem Rittergütl längst überregional einen Namen gemacht hat: Wirtshausklassiker wie Zwiebelrostbraten, Tafelspitz oder ein hauchdünn plattiertes Wiener Schnitzel vom Kalb ergänzt Weiß mit einer wechselnden Tageskarte mit kreativen saisonalen Gerichten. Die Preise sind moderat, ein Hauptgericht kostet in etwa zwischen zehn und 22 Euro, den Schweinekrustenbraten mit Majoran gibt es schon für 10,50 Euro. Regionale Produkte und Qualität sind Weiß wichtig, aber auch, dass für jeden etwas dabei ist. Das macht sich auch an der Mischung im Publikum aus Einheimischen und Gästen aus Starnberg und München bemerkbar. “Nicht zu überkandidelt, dass sich kein Handwerker reintraut, aber auch nicht zu bodenständig, dass die gut Betuchten nicht kommen”, fasst Weiß seine Philosophie zusammen.

Dass sie aufgeht, liegt wohl auch daran, dass er die Zeit und den Raum hatte, seinen eigenen Weg zu gehen: In Kalifornien als Sohn einer Engländerin und eines Deutschen geboren, wuchs er nach der Trennung seiner Eltern bei der Mutter in England auf. Der schwierige Arbeitsmarkt dort zog ihn mit 17 nach Irschenhausen zu seinem Vater Eugen Weiß. Der hatte den Gasthof 1978 erworben und ihm auch seinen einstigen Namen wiedergegeben: Ritter hieß ein vormaliger Besitzer des Anwesens. Das “Gütl” spielt auf die großen Ländereien an, die einst dazu gehört hatten. Die Übernahme stand für Weiß früh in Aussicht, der Weg dorthin war jedoch offen. “Mein Vater hat mir freie Hand gelassen in meiner Wanderschaft als Koch”, sagt er. Seine Kochlehre machte Weiß im Garmischer Posthotel Partenkirchen, das unter Romeo Hofer damals einen Stern hatte. “Dort habe ich die feine Küche im großen Stil gelernt”, sagt Weiß. Es folgten Stationen in der Schweiz, Frankreich, England und auf Passagierschiffen, wo Weiß auch im Service und im Einkauf tätig war.

Weiß war 34, als er im Jahr 2000 das Rittergütl übernahm, “zur richtigen Zeit”, wie er heute sagt. Er ließ das Lokal renovieren und gab ihm mit offenen Gasträumen, Buchentischen, neuen Vorhängen und neuem Besteck eine eigene Note. Das gilt auch für die Küche. Dort bereiten Weiß und seine eingespielte Mannschaft neben regionalen und mediterranen Speisen auch Rezepte aus der eigenen Biografie zu: Auf die Tageskarte kommen immer wieder Fish and Chips, Shepherd’s Pie oder kalifornische Fischsuppe, aber auch gerilltes Kalbsherz oder Boeuff Lamott in der Tradition des Vaters. Im Laufe der Jahre hat sich das Rittergütl etabliert, und mit dem Bekanntheitsgrad wuchs auch die Zahl der regionalen Zulieferer, die bei Weiß an die Tür klopften: Den Fisch bezieht er vom Starnberger See und von der Aumühle, das Fleisch von Biobauern aus der Region und das Wild von Jägern aus dem Gemeindegebiet.

Beim Probeessen fiel die Auswahl auf Radieserl-Frischkäsesalat, Wadlhauser Rehfilet und Marillenknödel von der Tageskarte, sowie hausgebeizte Lachsforelle, gebratenes Saiblingsfilet und Mousse au Chocolat von der Standardkarte. Der Radieschensalat kam mit Kresse auf Frischkäsekugeln und hatte eine unaufdringliche sommerlich-frische Säure, zu der die Balsamicocreme auf dem Teller ausnahmsweise passte. Die gebeizte Lachsforelle von der Aumühle war so zart, dass man sie mit der Gabel mühelos zerteilen konnte, jedoch etwas arg salzig. Abgemildert wurde das mit dem dazu gereichten Kartoffelstroh – eine interessante, aber auch etwas trockene Kombination. Das galt nicht für den ausgelösten Saibling, der mit festem Fleisch und knuspriger Haut auf den Punkt gegart war. Ein paar Spritzer Kürbiskernöl, Gemüse in Dillrahm und gebratene Kirschtomaten rundeten den Fisch passend ab.

Das Rehfilet kam in drei dünnen, plattierten Scheiben, die aber innen rosa und butterzart waren. Etwas zu reichlich der kräftige Beerenjus, dessen säuerliche Dominanz mit Sauerrahm gemildert werden konnte. Zu beiden Hauptgerichten gab es ein cremiges Kartoffelgratin mit feinen, bissfesten Kartoffelscheiben. Die Marillenknödel mit ihrem ideal bissfesten und leicht klebrigen Teig, frischer säuerlicher Frucht und feinen Butterbröseln hätte auch eine österreichische Oma kaum besser hingekriegt. Köstlich war auch die Mousse mit buttrig-fester Konsistenz und Bitterschokoladestückchen.

Wenn der Biergarten voll ist, kann man im Rittergütl auch schon einmal ein paar Minuten auf den Nachtisch warten. Die Bedienungen sind aber stets freundlich und auf Zack. So manche von ihnen, sagt Weiß, kenne er noch von ihrer Kommunion, die sie mit ihren Eltern bei ihm im Lokal gefeiert hätten. “Es freut mich, dass sie sich hier wohl fühlen.” Vielleicht zeigen die jungen Aushilfen mehr noch als die zahlreichen Stammgäste, dass Weiß und seine Frau Karin, die ihn als “gute Seele des Hauses” unterstützt, das richtige Händchen für das Rittergütl haben. Und dass ihr Plan als Besitzer des Landgasthofs aufgehen könnte. Mit den Jahren, erzählt Weiß, habe er verstanden, was ihn von einem Pächter unterscheide, der nur auf “die schnelle Mark” aus sei: “Wir wollen hier alt werden.”