Im Atomic war alles besser

Der Cord Club spielt mittwochs Indie und lässt damit legendäre Abende im Atomic Café aufleben. Aber kann es einen zweiten “Britwoch” überhaupt geben?

Mit dem Atomic Café ist es wie mit einem Körperteil, das der Stadt amputiert wurde. Wo es fehlt, ist immer noch ein leichtes Kribbeln zu spüren, manchmal auch ein dumpfer Schmerz. Seit eineinhalb Jahren gibt es den Club nicht mehr, für viele war er der beste der Stadt, einzigartig in München in jedem Fall. Und wer sich jung und alternativ fühlt, trauert ihm immer noch nach.

Mittwochs ist der Phantomschmerz besonders stark. Denn Mittwoch war Britwoch. Indie, Britpop, Gitarren, sowas lief im Atomic, und dazu trank man Gin Tonic und Bier aus zu kleinen Flaschen. Nun scheint das wieder aufzuleben – nicht im Atomic Café, sondern im Cord Club. “In_die_Disko” heißt die Reihe, wechselnde DJs spielen Indiepop, und zwar, ja: mittwochs. Der perfekte Atomic-Nachfolger also, denkt man. Aber geht das überhaupt? Kann es so etwas wie den Britwoch wirklich wieder geben?

Der Atomic-Stammgast motzt erst einmal. Was das soll mit diesen Revivals, wir sind ja nicht bei Rock like Roxy in Straubing, und überhaupt, ein Atomic-Britwoch-Nachfolger kann nie so gut werden wie der echte Atomic-Britwoch. Früher war alles besser, auch die Clubs .

Früher im Atomic kam man britwochs bis 23 Uhr kostenlos rein. Drinnen holte man sich erst einen Stempel und dann draußen noch ein Bier im Marienplatz-Zwischengeschoss, damals stand da noch ein Kiosk. Wer ins Atomic ging, wollte immer ein bisschen anders sein als dieses perfekte Innenstadt-München und war doch mittendrin. Man trug Chucks statt Highheels, sah lieber verlottert aus als zu schick, wippte lässig mit dem Kopf oder sang mit, und wenn da wieder DIESES Lied lief, ging es ab auf die Tanzfläche. Ach, Atomic. Ach ja, die gute alte Zeit.

Und heute? Ab in die Disko, Mittwoch, Cord Club. Streifenshirts, Karohemden, Innenraumwollmützen – optisch sind Britwoch und In_Die_Disko auf einer Linie. Jutebeutel, sogar Rucksäcke auf der Tanzfläche, Grüppchen in der Mitte, Pärchen am Rand. Durch große Fenster schaut man auf die Sonnenstraße, ganz anderes Gefühl, so weit oben zu sein.

Die Gin-Tonic-Trinker an der Bar reden was von Atomic-Nachfolger, so wie es auch in verschiedenen Ankündigungen im Internet steht. Die Veranstalter dagegen nennen den Abend gar nicht so, nur bei den DJs wird betont, dass man sie schon aus dem Atomic kennt, Sir Hannes und Bavarian Mobile Disco zum Beispiel.

Im Cord lief schon mal Indie, bevor der Club komplett umgewandelt wurde , es gab Plüsch und eine holzverkleidete Deckenbeleuchtung. Stattdessen jetzt: röhrenartige Lichtpunkte an der Decke. Der DJ spielt Arctic Monkeys und Tame Impala, alte und neue Sachen gemischt, Franz Ferdinand, The Smiths – wo läuft denn heute bitte noch The Smiths?, schreit es von rechts ins Ohr. Ja, wo. Die Lichtpunkte kreiseln, als würde man in einen Tunnel hineinschauen. Früher im Atomic gab es eine Lavalampe, das Atomic war orange, es hatte genau die richtige Größe und die richtige Temperatur, zu heiß nämlich. Im Atomic hing ein Glitzervorhang, der so wichtig war, dass die Leute sich zum Andenken Stücke herausschnitten, bevor der Club endgültig zumachte.

Wie das Line-Up eines gigantischen Festivals, auf dem man gern gewesen wäre

Im Atomic gab es einen Kiosk im Club, man konnte Zigaretten dort kaufen und Gummischlangen. Im Atomic liefen auch die Arctic Monkeys. Und sie spielten da auch live, als noch fast niemand sie kannte, so wie unzählige andere Bands. Wenn man sich die Atomic-Bandliste heute ansieht, sieht das aus wie das Line-Up eines gigantischen Festivals, auf dem man gerne gewesen wäre.

Im Cord ist es natürlich nicht wie früher im Atomic. Kann es wirklich nicht sein. Die Karohemdenträger sehen so jung aus, ob die überhaupt wissen, was das war, das Atomic? Wahrscheinlich nicht. Müssen sie auch nicht. Die Einrichtung des Atomic, der Tresen, die Klotür, stehen jetzt im Stadtmuseum.

Am Rand der Tanzfläche Gespräche über Conny und Markus, die das zweite Kind kriegen, und Caro und Max und wie es denen in Ingolstadt so gefällt, und natürlich darüber, wie viel besser es früher im Atomic war. Die Karohementräger recken vor dem DJ-Pult die Arme in die Höhe. Ach, ihr Glücklichen, die ihr das Atomic nicht miterlebt habt und nicht trauern müsst!

Raus aus dem Cord. Und dann, auf einen kleinen Abstecher, da vorbei, wo früher das Atomic stand. Ist ja nicht weit. Nasse Neuturmstraße, nur ein Pärchen vor dem Mandarin Oriental. Feinstes München. Das Atomic bleibt verschwunden. Es ist so tot, dass man kaum mehr weiß, wo sich früher diese Metalltür ins leuchtende Orange öffnete. Liegt es am supersauberen Lacoste-Shop? An der Erinnerung, die im Alkohol verschwimmt? War das nicht sowieso eine ganz andere Straße damals? Hach, Atomic, du fehlst. Und früher war sowieso alles besser.



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