“Ich war immer auf der Flucht”

Gunther Nann war ein erfolgreicher Geschäftsmann, zog sich aber dann in eine Jurte zurück. Dort kreierte er ein Rezept für vegane Eiscreme. Heute betreibt er einen erfolgreichen Eisladen in der Maxvorstadt.

Gunther Nann, 43, hat lange experimentiert, um die richtige Rezeptur zu finden. Dazu installierte er eine Solaranlage auf seiner Jurte, die einen Hochleistungsmixer, eine Eismaschine und eine Kühltruhe betrieb. Wenn der Wetterbericht für das Tessin reichlich Sonne versprach, legte er einen Produktionstag ein. Die Idee entstand, als er einen veganen Rohkostkuchen gebacken hatte – mit einer unglaublich cremigen Füllung. Wenn man vegan eine solche Konsistenz herstellen konnte, müsste sich auch eine gute Eiscreme herstellen lassen, so sein Gedanke. Und wenn Gunther Nann sich einmal in einen Gedanken verliebt, will er ihn umsetzen. Agavendicksaft für die Süße? Wurde zu klebrig. Kokos? Zu süß. Nach jedem Produktionstag musste er drei Tage Pause einlegen, bis die Geräte wieder geladen waren. Und als er schließlich bei den Datteln für die Süße landete, viele Mineralstoffe und mild im Geschmack, da war er überzeugt. Und der Ashram, einen kleinen Fußmarsch entfernt, der fand es auch super.

Zehn Jahre ist das mittlerweile her. Nann sitzt im Schneidersitz auf einer Bank in der Amalienpassage, einen Steinwurf von seiner eigenen Eisdiele Ice Date entfernt. Ein entspanntes Lächeln, ein aufmerksamer Blick und einen Fleck von der Sorte “Creamy Berry” auf seinem weißen Shirt. Er wirkt in sich ruhend. Auch wenn seine To-Do-Liste lang ist und – für seinen Geschmack – zu viel darauf steht.

Fünf Kugeln verspeist Nann gerade, Mango-Maracuja mag er am liebsten. Sein Eis isst er jeden Tag. Und damit ist er vielleicht das beste Aushängeschild für seine Eisdiele.

Jung sieht er aus für seine 43 Jahre – vielleicht war das der Grund, dass die Tierrechtsorganisation Peta ihn zu “Germany’s Sexiest Vegan 2017” gekürt hatte. Die Teilnahme am Wettbewerb war eine Herausforderung für ihn. Er ist keiner dieser Angebertypen, die ständig im Mittelpunkt stehen müssen. “Aber ich wollte mich nicht weiter verstecken.” Und eigentlich wollte er den Titel als Marketinginstrument für “Ice Date” nutzen, wieder etwas auf der To-Do-Liste, das untergegangen ist. Er managet seine Marke bisher alleine. Manchmal kommt er nicht mehr hinterher mit all dem, was er sich so vorstellt. “Ich bin der schlechteste Manager der Welt”, sagt Nann und lächelt trotzdem. Ganz so kann das auch nicht stimmen, denn das Ice Date hat sich in den vergangenen fünf Jahren zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt.

Genuss ohne Reue – damit trifft sein Eis ein Gefühl vieler Großstädter

Außerdem trifft sein Eisladen das Gefühl vieler Großstädter: Genuss ohne Reue, veganes Eis ohne Zusatzstoffe, ohne Zucker – einfach nur hausgemachte Cashewmilch für die Cremigkeit und Datteln für die Süße. Ein pürierter Obstsalat mit Nüssen quasi. Auf minus acht Grad wird das vegane Eis von Ice Date gekühlt, konventionelles ist kälter, minus zwölf bis minus 14 Grad. “Wenn ein Eis besonders kalt und trotzdem sehr cremig ist, ist das nicht gerade ein Qualitätsmerkmal, sondern ein Zeichen dafür, dass es eine Zuckerbombe ist”, sagt Nann.

Rohrzucker ist für ihn überflüssig, Essen kann schließlich gut und nahrhaft gleichzeitig sein. Vegetarier ist er schon seit der Schulzeit. Zum Veganer wurde er, als er einmal, beim Urlaub auf einen Biobauernhof, ein Kalb anhören musste, das nach der Geburt von seiner Mutter, der Milchkuh, getrennt wurde und kläglich wimmerte. Tagelang. Er verzichtete damals auf Milch, Pizza blieb lange ein Schwachpunkt, bis er auch die von seiner Essensliste strich.

“Meine Ernährung hat sich mit jeder Reduzierung erweitert”, sagt er. “Früher waren da Nudeln mit Fleisch oder halt Fleisch mit Kartoffeln. Dann Linsen, Kichererbsen – und was gibt es da alles an Zubereitungsarten, Wahnsinn. Was es allein für indische Gewürze gibt – und dann, als Veganer, allein wie viele Milcharten aus verschiedenen Nüssen es gibt. Und das Eis ist für mich das beste Beispiel.”

Eine Zeit lang ernährte er sich sogar nur von Rohkost, eben zu jener Zeit vor beinahe zehn Jahren, als er in der Jurte lebte. Ein Freund, der einen Ashram im Tessin gründete, fragte Nann, ob er nicht mitmachen wolle bei den Aussteigern. Nann fand das zwar spannend, sagte aber trotzdem ab. Halb. Er wollte nicht im Ashram leben, baute sich aber in der Nähe seine Jurte auf, um sich dorthin zurückziehen zu können, wann immer er wollte. Zu viel Nähe, Beziehungen zu anderen Menschen, damit tat er sich oft schwer.

“Die meisten Sachen kamen immer aus dem Nichts zu mir”

“Ich war immer auf der Flucht”, sagt Nann heute. Aber diese Flucht brachte ihn an interessante Orte.

Etwa in die New-Age-Hippie-Stadt Sedona in Arizona, in der er an einer Art Psychologie-Workshop teilnahm. Über die Jahre hat er viele solche Seminare besucht. Konventionelle und unkonventionelle. Er hat sich mit dem Nervensystem beschäftigt, mit verschiedenen Theorien zu Persönlichkeitsschemata, er hat medizinische Bücher zur Funktionsweise der Psyche gelesen – eine andauernde Recherche. Als kleines Kind war er Mittelpunkt eines erbitterten Sorgerechtskrieges. Nann arbeitete diese Zeit auf, wollte verstehen. Nicht mehr auf der Flucht sein, vor sich selbst, vor anderen Menschen, vor dem Leben. “Früher hätte ich gesagt, ich hatte doch eine schöne Kindheit”, sagt er. Eine Schutzreaktion seines Bewusstseins, die ihn aber, wie er heute sagt, nie tief in Bindungen einsteigen ließ. Die Auseinandersetzung damit war nicht immer leicht. Aber hilfreich. Sagt er zumindest.

In Sedona machte Nann Fahrradtouren, suchte nach Ruhe in der weitläufigen Landschaft mit den roten Felsen. Leisten konnte er sich das, weil er früh in Tesla investiert hatte und weiter mit Optionen handelte. “Die meisten Sachen kamen immer aus dem Nichts zu mir”, sagt er. Man könnte aber auch sagen, dass er ein gutes Gespür für gesellschaftliche Strömungen hat und darauf zu vertrauen weiß. Den Mut hat, seiner Intuition zu folgen. Schon mit Anfang Zwanzig hatte er sich mit einem kleinen Business selbständig gemacht. Er importierte ein Fitnessgerät aus Taiwan und bot es auf dem deutschen Markt an. Gyrotwister nannte er das Gerät, eine Art kleiner Ball, der die Armmuskulatur trainiert.

Bald hatte er zehn Angestellte und kündigte seinen Job als Junior Producer beim Privatfernsehen. Natürlich: Dass er sich immer wieder in Projekte stürzt, hat auch etwas Fluchtartiges. Aber immerhin konnte er sich so seine Auszeiten und Workshops finanzieren. Und wenn man so will, gäbe es ohne seinen wirtschaftlichen Erfolg heute kein “Ice Date”. Selbst dem Verlauf seiner Kindheit kann er heute etwas abgewinnen, “sonst hätte ich mich wohl nie so gut kennen gelernt”. Heute kann er offen und frei von sich erzählen, das war nicht immer so. Zu seinen Eltern hat er ein gutes Verhältnis.

Nach einer Premiere auf dem Tollwood eröffnete Nann ein paar Wochen später endlich seinen Eisladen in der Amalienstraße. Der Umsatz wächst stetig. Mittlerweile gibt es sein veganes Eis auch in kleinen Läden in Nürnberg, Fürth und Überlingen. Und Gunther Nann hofft, dass veganes Eis nicht nur ein Hype ist, sondern zu einem langfristigen Trend wird.

Nann ist ein Mensch, der gern Neues macht, sich viel vornimmt. Nach wie vor. Eines Tages möchte er nach Amsterdam ziehen, vielleicht dort anderen Menschen dabei helfen, sich selbst besser zu verstehen. Das ist ein großer Plan. Der kleine ist es, heute rechtzeitig mit dem Arbeiten aufzuhören, um zur Yoga-Stunde gehen zu können. Und dann? Kommt vielleicht wieder etwas ganz anderes zu ihm. Wie aus dem Nichts.