“Ich koche für Sie, wann Sie möchten”

Das italienische Restaurant Albarone in der Altstadt hat keine Website und keine Speisekarte, der Wirt bekocht den Gast persönlich – mit acht Gängen deftigem Südtirol.

Wie oft im Leben eines Testessers begann es auch diesmal mit einem Tipp. Er kam vom polyglotten Kollegen S., dem man in Sachen italienische Küche durchaus vertrauen darf. Er empfahl ein Restaurant mit dem melodischen Namen “Albarone”. Beste Innenstadtlage, gleich bei den Kammerspielen ums Eck. Hübscher Innenhof, tolles Essen, sagte S. Eigentlich seltsam, dass wir Kostproben-Leute dieses Restaurant nicht längst auf dem Schirm hatten. Also nichts wie hin.

Doch schon das erwies sich, wie alles Folgende, als ungewöhnliche Erfahrung. Das Albarone ist in vieler Hinsicht eine ausgefallene, überraschende Gaststätte. So gibt es schon mal keine Website, also auch keine digitale Speisekarte. Man findet positive Empfehlungen wie auch Appetit machende Bilder auf den einschlägigen Portalen, aber eben nichts Offizielles. Also greifen wir, alte Schule, zum Telefon. Niemand hebt ab. Irgendwann ruft eine lebenslustige Südtiroler Stimme zurück. Ob wir für morgen einen Tisch reservieren könnten? “Ja klar, wann wollt’s denn essen?” Nun, im Internet heißt es, Sie machen um 19 Uhr auf. “Ach was, da schreibt immer irgendwer so Zeug rein. Ich koche für Sie, wann Sie möchten, auch um drei oder um fünf. Wann wollen Sie kommen?” Also, äh, dann bleiben wir einfach bei 19 Uhr. Abgemacht.

Am nächsten Abend klingeln wir in der Stollbergstraße an der Eingangstür eines stattlichen Bürgerhauses. Im Erdgeschoss tritt man wie in eine Wohnung, und der Wirt begrüßt seine Gäste mit kräftigem Handschlag. Zwei Gläser Rosé-Schaumwein stehen auf einer Theke bereit. Hinten im Gastraum hat man freie Tischwahl. Von dort ist auch der Innenhof zugänglich, Kollege S. hatte davon geschwärmt, aber dafür ist’s zu spät im Jahr.

Statt einer Speisekarte (oder zumindest einer Tafel) präsentiert sich der freundliche Wirt, er ist, wie sich zeigt, Koch, Kellner und Sommelier zugleich, höchstselbst am Tisch – mit einer Ansage und einer Frage. Die Ansage lautet: “Molekularküche mache ich fei nicht.” Das klingt schon mal gut. Die Frage zielt auf Unverträglichkeiten. In unserem Fall: Keine, wir essen alles.

Es folgt gespanntes Warten. Vielleicht sollten wir mal nach der Weinkarte fragen? Oder einer Preisliste? Aber irgendwie scheint das hier nicht üblich zu sein. Die anderen Gäste stellen auch keine Fragen. Also passen wir uns den Usancen an, lehnen uns zurück, genießen den Schaumwein und bekommen den ersten Gang serviert, ein appetitlicher Teller mit einer Handvoll ausgelöster Muscheln, Lachs-Tartar, etwas gegrilltem Chicorée sowie Apfel-Sellerie-Kraut. Als die Meeresfrüchte samt Schaumwein verzehrt sind, regt sich die Lust auf Wein, und als könne er Gedanken lesen, entkorkt der Wirt für uns eine kühle Flasche Weißen. Aber, man ahnt es, schon wieder gibt es eine Überraschung: Es ist ein Weißwein, aber aus roten Trauben gekeltert, leicht, herb und kantig mit Zitrus-Aromen. Trotz seiner Leichtigkeit ist das Gewächs ein angenehmer Begleiter für den weiteren, wie sich herausstellt, überaus genussreichen Abend.

Es folgen mehrere Gänge deftiges Südtirol, hauchdünn geschnittene Spanferkelscheiben mit Knoblauchsalat, eine schaumige Weißwein-Suppe sowie einer der Höhepunkte des Abends: Mit Ochsenschwanz gefüllte Schlutzkrapfen. Die Teigware erinnert optisch an Ravioli, ist aber dünner, fester und knuspriger. Eine Portion Buchweizen-Strozzapreti mit Maronen und gerauchtem Mozzarella entfaltet ähnlichen Genuss wie ein Waldspaziergang. Angenehm gesättigt und von dem falschen Roten aus dem Piemont bezaubert, erträgt man dann auch die etwas schnulzige Hintergrundmusik sowie den eigenwilligen Wandschmuck, bizarre Leuchtfarben-Gemälde sowie Laserlichtpunkte, die an der Decke herumwabern.

Nach dem fünften (oder war es der sechste Gang?) fügt sich alles zu einem Gesamtgemälde. Langsam stellt sich auch ein Gefühl der Sättigung ein, doch das Ende ist noch längst nicht in Sicht. Acht Gänge werden es am Ende. Nummer sechs ist ein auf der Haut gebratenes Doraden-Filet auf leuchtend-gelber sämiger Safran-Sauce, Nummer sieben sind dünn geschnittene Stücke der Rinderschulter, leider etwas flachsig, einer der wenigen Minuspunkte, der jedoch von Gang acht, einer Holler-Pannacotta mit Zitronen-Pflaumen-Sorbet und Birnenstücken mehr als wettgemacht wird.

Irgendwann zwischen Strozzapreti und Dorade fragten wir uns, was die Schlemmerei wohl kosten würde. Wohlgemerkt, eine Speisenkarte oder Preisliste hatten wir nie zu Gesicht bekommen. Doch zuvor verlangten die acht Gänge nach einem Schnaps. Man ahnt es, der Wirt hatte auch hier etwas Spezielles zu bieten: einen 63-Prozenter vom eigenen Vater.

Die Rechnung war recht unkompliziert beim Hinausgehen zu begleichen und mit 60 Euro und 50 Cent pro Menü (na klar, bloß nichts Rundes) für acht Gänge absolut fair, ebenso wie der Wein. Gerne wieder, Herr Wirt. Und nächstes Mal kennen wir die Usancen dann schon ein bisschen besser.